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„Alles soll einfach sein. Liebe pur.“

Emily Atef hat gerade den Film „Das Fremde in mir“ in die Kinos gebracht. Es geht um die Geschichte einer Frau, die an einer postpartalen Depression leidet. Ein Interview mit der Berliner Regisseurin über die Krankheit und das Tabu, darüber zu sprechen.


Ihr Film erzählt die Geschichte einer Frau, die sich schwer tut, ihre Mutterrolle anzunehmen: Rebecca und Julian freuen sich auf ihr erstes Kindes – doch nach dessen Geburt bleiben die Glücksgefühle plötzlich aus. Rebecca leidet an einer postpartalen Depression, die das junge Elternpaar an den Rand seiner Kräfte treibt. Aber sind es
nur die Hormone, die hier nicht mitspielen?

Mir war von Anfang an klar: Ich wollte keinen Film nur über eine Krankheit machen, sonst hätte ich auch einen Dokumentarfilm drehen können. Es ging mir um eine Fiktion, um das Porträt einer Frau, die in eine Krise gerät und schwer wieder herausfindet. Und um eine Liebe, die in Mitleidenschaft gezogen wird.


Was die Krankheit selbst aber angeht: Die wollten wir natürlich so realistisch wie möglich erzählen. Deshalb mussten wir genau recherchieren, auch weil Esther Bernstorff, meine Co-Autorin, und ich selbst noch keine Mütter sind und also nicht unmittelbar aus eigenen Erfahrungen schöpfen konnten. Wir haben mit sehr vielen Frauen gesprochen. Mit einigen, die die Krankheit erlebt haben und geheilt wurden. Aber auch mit Müttern, die keine solchen Probleme hatten, und mit Psychologen und Fachfrauen aus dem Feld der „Mutter-Kind-Bindung“. Da kam natürlich vieles zusammen, unterschiedliche Sichtweisen auch.

Aber: Eine postpartale Depression, das steht fest, ist erstmal eine richtige Krankheit. Eine nachweisbare Krankheit, die mit einer Überempfindlichkeit auf die starken Hormonschübe zu tun hat, die durch die Geburt ausgelöst werden. Diese Hormonschübe haben alle Frauen, aber manche können einfach gar nicht mit ihnen umgehen, physisch zunächst einmal. Wie das dann aber genau erlebt wird, ist natürlich auch wieder verschieden. Wenn man eine Familie hat, die hier unterstützt, und wenn andere da sind, die unter die Arme greifen – dann wird diese Krise ganz bestimmt anders erlebt, als wenn man ganz alleine davor steht. Weil aber oft nicht geredet wird, denken manche Frauen sehr schnell: Ich bin das Problem, vielleicht bin ich nicht normal!?

Das Thema kränkelnder Muttergefühle wurde vor einiger Zeit auch schon  durch Maria Speth und ihren Film „Madonnen“ auf die Kinoleinwand geholt. Während es dort aber um ein sozial schwieriges Umfeld geht, aus dem die Probleme heraus entstehen, fallen diese bei Ihnen aus scheinbar heiterstem Himmel. Warum haben Sie den Stoff so angelegt?

Es war uns sehr wichtig, zu zeigen, dass eine postpartale Depression jede Frau treffen kann – mich wie dich. Deshalb wollten wir mit der Figur Rebeccas nicht dieses Muster bedienen, dass der Mann sie schlägt, ihre Mutter sie ins Heim gesteckt hat und so weiter. Wir wollten nicht, dass das Publikum sich einfach zurücklehnen kann und sagen: Gott sei Dank, ich kann so etwas nicht bekommen, denn ich habe eine ganz tolle Bindung zu meiner Mutter. Oder: Na klar, in so einem Plattenbau mit dieser Heizung, da kann das schon mal passieren…

Wir haben auch mit einer Frau gesprochen, die selbst Frauenärztin ist und total verwirrt reagierte, als sie plötzlich mit dem Krankheitsbild zu tun bekam: Bei mir doch nicht! Deshalb haben wir gesagt: Nein, Rebecca muss eine starke 30-jährige Frau sein, nicht zu jung, sodass man sagen könnte: Oh, die ist aber zu jung. Nicht zu alt, dass man sagen könnte: Klar, die ist doch viel zu alt! Eine 30-jährige starke, selbstbewusste Frau, die ihren Job – sie hat einen Blumenladen – liebt und in einer intakten Beziehung steckt. Der Film zeigt ja, wie die jungen Eltern sich beide auf das Kind freuen, ein Nest bauen. Und man selbst denkt: Gut, die schaffen das mit dem Kind hundertprozentig.

