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„Das Zimmer“

Die Freundin kommt zu Besuch. Nur für ein paar Tage angeblich, aber dieser Besuch ist anders als alle vorherigen: Ein kluger Roman von Helen Garner übers Sterben.

Nicola, die kluge, selbstbewusste, selbstsichere Freundin hat Krebs. Konventionelle Ärzte können ihr nicht helfen, also wandert sie von einem Wunderheiler zum anderen. Und auch während ihrer Besuchszeit in Sydney unterzieht sie sich einer barbarisch teuren alternativen Therapie. Ohne Erfolg, aber Nicola gibt nicht auf.

Dies ist kein Roman über einen Kampf, bei dem die als tödlich prognostizierte Krankheit durch den eisernen Willen des Kranken besiegt wird. Im Gegenteil. Er beschreibt den scheußlichen Leidensweg von Nicola, die ständig wachsenden Probleme ihrer Freunde, die sie betreuen, von ihr völlig überfordert werden, und endet mit ihrem Tod.

„Das Zimmer“ ist ein Roman über die Unbelehrbarkeit der Menschen, die einst leichthändig über das Jenseits philosophiert haben, aber mit dem Nahen des Todes nicht fertig werden, sich eisern ans Leben klammern, jede Einsicht verweigern. Schmerztherapeuten und die Mitarbeiter in den Hospizen, in denen Todkranke bis zum Ende liebevoll umsorgt werden, kennen das. Immer wieder erleben sie die Verweigerung, die plötzlich aufflammende Hoffnung der Sterbenden auf irgendeine Rettung – nicht unbedingt vor den Schmerzen, die werden erstaunlich geduldig ertragen, sondern vor dem Tod, vorm endgültigen Abschied.

Die australische Schriftstellerin Helen Garner hat für dieses Buch mehrere Literaturpreise gewonnen, es eroberte kurz nach seinem Erscheinen die australische Bestsellerliste. Zu Recht. Es ist stilistisch glänzend, einfühlsam, völlig unkitschig und sehr eindringlich geschrieben. Sowohl wenn es um das Leiden und die „Unvernunft“ der Kranken geht und bei der Schilderung, wie sehr auch beste Freunde und liebevolle Verwandte von der Pflege eines Sterbenden überfordert werden.

Es ist kein Trostbuch für jene, die sich vor Krebs und vor dem Sterben fürchten. Dazu ist Helen Garner zu vernünftig, aber für alle, die mehr über die letzte Phase einer tödlichen Krankheit wissen wollen, mit welchen instinktiven, vom Verstand nicht zu beherrschenden Mächten die Gedanken eines Sterbenden beherrscht werden – für sie ist es eine starke Anregung zum Weiterdenken, zur Beschäftigung mit dem eigenen Tod.

Haben wir wirklich nur Angst vor einem schmerzhaften Sterben, wie oft behauptet wird? Oder fürchten wir die völlige Auslöschung? Für die meisten, denen die Ärzte keine Hoffnung mehr machen, bedeutet die Nachricht „unheilbar“ den schrecklichsten Schock, den sie je erlitten haben, und, daraus resultierend, einen erbitterten Kampf des Überlebenswillens gegen die unvermeidbare Einsicht, dass auch sie sterben müssen.

Die Palliativmedizin, deren wichtigstes Ziel die Schmerzlinderung Todkranker ist, kann Schmerzen immer noch nicht völlig ausblenden, aber sie kann sie erträglich machen. Das Erstaunliche ist, das macht dieses Buch ganz klar: Ihr Leiden weckt in Sterbenden nicht unbedingt die Sehnsucht nach einer Erlösung durch den Tod. Eher im Gegenteil. Die Schmerzen blockieren jede Einsicht, steigern den Willen, am Leben zu bleiben. Egal,unter welchen Bedingungen. Das zeigt auch der Erlebnisbericht über den Tod einer krebskranken Frau unter dem Titel „Schlussakkord – Die letzten Monate mit Katja“ von der Deutschen Henriette Kaiser (ein Buch, dessen literarische Qualität mit der von Helen Garner aber nicht mithalten kann).

Beide Autorinnen, Garner wie Kaiser, schildern nur, sie reflektieren kaum, aber beide Bücher fragen – einmal perfekt in der Diktion, gekonnt verkappt auf das Wesentliche, das andere Mal weit ausholend und betont gefühlvoll – wie wichtig der Leser selbst sein Leben nimmt. Und wovor wir wirklich Angst haben, und ich glaube, die Antwort heißt:

Wir fürchten nicht das Sterben, sondern den Tod. Weil wir tief im Innersten überzeugt sind, dass er eine bodenlose Gemeinheit des Schicksals, des Karmas oder des Kismets ist.