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War’s das schon?

Gleichberechtigung: „Frauen haben ein Geschenk bekommen, das sie noch gar nicht richtig ausgepackt haben“, sagt Monique R. Siegel.

Für die meisten Frauen sieht der Alltag deutlich anders aus, als es uns regelmäßig im Mai – zum Muttertag – nahegelegt wird. Blumen für das, was Mama alles in Küche und Kinderzimmer leistet? Unsere „rituelle Mutti-Ehrung“ widerspreche dem Selbstbild vieler Frauen doch längst, frotzelte jüngst der Tagesspiegel, der gerne einmal anmerken wollte: „Die meisten Frauen haben heute eigenes Einkommen. Sie sind Stationsleiterin, Lehrerin, Verteidigungsministerin.“ Und auf gönnerhafte Geschenke zum Muttertag also nicht wirklich erpicht: „Wenn sie Lust auf Schampus haben, kaufen sie sich den selbst“. So weit, so erfreulich.

 

Wären da nicht die Zahlen. Und das Bild, das uns solche vermitteln. Noch immer sind Frauen, sofern sie in einem Familienalltag stecken, gegenüber ihren Partnern und Ehemännern verdienstmäßig sehr im Hintertreffen. Eine Statistik, ebenfalls zum Muttertag veröffentlicht, gab zu erkennen, wie wenig sich in den letzten 50 Jahren geändert hat: Im Jahr 1969 kam das Einkommen einer Familie noch zu 78 Prozent durch den männlichen Erwerb zustande – im Jahr 2008 sah es mit diesem Dreiviertel-Kuchenstück zugunsten der Mann-Ernährer-Rolle kaum anders aus. Angeknabbert? Höchst wenig! Frauen sind heute zwar so zahlreich berufstätig wie noch nie, doch ihre Erwerbstätigkeit trägt durchschnittlich nur zu 25 Prozent dazu bei, die Familienkasse zu füllen. Vielleicht doch besser Blumen zum Muttertag, statt über den grünen Klee zu loben, dass sich Frauen ihre geheimen Wünsche in neuer finanzieller Unabhängigkeit selbst erfüllen könnten?

 

Mit der Gleichberechtigung im Rücken

 

Es bringt uns nicht weiter, so mahnt Monique R. Siegel, ständig auf ernüchternde Zahlen zu blicken. „Noch immer schweift unser Blick zu schnell zu all dem, was Frauen noch nicht erreicht haben“, schreibt die Unternehmensberaterin und Trendforscherin in ihrem neuesten Buch, in dem sie unter dem Titel „War’s das schon“ unüberhörbar einen Appell an uns richtet: Redet die Möglichkeiten von Frauen nicht so klein! Blickt nicht allein auf die Hürden, die es noch immer gibt und die es Frauen erschweren, ambitioniert ihren Weg zu gehen. Schaut lieber auf das, was zumindest vereinzelte weibliche Vorreiterinnen – weltweit und täglich in neuen Bereichen – leisten und schaffen. Immer wieder darf sich die Leserin in diesem Buch eingeladen fühlen, sich in Geschichten zu vertiefen oder mit Namen vertraut zu machen, die untermauern sollen, was Monique R. Siegel hier vorneweg behauptet: Unsere Gesellschaft lege derzeit eine Kehrtwende ein – sogar weltweit sei zu beobachten, wie ein langsamer „Female Shift“ dazu führe, dass Frauen unaufhaltsam und immer zahlreicher nach oben kommen, und damit auch überall dorthin, wo einst nur Männer Einfluss hatten. Kronzeuginnen für diese These?

 

Kenntnisreich und erfrischend tischt uns die Autorin etliche auf, und sie macht keinen Hehl daraus, warum dieser Blick auf erfolgreiche Pionierinnen in Business und Politik, Technik und Kultur für uns alle so wichtig ist: Woran es Frauen grundlegend noch mangele, sei ein ermutigender Blick auf Rollenmodelle und Vorbilder – allemal, wo diese in historischer Perspektive zu Haufe ausgeblendet wurden und blieben. Wer kennt heute noch eine Ada Lovelace, die als Frau für die Entwicklung der modernen Computertechnologie wichtig war, oder was sagen uns Namen wie Lise Meitner oder Mary Wollstonecraft, die neben vielen anderen mit kurzen, lebhaften Porträts hier ebenfalls in Erinnerung gebracht werden?

 

Worauf warten Frauen denn jetzt noch?

 

Das alles ist nicht falsch. Und doch kommt hier einiges zu kurz. Denn inmitten des Addierens all der weiblichen Erfolgsrezepte, die uns eingeblendet werden, blendet auch dieses Buch einiges aus. Es stimmt zwar: Frauen sind heute besser denn je ausgebildet, die Arbeitswelt ist an ihren Kompetenzen interessiert und seit sich herumgesprochen hat, dass gemischte Teams im Geschäftsleben oft besser agieren als männliche Monokulturen, zeigt auch die Wirtschaft sich offener für Frauen. Und dennoch bewirken gewisse „antrainierte Bewusstseinsstrukturen“, um die natürlich auch Monique R. Siegel weiß, dass in unseren Köpfen noch immer uralte Reflexe sitzen, Rollen und Zwänge regieren, die auf subtile Weise dafür sorgen, dass Frauen weiterhin auf der Stelle treten. Reicht es da aus, ihnen einfach mal kräftig den Marsch zu blasen – um sie damit nach vorne zu pushen? Was dieses Buch sehr lesenswert macht, ist sicher nicht seine vordergründige Message, die Frauen laut zuruft: Nun macht doch mal, worauf wartet ihr noch? Was dieses Buch vielmehr lesenswert macht, ist der durchaus pragmatische, lebenskluge und oft humorvolle Angang, über den auch hier immer wieder facettenreich die Frage aufblitzt: Wieso meinen wir eigentlich, Frauen könnten sich mit Blumen zum Muttertag zufriedengeben – und Männer wollten nichts anderes, als lediglich Geld verdienen?