Reizthema

„Das Glück der Unerreichbarkeit“

Worüber kann man in seiner freien Zeit sinnieren: über Kindheitserinnerungen, unerfüllte Wünsche, Zukunftspläne – auch über das Glück der Unerreichbarkeit?

Wer Anregungen dazu braucht, wissen möchte, wie es sich definiert, oder sich gerne zu neuer Freiheit provozieren lässt, dem sei ein Buch empfohlen, das Miriam Meckel geschrieben hat und das eben so heißt: “Das Glück der Unerreichbarkeit" – es geht um „Wege aus der Kommunikationsfalle“.

 

Wem ist bewusst, dass Manager insgesamt 3,5 Jahre ihrer Lebenszeit mit irrelevanten E-Mails verschwenden? Oder dass mobile Kommunikationstechnologien wie SMS oder E-Mails auch jede Menge Lügen in die Welt setzen können – bei einer Befragung gaben 81% der Leute an, genau das regelmäßig zu tun? Und wissen Sie eigentlich, dass nicht nur Frauen nicht multitaskingfähig sind oder was Satisfiziererinnen, Maximiererinnen oder potenzielle Entscheidungsumkehrer sind?

Miriam Meckel ist gegenwärtig Professorin für Corporate Communication an der Universität St.Gallen. Sie studierte Kommunikations- und Politikwissenschaft, Jura und Sinologie und war ein Jahrzehnt als Journalistin tätig, arbeitete auch als Staatssekretärin in Nordrheinwestfalen, verantwortlich für Europa, Internationales und Medien. Auf Grund ihrer vielfältigen Arbeitserfahrungen ist sie prädestiniert für eine Auseinandersetzung mit Kommunikationstechnologien, und so schreibt sie in ihrem Buch über BlackBerrys, Handys und Laptops und analysiert deren Gebrauch und Wirkung auf den Nutzer, auf Verhaltensweisen und menschliche Beziehungen  überhaupt. Dabei stellt sie auf sehr anschauliche Weise und eben  anhand eigener Erfahrungen dar, dass sowohl berufliche Effizienz als auch privates Glück durch den ständigen Gebrauch der entsprechenden Geräte nicht gesteigert werden können. 

Vielmehr sieht Meckel hier die Gefahr einer Entwicklung, der sie gerne Einhalt gebieten würde. Denn, so schlussfolgert die Autorin: „Wer technisch angeschlossen ist, ist nicht zwangsläufig auch sozial angebunden“. Und: „Wer immer erreichbar ist, ist eigentlich für nichts und niemanden wirklich da.“ Meckel stellt dabei dar, wie aus dem BlackBerry ein Crackberry werden kann und was zu beobachten ist, wenn exzessive BlackBerry-Nutzer, abgekoppelt von ihrer Umwelt, sich nur noch auf sich und das Gerät konzentrieren. Und sie warnt vor einem unkontrollierten Umgang - ob mit dem BlackBerry, dem Smartphone oder dem Laptop, durch die man zum Simultanten werden könne oder auch zu einem „Kommunikationssoziopathen“ ,der nur noch die Rollenspiele des vernetzten Menschen absolvieren kann:

„Denn der Kommunikationssoziopath leitet seine Identität und Bedeutung konsequent und allein aus seinen technologischen Kommunikationserweiterungen ab. Er ignoriert dafür seine direkte Umwelt, vernachlässigt persönliche Kontakte und Gespräche.“ Das führe u. a. auch zu einer Lebensuntüchtigkeit und -fremdheit, die sich auch in der Abhängigkeit von den technischen Hilfsmitteln äußere: Betroffene könnten weder Telefonnummern, noch Adressen oder Fahrtrouten aus dem Stegreif nutzen. Man hätte sich also der technischen Fremdbestimmung völlig ausgeliefert.

Die Autorin greift eine Fülle von Problemen auf, die sie in anregender Weise auch sprachlich provokativ formuliert, wie etwa in den Kapiteln „Datenflut und Denkebbe“ oder „Digitale Zeitdiebe und Hausbesetzer“. Zum Weiterdenken anregen können aber auch Kapitel wie „Die Entgrenzung von Lebensort und Lebenszeit“ oder „Liebeskommunikation in der Netzwelt“. 

 

Dabei bezieht Miriam Meckel natürlich auch die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien ein – fast im Übermaß hier und da, aber bei auffallenden Wiederholungen kann man diese auch einfach überlesen. Unterhaltsam dagegen wirken die persönlichen Erfahrungen, ob auf Reisen, Tagungen, Telefonkonferenzen, im Kollegen-, Freundes- und Familienkreis gewonnen, wobei oft eine spöttisch-ironische Betrachtungsweise mitschwingt, wo von diesen erzählt wird. Und hilfreich sind daneben auch eine Reihe von praktischen Überlegungen und Hinweisen, die die Autorin in Thesen zusammenfasst, wie „Wir dürfen abschalten“, „Wir haben das Recht auf eine kommunikative Identität“ und „Wir müssen Prioritäten setzen“.

Zu Beginn des Buches formuliert Miriam Meckel so auch salopp: „Wir müssen einen Stopp einlegen am Rand des Datenhighways... “. Am Ende resümiert sie dann etwas ernsthafter und tiefgründiger: „Unsere Selbstbestimmung entsteht aus Freiheit. Und diese Freiheit ist nicht, immer erreichbar zu sein, auf alles immer zu reagieren und alles sofort zu machen. Freiheit ist die Freiheit, auch einmal nicht erreichbar zu sein, um etwas ganz Bestimmtes, etwas Besonderes wirklich zu machen.“

In diesem Sinne vermittelt „Das Glück der Unerreichbarkeit“ tatsächlich eine Reihe von Möglichkeiten, die jeder für sich selbst finden, ausprobieren, verwerfen oder neu gestalten kann, wenn er einmal Laptop, Handy oder gar BlackBerry ruhen lässt - und sich in einer Zeit der Stille, die es doch zur Weihnachtszeit geben sollte, der Lektüre dieses Buches widmet.