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Erben als Familiendrama

Der neueste Serienerfolg aus Dänemark heißt „Die Erbschaft“. Es geht um Lügen, Intrigen und mittendrin um die Frage: Was ist eigentlich Familie – und was bedeutet sie uns?

Diesmal geht es nicht um Mord, obwohl auch hier – für skandinavische Serien typisch – gleich zu Beginn gestorben wird: Es ist der Tod von Veronika Grønnegaard, der die Handlung ins Rollen bringt. Erzählt wird von einer dominanten Mutterfigur, die sich mit ihren ungeklärten Lebenskonflikten vorzeitig von dieser Welt verabschiedet, indem sie einem Krebsleiden erliegt.  Zurück bleiben vier Kinder, die schon erwachsen sind, sowie zwei der Ex-Männer – und ein Nottestament.

 

Die Bombe platzt, als dieses offen legt, dass Veronika nicht – wie zu erwarten gewesen wäre – ihr Lebensvermächtnis an die drei ältesten Sprösslinge weiterreicht, sondern ihr riesiges ländliches Anwesen, den idyllischen Gutshof Grønnegaard, einer im Grunde nahezu Fremden vererbt: Es ist die jüngste Tochter Sunshine, die früh als Kind zur Adoption freigegeben wurde und nun zur Alleinerbin bestimmt ist, aus Umständen heraus, die zunächst noch im Dunkeln liegen.

 

Bereits Anfang 2014 wurde das dänische Erbschaftsdrama in seiner Heimat ausgestrahlt, wo die erste Staffel geradezu wie ein „Straßenfeger“ wirkte – die dänischen Zuschauer stürmten bereitwillig vor die Fernseher. Seitdem verkaufte die Serie sich allerdings noch in weitere 40 Länder, wodurch sie derzeit auch international viel Lob und Anerkennung erntet. Nicht geklärt ist bisher, ob sie auch bei uns im Fernsehen laufen wird – im Moment ist lediglich eine DVD im Handel erhältlich.

 

Und das ist ausgesprochen schade. Denn Liebhaber von Erfolgsserien wie „Die Brücke“ und „Kommissarin Lund“ oder „Borgen“ werden sicher auch diese Familiensaga mögen. Nicht zuletzt fällt bei der Serie mal wieder auf, wie gezielt unsere nördlichen Nachbarn darauf achten, insbesondere auch weibliche Figurenbesetzungen stark und unkonventionell anzugehen: Da ist beispielsweise Veronika, die zwar etwas zurückgezogen auf der dänischen Insel Fünen lebt, sich hier aber ihren Lebenstraum erfüllen konnte: Sie arbeitet in ihren Ateliers als eine der angesehensten Künstlerinnen ihres Landes, zwischen Pinseln und Farben und so exzentrischen wie teuer gehandelten Werken aus der eigenen Werkstatt. Umgeben ist sie dabei auch von einer Großfamilie, die nach einem modernen Patch-Work-Familienmodell aufgestellt ist. Das wirkt teilweise erfrischend lebendig – teilweise sind jedoch heftige Beziehungsbrüche, vor denen auch Patch-Work-Familien nicht gefeit sind, mehr als offenkundig. So will etwa der älteste Sohn das mütterliche Haus erst in jenem Moment wieder betreten, als er meint, endlich sein Erbe entgegennehmen zu dürfen.


Doch mit dem Erben ist es so eine Sache: Das bekommen auch die vier Geschwister im Laufe der Story zu spüren. Denn vordergründig mag es dabei um Güter und Gelder gehen – doch guckt man genauer hin, geht es dahinterliegend oft um ganz anderes. Um verletzte Gefühle, um Selbstzweifel und die verunsicherte Frage: Wo genau ist eigentlich mein Platz in dieser Familie? Und welche Spuren hinterlässt das in dem Leben, das ich selbst führen möchte? Während die Geschwister gegeneinander antreten, um jeweils allein um ihr Erbteil zu kämpfen, geraten sie zugleich immer stärker auch in eine Auseinandersetzung hinein mit sich selbst, mit  eigenen Abgründen und Fallstricken, die in ihren Lebensentwürfen sich verborgen halten. Maya Ilsøe, die das Drehbuch zur Serie schrieb, recherchierte im Vorfeld und sprach mit Juristen, Psychologen, Freunden und Bekannten über das  Thema Erben. Und wie sie in Interviews erklärte, stellte sich schnell heraus: „Es birgt wirkliche Dramen in sich“.

 

In diesem Sinne geht es in der Serie für die Figuren nicht zuletzt auch darum, sich aus dem Schatten der Übermutter und ihrer Lebensgeschichte zu lösen. Familie gibt einem Halt, erspart es einem jedoch nicht, sich mit der Verwandtschaft auch kritisch auseinanderzusetzen und eigene Grenzen zu definieren. „Du kennst deine Familie nicht, bevor du gemeinsam mit ihr dein Erbe antrittst“, sagt Maya Ilsøe hierzu. Der Satz mag böse klingen, aber enthält womöglich einen Funken Wahrheit.