Cool Tour

50 Jahre Hansaviertel

Eine Ausstellung in Berlin beleuchtet ein fast vergessenes Stadtmodell aus einer ungewöhnlichen Perspektive.

1957, vor genau 50 Jahren, fand im damaligen Westberlin die erste Internationale Bauausstellung nach dem Krieg statt. Es herrschte Aufbruchstimmung. Nicht nur pragmatische Probleme wie die gravierende Wohnungsnot mussten angegangen werden, auch neue gesellschaftliche Leitmotive waren gefragt. In diesem Sinne wurden einige der bedeutendsten Architekten der klassischen Moderne nach Westberlin geladen, um im Hansaviertel ihre Version einer „Stadt von Morgen“ zu verwirklichen, darunter Walter Gropius, Le Corbusier, Oscar Niemeyer und Alvar Aalto.

Im Hansaviertel, einem kriegszerstörten Areal am Rande des Tiergartens, sollte eine städtebauliche Modellsituation geschaffen werden, eine Stadt in der Stadt für den „freien Menschen“. Vision und Vokabular zeugen dabei nicht nur von dem Wunsch, an die unterbrochene Tradition der Vorkriegsmoderne anzuknüpfen, sie lesen sich auch als politischer Seitenhieb gegen das Ostberliner Prestigeprojekt „Stalinallee“, das 1957 kurz vor seiner Vollendung stand. Dem steinernen Klassizismus der Ostberliner Arbeiterpaläste wollte man im Westen mit der demokratiefördernden „Stadtlandschaft“ Hansaviertel begegenen.

Nun, 50 Jahre später, in einer Zeit, in der Berlin längst neuen Visionen verfallen ist, stellt sich nach wie vor die Frage, ob eigentlich aufgegangen ist, was das Modell Hansaviertel damals versprochen hat. Eine aktuelle Ausstellung im Hansaviertel beleuchtet das Thema aus einer neuen Perspektive – und gelangt dabei zu Ergebnissen, die durchaus auch überraschen.

Die Ausstellung „Wohnlabor Hansaviertel – 50 Jahre Leben in der Stadt von Morgen“, konzipiert und verwirklicht von der italienischen Fotografin Lidia Tirri gemeinsam mit neun Journalistinnen internationaler Herkunft, wirft einen Blick hinter die Fassaden modernistischer Gebäude und guter Absichten. Sie nähert sich dem Viertel über ihre Bewohner. 17 Bewohner der weltberühmten Gebäude, vom Erstbewohner bis zum Zuzügler der letzten Jahre, werden in ihren Wohnungen portraitiert und erzählen ihre jeweils persönliche Geschichte des Hansaviertels.

Dabei tritt Interessantes zutage. Von den Arrangements der Westberliner mit den Anforderungen der „Modernität“ ist da die Rede. Aber auch von einer Aufbruchstimmung, die gerade in den letzten Jahren immer mehr junge Menschen in das Hansaviertel zieht. 2007 scheint ein guter Zeitpunkt zu sein, um einen erneuten Blick auf das „Wohnlabor Hansaviertel“ und seine aktuelle Versuchsanordnung zu werfen.

Herr Krause (81 Jahre). Erstbewohner Gropius-Haus:

„Als wir uns für die Wohnung im Hansaviertel bewarben, war alles noch in Planung. Kein Mensch wusste, wie es eigentlich wird. Ich denke, wir waren mit die ersten, die sich da bemühten. Das war schon im Januar 1955, zwei Jahre vor Fertigstellung. (...) Zunächst benutzen wir die Möbel, die wir schon hatten. Aber allmählich haben wir versucht, etwas zu verändern. Man hat sich an den Musterwohnungen orientiert. Und das war ja damals verrückt, die Zeit. Man hatte alles farbig. Lampenschirme in gelb und rot. Und die Möbel in der Küche knallrot oder blau. Die Schwiegereltern hatten uns damals einen Kokosteppich gegeben. Der war grau. Und den hab ich dann mit Plaka-Farbe gestrichen. In schwarz und gelb. Die Schwiegermutter fiel in Ohnmacht, als sie dann kam und den liegen sah. Man wollte modern sein.

In einem Haus von Gropius zu leben, war für uns etwas Besonderes. Er war ja schon sehr bekannt damals. Und ich habe ihn sogar getroffen. Als einen der ersten Wohnungsbewerber lud er mich zur Rohbaubesichtigung ein. Und da kamen wir auch darauf, dass das Projekt für ihn nicht so gelaufen ist, wie er es sich vorgestellt hat. Man hat ihm beispielsweise die Stahlfensterrahmen, die er eigentlich haben wollte, nicht bewilligt. Aus finanziellen Gründen wahrscheinlich. Darum hat er dann Holzrahmen genommen, die grau gestrichen wurden, damit es wenigstens so aussieht. Und deswegen auch die schmalen Profile. Um die durchhalten zu können, gehen nur zwei Flügel zu öffnen. Jetzt könnte man ja wunderbar neue Rahmen haben. Und Isolierfenster. Aber jetzt ist hier der Denkmalschützer. Und der sagt, es muss aus Holz sein. Weil Gropius mit Holz gebaut hat.“

In einem Artikel in der "Welt" im April dieses Jahres erklärte der langjährige Senatsbaudirektor Hans Stimman (SPD, im Amt von 1991 bis 2006) das Modell Hansaviertel für gescheitert. Ob er mit dieser Einschätzung Recht behält, ist jedoch fraglich. Wohnungen im Hansaviertel sind nach wie vor stark nachgefragt. Das Mietniveau ist konstant bis steigend. Und immer mehr junge Familien scheinen die Vorzüge des modernen Städtebaus für sich zu entdecken.

