Männerecke

50 - irgendwann

Sie nannten mich Goldmarie und trugen mir fettigen Lippenstift auf, sie behängten mich pfundweise mit Lametta vom Christbaum, sie kicherten albern. Ich hatte keine Chance.

Weil ich den Kopf voll niedlicher Löckchen hatte, machten sich meine Schwester und meine Cousine Eva einen Spaß daraus, mich zu verkleiden und zu schmücken, sie konnten nicht genug davon kriegen, wenn sie mal wieder auf mich aufpassen mussten. Sie nannten mich Goldmarie und trugen mir fettigen Lippenstift auf, sie behängten mich pfundweise mit Lametta vom Christbaum, sie kicherten albern. Ich hatte keine Chance. Ich war vierundzwanzig Monate alt.

 

Als Teenager hatte ich so viel Locken, man konnte mich auf hundert Meter Entfernung von hinten erkennen, nur an meiner wilden Naturkrause. Ich war ein junger weißer Little Richard, ein Priester der Straße. Und heute?

 

“Herr Geheimrat! Wo sind deine Locken geblieben?” entrüstet sich Harry, der mich länger nicht gesehen hat. Als hätte ich meine negroide Kopf-Bebauung selbst geplättet, aus lauter Vergnügen am Plattmachen.

 

Aber es stimmt ja. Aus der wilden Mähne der 70er Jahre ist gemäßigter Wellengang geworden, es plätschert dunkelblond über den Schädel, Geheimratsecken fressen sich wie Parkplätze in den brasilianischen Urwald. (Ein unhaltbarer Zustand. Ich spiele mit dem Gedanken, nordamerikanische Umweltaktivisten zu engagieren, die sich an die letzten verbliebenen Riesen ketten.)

 

“Also, ich finde das sexy”, sagt die Gräfin, als wir nebeneinander vorm Badezimmerspiegel stehen. “Das sieht so verletzlich aus..”

 

“Sexy?! Du findest Geheimratsecken sexy?”

 

“Na.. sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. So herum ist es richtig..”

 

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung, also ich weiß nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Ich hatte 'ne schöne dicke Matte, und die Mädels liefen mir hinterher. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk.

 

“Blödsinn, das sind doch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..”, tröstet sie mich.

 

“Na, toll! Weißt du noch früher? Da war ich mein..”

 

“..eigenes Naturvolk, ja, ich weiß.”

 

 

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog „500Beine“ über sich und seine Lebensgefährtin, genannt die „Gräfin“, und den Hund „Frau Moll“ 
 
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