Starke Frauen

„Das ist unser Leben“

In den Internetcafes Teherans sind sie online – doch draußen auf der Straße darf der Mantel nicht zu kurz, das Kopftuch nicht lässig gewickelt sein. Frauen in Iran sind es längst leid, so zu tun, als sei die Zeit für sie einfach stehen geblieben. Und lauter denn je fordern viele gerade neue Rechte – mit Stimmen wie Parvin Ardalans im Rücken.

Vor zwei Jahren saß sie im Flugzeug nach Stockholm, wo ihr der Olof-Palme-Preis überreicht werden sollte. Doch Parvin Ardalan durfte in letzter Minute das Land nicht verlassen: Die iranische Polizei nahm ihr den Pass ab, drängte zum Aussteigen aus der Maschine und stellte die iranische Frauenrechtlerin „sicherheitshalber“ für einige Tage unter Hausarrest.  

„Da war ich wahnsinnig wütend“, erklärte Parvin Ardalan vor kurzem in einem Interview mit der „FAZ“, in dem sie das politische Klima in Iran kurz vor den Wahlen beschrieb – und die herben Widersprüche, die den Alltag der Frauen dort bestimmen. 

Immer noch müssen diese nämlich erdulden, nur als Bürger zweiter Klasse zu gelten: Frauen haben nicht die gleichen Rechte wie Männer, ob vor Gericht, in der Familie oder draußen auf der Straße, wo die Wächter der islamischen Republik genau darauf achten, dass auch keine es wagt, sich ein paar Zentimeter zu viel Freiheit zu nehmen: „Es ist wie ein Spiel“, meint Arvin Pardalan. „Ein Spiel, das müde machen kann: Schauen sie sich zum Beispiel meinen Mantel an. Vor drei Monaten hätte ich den nicht tragen können, weil er zu kurz ist. (…) Jetzt ist es gerade in Ordnung, ihn zu tragen, so kurz vor den Wahlen will die Regierung gute Stimmung machen.“

Angesichts der Massenproteste der letzten Tage dürften zu kurze Mäntel wohl das geringste Problem sein, mit dem das Regime in Teheran zu kämpfen hat. Oder aber auch nicht. Denn wie iranische Frauenrechtlerinnen immer wieder betonen, hat das eine sehr viel mit dem anderen zu tun: „Die innere Zerrissenheit des Iran äußert sich vorab in der Stellung der Frauen“, glaubt etwa auch die Journalistin Shahla Sherkat. Bis vor kurzem gab sie das Magazin „Zanan“ heraus, eine Frauenzeitschrift, die einzige in Iran, die 2008 aber verboten wurde. Ihre Seiten gerieten in Verdacht, der Frauenbewegung im Land zu sehr den Rücken zu stärken. 

Dabei sind Irans Frauen auch so schon „stark“: Längst sind 60 Prozent aller Studenten weiblich, im Mittleren Osten ist Iran das Land mit der höchsten Frauenbildung. Nichts desto Trotz fehlt es an Aufstiegsmöglichkeiten, mit denen weibliche Potentiale in Beruf und Politik nach oben kommen könnten. Wie überhaupt außerhalb der Hörsäle ganz andere Gesetze gelten als solche, die Mann und Frau gleiche Chancen, Rechte und Freiheiten sichern: 

So gilt etwa die Aussage einer Frau vor einem iranischen Gericht nur halb so viel wie die eines Mannes. Im Falle einer Scheidung darf eine Mutter nicht die finanzielle Verantwortung für ihre Kinder übernehmen, weshalb diese zumeist dem Vater zugesprochen werden. Dieser wiederum darf von Gesetzeswegen selbst eine erst 13-jährige Tochter schon verheiraten, im Zweifelsfall sogar an einen 70-jährigen Mann – sexuelle Gewalt wird so sicher vorprogrammiert.  

Für Parvin Ardalan sind Gesetze wie diese ein furchtbarer Skandal. Im August 2006 rief die Aktivistin deshalb die Kampagne „Eine Million Unterschriften“ ins Leben, mit der sie Stimmen sammelt, um das islamische Establishment zu einer Gesetzesinitiative für Gleichberechtigung in Iran zu zwingen. Der Preis, den Ardalan dafür zu zahlen hat, ist hoch. Die 42-Jährige wurde bereits zu sechs Monaten Gefängnis und zweieinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt, auch wenn das Verfahren derzeit noch bei einem Berufungsgericht liegt. 

Doch Ardalan will sich davon nicht einschüchtern lassen. Man sei zwar vorsichtiger geworden, gab die Aktivistin im „FAZ“-Interview preis. Früher hätten sie noch die Leute in öffentlichen Parks, in Gesundheitszentren oder an der Uni angesprochen, um Unterschriften für die Kampagne zu sammeln, nun gehe man lieber direkt zu jemandem nach Hause. Angst mag ein ständiger Begleiter dabei sein, aber weder von ihr noch den iranischen Behörden dürfe man sich sein Leben diktieren lassen: „Das ist unser Leben. Ich mache nichts Falsches“, sagt Parvin Ardalan, die der beste Beweis ist: 

Nein, die Proteste in Iran haben nicht nur ein weibliches Gesicht – sondern viele lebhafte Stimmen von Frauen in ihrem Rücken. Auch wenn das Bild der 26-jährigen Neda Soltani, die vor laufender Kamera starb, sich vielleicht in den vergangenen Tagen am stärksten in westliche Köpfe eingeprägt hat.