Reizthema

Zug um Zug

Erst Frauenquote, nun Entgeltgleichheit - Ist Deutschland schon das neue Paradies? Wie andere das sehen.

Von: Bärbel Kerber

vom 24.03.15

Deutschland hat es besser. So sieht es aus. Seit 6. März haben wir eine gesetzlich verankerte Frauenquote. Und alles jubelt. Doch bei genauerem Hinschauen wird aus der Quote ein „Quötchen“. Oder ist das tatsächlich schon ein Durchbruch, wenn ein Drittel der Aufsichtsratsmandate in den börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen ab 2016 von Frauen besetzt werden müssen? Wir sprechen gerade mal von 108 Unternehmen in ganz Deutschland. Und lediglich vom Aufsichtsrat. So richtige Euphorie mag da nicht aufkommen.

 

Die Idee des Entgeltgleichheitsgesetzes


Europas Frauen schauen dennoch teils mit neidischem Blick, was sich neuerdings auf deutschem Boden tut. Denn kaum ist das eine Gesetz verabschiedet, steht schon das nächste zur Diskussion. Manuela Schwesig macht Druck. Den Vorwurf der „Weinerlichkeit“ hat sie lässig abgeschüttelt. Unbeirrt von jeder Kritik greift sie schon zum nächsten Frauenthema und will nun ein Engeltgleichheitsgesetz vorantreiben - egal wie laut die Wirtschaft und manche in der CDU aufheulen. Allerdings können sich viele die Aufregung auch sparen: Es geht in dem Gesetzesentwurf einzig und alleine um einen Auskunftsanspruch. Das heißt, eine Frau soll verlangen dürfen, dass ihr die Zahlen der Durchschnittslöhne ihrer ähnlich qualifizierten Kollegen vorgelegt werden. Weh tut das keinem, und ein wichtiger erster Schritt ist es dennoch. Oder?

 

Willkommen im Neandertal

 

Transparenz und Quotenvorgaben schaffen Aufmerksamkeit. Aber können sie wirklich so viel ändern? Zu große Erwartungen sollte man da nicht haben: „Die offensichtliche Behinderung und Ungleichbehandlung von Frauen ist vorbei, heute geht es eher um die weichen Faktoren, und die sind schwer in ein Gesetz zu gießen. Ein neues gesellschaftliches Bewusstsein lässt sich nicht gesetzlich verordnen“, gibt die Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle zu denken: „Man kann ohne einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung nichts erzwingen.“ Genau davon – von einem neuem Bewusstsein - sind wir in Deutschland noch ein großes Stück entfernt. Der „SPIEGEL“ , schrieb erst neulich in seiner Analyse zur Gehaltslücke von „unausrottbaren Stereotypen von Mann und Frau, die aus dem Neandertal zu stammen scheinen.“

 

Kein gelungenes Frauenleben ohne Kinder?


Da gibt es noch viel zu tun. Auch die britische Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie (Autorin des Buches „Top Girls“) warnt davor, den aktuell vorherrschenden „Karrierefeminismus“ als Errungenschaft zu betrachten. Alles konzentriere sich in der aktuellen Debatte darauf, dass Frauen eine tolle Karriere hinlegen könnten. Dass aber der berufliche Aufstieg in der Regel Minderheiten mit akademischer Ausbildung vorbehalten ist, wird in der Diskussion gerne ausgeblendet. Die Masse betrifft das nicht. Ebenso wird zu häufig verschwiegen, dass Frauen neben ihrem beruflichem Einsatz weiterhin hauptsächlich für Kinder und Haushalt zuständig sind. Gerade das aber wiegt in Deutschland doppelt schwer, da hier in der öffentlichen Meinung zu einem gelungenen Frauenleben immer automatisch Kinder dazugehören, so Angela McRobbie in einem Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung: „Da gilt es als schlechtes Management, wenn eine Frau es nicht schafft, zu arbeiten und trotzdem rechtzeitig ihre Kinder zu bekommen. Das ist brutal.“


Erst wenn es einmal üblich sein sollte, dass sich Mütter und Väter gleichermaßen um die Kinder und Familie kümmern und pausieren, werden sich die Unterbrechungen im Berufsleben auf beide Geschlechter gleich verteilen. Und solange sich das nicht ändert, ist ein Entgeltgleichheitsgesetz auch wieder nur Symptomtherapie und greift zu kurz, so auch die Genderforscherin Christina Klenner vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung neulich im „SPIEGEL“: „Transparenz ist gut und sinnvoll. Aber praktisch wird das nur ein paar toughen Frauen helfen, die ihr Arbeitsverhältnis ohnehin beenden wollen und den Mut aufbringen, gegen ihren Arbeitgeber zu klagen.“


Unheilvolle Selbstbeurteilungskultur


Was erschwerend hinzukommt – und das gilt nicht nur in Deutschland - ist die ständige Selbstkritik von Frauen. „Frauen beobachten und beurteilen sich ständig selbst – aber auch die Frauen um sie herum. Sie stehen in Konkurrenz. Ich glaube, nur durch eine gemeinsame Politik, durch ein gemeinsames Wir-Gefühl, kann diese Selbstbeurteilungskultur durchbrochen werden.“, so lautet McRobbies Einschätzung. Lernen können wir übrigens von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Von ihr ist McRobbie rundum begeistert: „Sie spielt das Spiel einfach nicht mit, das von Frauen auf dieser Ebene erwartet wird: perfektes Make-up, teure Designerkleider. Und sie ist sogar sehr resolut darin, nicht zu lächeln. Für mich verkörpert sie all das, wofür der Feminismus gekämpft hat.“

 

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Bildnachweise:

"Mind The Gap" von Sarah Stierch via flickr.com

"Manuela Schwesig" von blue-news.org via flickr.com

"Frauen" von blue-news.org via flickr.com