Und natürlich glaubt auch Rebecca das: Da ist kein Gedanke, dass es mit dem Elternglück schwierig werden könnte. Bis nach der Geburt das Baby ihr auf die Brust gelegt wird – und Rebecca spürt nichts. Und schon kommen die Zweifel: Was ist denn bloß los mit mir, warum fühle ich nichts, warum bin ich nicht glücklich? Und dann kommt die Scham. Diese Scham ist immer das erste Symptom der Krankheit, ein Gefühl, das sagt: Ich bin schuld!

Es heißt, postpartale Depressionen seien gut zu behandeln, wenn man sie früh erkennt und entsprechend  reagiert. Eine 100-prozentige Heilungsprognose gäbe es dann. Warum aber wird diese Chance oft nicht genutzt? Und warum gibt es so viele Frauen, die mehr oder minder starke Erfahrungen mit diesem Krankheitsbild machen und dennoch nicht darüber sprechen?

Ich glaube, es liegt daran, dass noch immer, heute noch im Jahr 2008, ein ungeheurer Heiligenschein über dem Muttersein leuchtet: Die Mutter, die Mutterschaft, das wunderschöne Baby – alles soll einfach sein. Liebe pur. Eine Vorstellung, mit der auch ich aufgewachsen bin. Und obwohl ich viel lese und offen für vieles bin, habe ich genau das sehr lange noch geglaubt: Dass es eine Art naturgegebenen Mutterinstinkt gibt, der da ist, sobald eine Frau ein Kind bekommt. Ist doch eigentlich Wahnsinn! 10-20 Prozent aller Frauen, das sind 80. 000 Frauen pro Jahr, machen in Deutschland Erfahrungen mit einer postpartalen Depression. Und dennoch halten wir an diesem „starken" Mutterbild so fest.

Wir haben übrigens auch mit Frauen gesprochen, die zwar nicht von der Krankheit betroffen waren, aber dennoch meinten, dass die Zeit nach der Geburt ihres Kindes keine glückliche gewesen sei. Sie hätten nicht sofort Liebe empfunden, sondern sich erstmal auch hilflos gefühlt und gedacht: Vielleicht schaffe ich das alles gar nicht. Aber wen wundert das? Unsere Emotionen und Beziehungen sind doch so kompliziert, ob zum Partner, zur Familie, zu Freunden oder Arbeitskollegen – warum sollte da ausgerechnet die Bindung zu einem neugeborenen Kind nur einfach sein? Oft kommen die Gefühle für ein Kind ja prompt, und das ist toll. Aber wenn das nicht so ist? Manches braucht vielleicht auch Zeit und viel, viel Unterstützung.

Wie haben denn die betroffenen Frauen, mit denen Sie sprachen, reagiert, als sie hörten, Sie würden einen Film drehen wollen, der das Thema aufgreift?

Am Anfang war es ungemein schwierig, mit den Frauen zu reden. Es gibt aber eine ganz tolle Hilfsgruppe in Berlin, die „Schatten und Licht“ heißt und die auch eine sehr gute Seite im Internet hat. Über diese fanden wir dann doch zu Gesprächspartnerinnen, darunter insbesondere auch eine Therapeutin, die uns unglaublich geholfen hat: Sie hat jede neue Drehbuchfassung, die Esther und ich geschrieben haben, gelesen und kritisiert, und wir konnten sie alles fragen. Übrigens ist diese Frau letztes Jahr aus persönlichen Gründen von Berlin nach Süddeutschland gezogen, um dort eine Praxis aufzumachen. Und obwohl sie als Ärztin sehr renommiert ist, erzählte sie, es sei ihr nicht möglich, dort nun einen Job zu finden …

… weil es angeblich keinen Bedarf an professioneller Hilfe dort gibt?

Ja, angeblich geht da alles ganz, ganz toll. Aber dass man keine Praxis aufmachen kann mit einem Schild davor, auf dem „Mutter-Kind-Bindung“ steht, weil niemand sich trauen würde, dahin zugehen –, ist im Grunde doch auch eine Katastrophe, oder?

„Das Fremde in mir“ hat Förderpreise und Auszeichnungen gewonnen und wurde schon auf etlichen Filmfestivals in Europa und sogar darüber hinaus gezeigt, auch in Cannes war der Film schon zu Gast und in der Nebenreihe „Semaine de la critique“ zu sehen. Gab es eigentlich auch Kritik oder Zweifel am Umgang mit dem Thema – oder durchweg nur positive Resonanzen?