Familie Geister (Tom, Iris, Peer und Viola), Gropius-Haus Tom:

„2004 sind wir hier eingezogen. Wir hatten unterschiedliche Ziele. Meine Frau wollte unbedingt ins Grüne. Und ich wollte unbedingt ins Zentrum der Stadt. Und wenn man sich das auf der Stadtkarte von Berlin mal anguckt, dann ist das hier der einzige Ort, wo es das gibt. (...) Man sieht nur ins Grüne rein. Auch wenn man morgens im Bett liegt, aufwacht und die Vögel zwitschern, die Bäume sind da. Das ist eigentlich sogar noch besser, als in diesen Einfamilienhäusern, die heute gebaut werden, wo ich sechs Meter Abstand zum Nachbarn hab und meinen eigenen privaten Garten, aber eben nicht diesen Garten. Dieses Haus ist für mich... Da freu ich mich, wenn ich abends von der Arbeit komme. (...)

Es hat durch seine konkave Form ja so eine empfangende Geste. Und das ist bei diesem Haus auch was Besonderes, was Charakteristisches, was ich sehr schön finde, dass man über eine Wiese, von Süden, über die schöne Seite reingeht. Die ist ja auch ganz bewusst abgesetzt von der hässlichen Nordseite, die aussieht wie 'ne Fabrik. Die Südseite ist das Gesicht. Es ist schön, durch den Park nach Hause zu kommen, grade im Winter, wenn das Haus durch die Bäume durchguckt. Da hat man diesen Effekt, wie vom Schlossgarten ins Haus zu kommen. Hört sich übertrieben an, aber ich finde das ist so.

Wir sitzen manchmal tatsächlich auf dem Balkon, gucken hinten den Gärtner an und sagen: Das ist unser Schloss, und das ist der Schlossgarten und unser Gärtner, und mal gucken, ob der auch richtig die Bäume beschneidet. Das ist natürlich auch eine Frage, wie man das wahrnimmt. Ich behaupte einfach, das ist unser Garten, und das macht das Ganze unheimlich toll. Dabei wurde hier ja ein modernes Städtebaubild verwirklicht, das fast schon etwas Klischeehaftes hat: Das Hochhaus im Urwald. Und an vielen Ecken der Welt hat das ja gar nicht funktioniert. Für uns funktioniert' s halt total! Das ist das Interessante, dass sich das so einlöst. (...) Ich kann mir theoretisch gut vorstellen, dass es ein Revival des Hansaviertels gibt, in ein paar Jahren. Und auch dieses Haus hat Potential für ein Comeback.“



AUSSTELLUNG

Dienstag, 20. November bis 16. Dezember 2007 Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 15 bis 19 Uhr / Samstag und Sonntag 13 bis 19 Uhr.

Ort: Haus Baumgarten, Altonaer Str. 1, 10557 Berlin, Wohnung 4 bei „Ebell/Ritschl“ (S-Bahn „Bellevue“, U9 „Hansaplatz“, Bus 106 bis „Hansaplatz“)

VERNISSAGE

Sonntag, 18. November 2007 ab 19 Uhr

(am selben Ort wie oben)

BUCHPRÄSENTATION

Donnerstag, 15. November 2007, 19 Uhr

Vortrag von Prof. Dr. Gabi Dolff-Bonekämper (TU-Berlin): „Wohnen im Hansaviertel – Wohnen in einem Kunstwerk“
20.30 Uhr Dokumentarfilm von Marian Engel „Leben in der Stadt von Morgen“ (OmU).

Nordische Botschaften in Berlin / Rauchstraße 1, 10787 Berlin - beide Veranstaltungen

(Bus: Linien 100, 200 oder 187 bis Haltestelle „Nordische Botschaften“)

Der Eintritt ist frei.

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Tanja Runow ist freie Print- und Hörfunkautorin und lebt in Berlin.

Lidia Tirri fotografiert am liebsten Wohnungen und deren Bewohner, die eine starke Geschichte zu erzählen haben. Dabei ist sie immer wieder fasziniert von unterschiedlichen Einrichtungen und sprechenden Details. Mit ihren Projekten ist die Fotografin nicht nur in Berlin zu erleben, sondern auch schon in Ungarn 
unterwegs gewesen. Für "Leben hinter der Zuckerbäckerfassade" wurde sie im Jahr 2006 in Italien mit einem Preis ausgezeichnet.

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