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„Das Buch hat mein Leben verändert“

Rebecca Martin hat mit „Frühling und so“ einen nicht ganz jugendfreien Jugendroman geschrieben

Rebecca Martin hat mit 17 Jahren einen Roman geschrieben: „Frühling und so“ ist die wilde Geschichte einer Berliner Großstadtgöre auf der Suche nach sich selbst, der großen Liebe und vielen sexuellen Abenteuern. Jetzt wird die Jungautorin mit ihrer Protagonistin gleichgesetzt – und schon als „Sexautorin“ von den Boulevardmedien gefeiert. Mit Tina Groll sprach die heute 18-Jährige über ihren Roman, Mädchen und Sex und ihre weiteren kreativen Pläne.


Die Protagonistin deines Romans, Raquel, hat ja ganz schön viel Sex auf 316 Seiten und für ihr Teeniealter. Jetzt mal ehrlich: Wie viel ist davon autobiografisch?


(Rebecca Martin lacht). Die Frage kommt ständig. Raquel ist eine Collage aus mir und meinen Freundinnen und den Jugendlichen aus meinem Stadtteil – Berlin Kreuzberg. Ich wollte nicht mein Leben eins zu eins abbilden, das Umfeld sollte rein, das wollte ich zeigen. Es ging mir nicht darum zu provozieren...


Wobei du Glück hast, denn dein Buch erscheint in dem Jahr, in dem Charlotte Roche mit „Feuchtgebiete“ für Furore gesorgt hat und in dem auch das Buch der „Alpha-Mädchen“ erschien, in dem es ja auch um weibliche Sexualität geht. Siehst du dich mit diesen Autorinnen in einer – auch politischen – Tradition?


Nein, gar nicht. Feminismus ist kein Thema für mich, dazu kenne ich mich zu wenig damit aus. Aber natürlich ist es ein Vorteil, dass mein Buch gerade rechtzeitig kommt, wo es schon eine solche Diskussion gibt. Dennoch hat mein Roman mit Charlotte Roches Buch keinen Zusammenhang.

Aber deine Protagonistin Raquel erfüllt das Bild einer ständig verfügbaren, jungen Frau. Warum ist sie so viel auf Sex aus?


Raquel geht es nicht in erster Linie um Sex. Sie steht unter einem krass hohen Druck, will erfolgreich sein – eben auch bei Männern. Sie definiert sich über Abenteuer. Die Themen, die sie sehr beschäftigen, sind Sex – aber es geht auch darum, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln. Wenn man so will, geht es um ein selbstbestimmtes Handeln. Raquel befindet sich in einem Prozess, in dem sie eben auch Grenzen überschreitet. Manchmal sind das ihre eigenen.

Es gibt ja einige Stellen im Buch, an dem Raquel feststellt, dass manche ihrer Aktionen auch verzichtbar gewesen wäre. Unverzichtbar dagegen ist deine klare, einfache Sprache. Hast du sie bewusst eingesetzt oder einfach so runtergeschrieben?


Eher letzteres, aber durchaus bewusst: Ich habe geschrieben, wie man sich unterhält. Es sollte nicht perfekt oder gestelzt sein. Und genau das findet Anklang. In einem Moment spricht Raquel Jugendsprache, im nächsten ist sie schon sehr erwachsen und reflektiert. 

Wie bist Du überhaupt mit 17 Jahren an einen Buchvertrag gekommen?


Ich bin jedenfalls keine von den Nachwuchsautorinnen, die jahrelang einen Verlag suchen. Ich hab aus Zufall Kontakt zu dem Verlag bekommen und denen eine Textprobe geschickt, weil ich vorher schon gerne geschrieben habe – aber eher so eine Art literarisches Tagebuch. Mein Text passte aber gut in die Reihe hinein und so entstand die Aussicht auf eine Veröffentlichung.

Und dann hast du dich jeden Tag nach der Schule fünf Stunden an den Schreibtisch gesetzt oder das Leben deiner Freunde mit einem Notizblock protokolliert?


(lacht). Oh Gott, nein! Das Schreiben an sich hatte, ein bisschen so wie das Buch, keine stringente Struktur. Ich habe einfach alles aufgenommen was ich erlebt habe, denn ich wollte ja das Leben der Jugendlichen in meinem Stadtteil abbilden. Erst später hab ich vieles, was mir oder meinen Freunden passiert ist, notiert – es ging darum, die frischen Eindrücke festzuhalten. Es gab auch mal drei Wochen, in denen ich gar nicht geschrieben habe. Ich gehe ja noch zu Schule und spiele Theater.

Du bist ja der Sprössling einer britisch-australischen Künstlerfamilie und hast in einem Fernsehfilm mitgespielt, der mehrere Preise gewonnen hat. Was sagen deine Eltern und Freunde?


Die finden es natürlich gut. Wobei es anfangs schon irgendwie unwirklich war... Denn plötzlich bist Du eine bekannte Buchautorin... ja, das Buch hat mein Leben total verändert. Auf einmal habe ich so viele Termine – und mir werden so viele Fragen gestellt und Reflexionen abverlangt. Vor allem die Boulevardmedien stürzen sich nur auf das Thema Sex – dabei bin ich doch keine Sexbuchautorin. Aber ich habe mich damit abgefunden. 

Und wie ist sonst das Feedback auf dein Buch?


Krass. Das meiste ist nett, aber manche verstehen Raquel nicht oder setzen sie mit mir gleich. Das ist dann komisch, wenn das auf meine Person übertragen wird. Besonders freue ich mich aber, wenn mir Frauen, auch ältere, sagen, dass sie sich in Raquel wiederfinden.

Dein Buch ist so, als würde man einer 17-Jährigen in den Kopf und ins Herz gucken. Bist Du Sprachrohr deiner Generation?


Als das will ich gar nicht gelten! Ich möchte vielleicht die Leute in meinem Alter motivieren, ihr Potential zu nutzen und kreativ zu sein. Die Gesellschaft scheint uns Jugendliche ja immer zu übersehen – und das ist schade. Ich denke mir dann: Jetzt erst Recht, ich kann das!

Dann haben wir noch eine Menge von Rebecca Martin zu erwarten?


Jetzt mache ich erst einmal Abitur und dann werden wir mal sehen. Ich möchte auf jeden Fall etwas Kreatives machen, ich habe noch 1000 Ideen und vielleicht gibt es das Buch ja auch irgendwann als Film...