Hier in Deutschland sind die Kritiken meist positiv, und diejenigen, die es nicht sind, sind so halb und halb. Die erste Hälfte des Film ist ja ganz anders als die zweite: sehr karg erzählt, mit wenig Dialogen, kaum Musik. Wir wollten so wenig wie möglich erklären und stattdessen nur zeigen: etwa wie die Situation für Rebecca sich ins Unerträgliche steigert. Der zweite Teil dreht sich dann um Rebeccas Heilung: Und hier kommt nicht nur die Figur langsam wieder zur Sprache, sondern auch der Film zu mehr Beweglichkeit. Manche Leute finden die erste halbe Stunde sehr mutig – und sind enttäuscht vom Happy End. Anderen geht es genau andersherum.

Wir wollten natürlich, dass das Publikum nicht sofort über Rebecca zu urteilen beginnt. Es geht ja hier um eine Geschichte, die auch großes Befremden weckt, bei der man schnell denkt: Das will ich nicht sehen! Ich aber wollte, dass der Zuschauer dran bleibt, sich fragt, was da eigentlich passiert, auch wenn er nicht sofort alles versteht. Denn eine Leichtigkeit, in der alles gleich ausgesprochen wird – die passt einfach nicht zum Film. Schließlich wird hier von einer Krankheit erzählt, die oft durch ein großes Schweigen geht, durch Einsamkeit auch. Viele betroffene Frauen denken: Ich kann das nicht aussprechen, ich darf nicht sagen, was ich fühle. Womöglich nehmen sie mir noch mein Kind weg. Kurz und gut: Wir mussten Bilder finden, die das alles zum Ausdruck bringen konnten.

Eine Pressestimme hat mich übrigens doch sehr schockiert: Postpartale Depressionen, so meinte ein deutscher Journalist, das hätte es in seiner Generation noch gar nicht gegeben. Das sei jetzt vielleicht wieder nur so ein Modethema und wo wir gerade so schlechte Geburtsquoten hätten, sollte man vielleicht besser nicht zu viel drüber reden.

Das ist natürlich keine Lösung, Ohren und Augen einfach vor der Krankheit zu verschließen?

Nein, man muss reden. Und natürlich ist das Ganze nicht nur ein Thema für schwangere Frauen, sondern auch für die Väter und Familien. Denn die sind diejenigen, die helfen können. Gerade weil die Krankheit zu 98 Prozent heilbar ist, sollten wir sie nicht unter den Teppich kehren. Je früher man die Probleme angeht, umso weniger haben die Frauen, ihre Familien und das Kind zu leiden.

Emily Atef, Sie sind in Berlin geboren, haben durch Ihre Eltern einen französisch-iranischen Hintergrund und lebten schon als Kind in Los Angeles und Paris. Mit anderen Worten: Sie fühlen sich vielleicht an mehreren Orten in dieser Welt zuhause. Haben Sie eigentlich den Eindruck, dass es mit dem Mutterbild hierzulande etwas Besonderes auf sich haben könnte? Oder sind postpartale Depressionen auch anderswo ein genauso großes Tabu?

Während unserer Recherchen mussten wir feststellen, dass man in England, in Frankreich oder auch Australien anscheinend schon weiter ist als hier. Oder besser gesagt: Dort wird mehr über das Krankheitsbild geredet. Als ich an dem Drehbuch schrieb, war ich zum Beispiel in England, um eine Freundin zu besuchen, die gerade ein Kind erwartete. Und als ich erklärte, um was es in meinem nächsten Film gehen wird, war sie sofort im Bilde. Sowohl bei der Vorbereitung auf die Geburt als auch direkt danach  wurden sie und ihr Freund über die Probleme, die auftauchen könnten, informiert. Das ist natürlich toll! Ich bin sicher, dass auch hier natürlich alle Hebammen mit dem Krankheitsbild vertraut sind, aber viele junge Mütter, mit denen wir sprachen, wussten nichts darüber.

Was aber die Reaktionen auf unseren Film angeht, die waren hier in Europa doch sehr vergleichbar. Ich bin mir also nicht sicher, ob es da wirklich besondere Prägungen gibt, etwa auch durch das national- sozialistische Mutterbild von einst. Das lebt ja ganz stark von dieser Vorstellung, dass eine Mutter alles schaffen kann und muss. Ich weiß nicht, vielleicht sind da ja doch Spuren geblieben, wenn es heute noch so schwer fällt, als Mutter zu sagen: Mir geht es nicht gut, ich brauche Hilfe.

Wir haben den Film aber auch in Polen gezeigt, wo das Publikum teilweise  heftig reagierte. Und ich denke, auch die Religion spielt natürlich immer eine wichtige Rolle im Umgang mit dem Thema. In Polen ist es ja das katholische Mutterbild der Maria, die voller Liebe für ihr Kind ist und alles für dieses opfern würde. Es gibt also sicher Länder, in denen die Überhöhungen und Tabus rund um die Mutterrolle noch stärker sind als hierzulande. Einfach aber ist es für Frauen, die an einer postpartalen Depression leiden, ganz sicher nirgendwo.