Weibchenschema

Schlank durch Schokolade?

Der Diätwahn und kein Ende in Sicht.

Von: Bärbel Kerber

vom 29.05.15

Nach Atkins-Diät und Mittelmeer-Diät führt derzeit die Paleo-Diät die Beliebtheitsskala im Kampf um die Kilos an. Allzu bereitwillig wird jeweils dem neuesten Diätversprechen aufgesessen, das zeigt nun auch eine Arte-Dokumentation überdeutlich: Abnehmen mit Schokolade – das klingt nun doch zu abenteuerlich? Oder geht auch das durch? In „Schlank durch Schokolade“ (Sendetermine: 5.6. und 18.6.) wird bewusst eine Wissenschaftslüge konstruiert und den Menschen präsentiert. Mehr sei hier nicht verraten. Nur so viel: Überraschend gutgläubig greifen wir nach jeder sich uns bietenden Hoffnung auf einen schlanken, ranken Körper. Nicht umsonst gehen Zeitschriften, auf deren Cover eine neue Wunderdiät angepriesen wird, am Kiosk weg wie warme Semmeln. Es funktioniert erstaunlicherweise immer wieder. Weil wir eine Obsession für Schlankheit haben. Weil wir glauben, wer es geschafft hat und dünn ist, ist auch glücklich.

 

Reihenweise Diätmythen


Wie wenn wir nicht längst alle wüssten, was für einen Quatsch wir uns antun, rennen wir jedem neuen Diättrend nach. „Kohlsuppen-, Ananas-, Eier- und alle sonstige Monodiäten sind der dümmste Versuch, seine Willenskraft zu testen. Sogar wer ausschließlich gedünstetes Gemüse isst, tut seinem Körper nichts Gutes,“ schreibt Katrin Blawat völlig zu Recht in einer Übersicht über die Wirksamkeit diverser Diäten in der Süddeutschen Zeitung. Was dahintersteckt sind unsere krankmachende Schönheitsideale, die den immer dünner werdenden Körper zelebrieren, der idealerweise in Size zero passt. „Wir leben in einer Kultur, die Gesundheit enorm feiert. Der Körper einer Kugelstoßerin wird in unserer Gesellschaft aber nicht als gesund gesehen, sondern nur die schlanke Frau, die Yoga macht,“ bringt es Alena Thiem, Mitbegründerin der Initiative Anybody Deutschland, in einem Interview mit dieStandard auf den Punkt.


Unsere Sucht nach dem perfekten Körper


„Germany's Next Top Model“ und Heidi Klum werden derzeit in einem Atemzug mit Magersucht genannt. Grund ist eine Studie des Münchner IZI-Instituts, die der Model-Show eine „krankmachende Logik“ bescheinigt. Wer nicht glauben mag, welchen Einfluss die Sendung auf heutige Mädchen hat, sollte diese Reportage über essgestörte Teenager lesen. Dort erzählt zum Beispiel Daria davon, wie sie glaubte, dass die Topmodels alle total glücklich seien. „Wer am Ende einer Staffel vor Freude weint, weil das eigene Konterfei auf einem Magazincover erscheint, wer einen Modelvertrag bekommt, von Tausenden Menschen bejubelt wird - der muss doch ein tolles Leben vor sich haben.“ Die Sendung ist unter Mädchen stets in aller Munde. Entsprechende Wirkung entfalten Sprüche auf dem Schulhof, so wie diese: "Wenn du noch zwei, drei Kilo abnimmst, könntest du auch Model werden"


Heidi Klums Castingshow befeuert den Wunsch nach einem perfekten Körper bei jungen Frauen - alleine schon durch die Art und Weise, wie die Sendung in insgesamt 162 Folgen der zehn Staffeln mit oftmals Minderjährigen eine gnadenlose Fleischbeschau betreibt und das Konzept „Erfolg und Anerkennung mit bedingungsloser Anpassung“ verbindet. Trotzdem ist GNTM natürlich nicht der einzige Grund, warum wir einem immer dünneren Schönheitsideal nachjagen. Das, was uns täglich auf Werbeplakaten und in Frauenzeitschriften sowie Yellow Press als perfekte Frauenkörper vor die Nase gehalten wird, transportiert stets und überall dieselbe verheißungsvolle Botschaft – jene, für die wir alle anfällig sind: Sei schlank und straff, dann bist du begehrenswert und dein ganzes Leben ist einfacher.


Each body's ready“


Auch Biene Maja hat inzwischen abgenommen. Man habe sie lediglich den „heutigen Sehgewohnheiten“ angepasst, heißt es. Aber, verhält es nicht in Wirklichkeit umgekehrt? Wir passen unsere Vorstellungen dem an, was uns permanent präsentiert wird. Was wir ständig sehen, beeinflusst, was wir als „normal“ betrachten. Hier ist ein „Lob der Fülle“ längst überfällig. Und Gegenwehr gegen Versuche, Frauen ihren Körper schlecht zu reden. So, wie neulich in der Kampagne #eachbodysready geschehen: Da hatte ein Hersteller für proteinhaltiges Diätpulver in London die Plakatwände mit Anzeigen gepflastert, welche zu großem Unmut führten – weil sie einen knapp bekleideten, schlanken Frauenkörper zeigten, der mit großen Lettern fragte „Are you beach body ready?“. Die Wut der Bürger entlud sich in voller Kraft. Sie beschrieben und beschrifteten die Plakate mit wütenden Sätzen wie "None of your f*cking business" und "Hört auf, Frauen dazu aufzurufen, zu hungern". Es wurden Facebook- und Twitter-Accounts gegründet, die all die kreativen Sprüche sammeln. So machtlos sind wir all dem Körperwahn nicht ausgeliefert, wie wir oft denken.


Und ja: Esst Schokolade! Nicht, weil es schlank macht – sondern weil es Genuss jenseits jeglicher Selbstoptimierung verspricht.

 

 

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Fotonachweise:

Schokolade:jules via flickr.com

Chocolate In Both Hands: dierk schaefer via flickr.com

Riots, Not Diets: gaelx via flickr.com