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„Die Rache einer Frau kann Jahre dauern“

Von wegen Miss Marple und Giftbriefchen: Frauen, die Krimis schreiben, morden inzwischen genauso vielfältig wie ihre männlichen Kollegen. Ein Gespräch mit Anja Feldhorst und Martina Arnold über „Mörderische Schwestern“ und ein Netzwerk von Krimiautorinnen.

Schon seit geraumer Zeit hat sich im deutschen Sprachraum aber auch darüber hinaus abgezeichnet, dass Frauen immer stärker den Ton im Krimi-Genre angeben. Sowohl was Produktivität als auch was Qualität anbelangt. „Mehr Kommissarinnen und weniger blonde Leichen“ – so fordern die Mörderischen Schwestern – aber ist das noch zeitgemäß, wenn längst nicht mehr nur einsame, männliche Krimihelden ermitteln dürfen, zur Tatwaffe greifen oder auch zur Feder?

Anja Feldhorst: Ja, was soll ich hier zu „Mehr … weniger“ sagen. Ich bin erstaunt, wie oft das erwähnt und offenbar auch von Ulla Lessmann, der Präsidentin der Mörderischen Schwestern, unter die Leute gebracht wird. Denn eigentlich ist das Ziel der Mörderischen Schwestern, den Krimi von Frauen bekannter zu machen, sich gegenseitig zu unterstützen. Es gibt noch immer wenig Krimis von Autorinnen auf der Weltbestenliste, meistens werden Männer hochgelobt, nicht Frauen. Das gilt auch für Krimipreise und Stipendien – allerdings ist die Situation inzwischen deutlich besser geworden. Aber dass in diesem Jahr vier Frauen und ein Mann den Glauser Krimi-Preis bekamen und der Frauenüberschuss extra erwähnt werden muss, spricht für sich. 

Frauen lesen Bücher von Männern und Frauen. Männer lesen Bücher von Männern (natürlich immer nur überwiegend, Ausnahmen bestätigen die Regel). Was die blonde Leiche betrifft: Es gibt übrigens immer noch eine Menge Thriller, in denen keine Männer, sondern grundsätzlich Frauen massakriert werden, und zwar weil sie Frauen sind: Fitzek, Becket und Co. schreiben diese „erniedrigt und schlagt Frauen tot“-Geschichten, die immer noch sehr gerne gelesen werden, wie der Erfolg der Bücher zeigt. Vergewaltigte und ermordete Männer findet man eher selten in Thrillern.

Was haben denn Schriftstellerinnen wie etwa Liza Marklund oder auch Andrea Maria Schenkel, die ja große Bestseller lieferten, hier bewegt? Ist die Krimiwelt nicht eine andere geworden, seit auch TV-Figuren wie Bella Block oder Charlotte Lindholm als erfolgreiche Ermittlerinnen in ihr denkbar sind? 

Anja Feldhorst: Inzwischen gibt es sogar mehr Kommissarinnen als Kommissare beim Tatort, glaube ich. Aber wie gesagt, hier geht es weniger darum, dass keine taffen Kommissarinnen dargestellt werden, sondern dass Autorinnen weniger wahrgenommen und wie alle anderen Frauen auch in der Regel schlechter bezahlt werden.


Die Mörderischen Schwestern wurden 1996 gegründet, damals noch unter dem Dachverband der amerikanischen Sisters in Crime. Was ist ihr Ziel?

Anja Feldhorst: Diese internationale Autorinnenvereinigung mit Sitz in den USA gibt es seit 1986, um die Diskriminierung von Frauen im Krimibereich zu bekämpfen. 2007 lösten sich die Mörderischen Schwestern von den amerikanischen Sisters in Crime und stehen seither auf eigenen Füßen. Inzwischen gehören zu dem Netzwerk über 300 Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber auch im nicht deutschsprachigen Raum sitzt die eine oder andere Schwester, das Netzwerk breitet sich europaweit aus. Im März 2010 z.B. lesen einige der Berliner Autorinnen bei Barbara Fellgiebel, der Mörderischen Schwester in Portugal.

Martina Arnold: Der Grundgedanke der Sisters in Crime war: Warum drucken Verlage Krimis von Frauen erst gar nicht oder zocken Frauen als Autorinnen spätestens beim Honorar ab? Warum hält man einen krimischreibenden Mann per se für ein literarisches Genie und eine krimischreibende Frau für eine gelangweilte, nicht ausgelastete Hausfrau? 

Das Netzwerk bringt Frauen zusammen, die vor allem eines verbindet: die Liebe zum Krimi. Ansonsten weht der Wind aber aus allen denkbaren Richtungen: Bekannte Schriftstellerinnen wie Ingrid Noll oder Sabine Deitmer treffen hier auf Newcomerinnen der Szene; Verlegerinnen, Lektorinnen und Leserinnen tauschen sich aus -- gibt es jemanden, der hier nicht willkommen wäre? 

Anja Feldhorst: Ja, Männer. 

Auf den Ladies Crime Nights (LCN), die das Netzwerk regelmäßig veranstaltet, sind die meisten Besucher weiblich. Frauen seien mutiger und hielten das Grauen besser aus, so versuchte Ulla Lessmann dies einmal zu erklären. 

Martina Arnold: Traditionell lesen mehr Frauen als Männer Krimis, das sagen Marktanalysen, aber: Auch Männer können bei unseren LCN auf höchst unterhaltsame, kurzweilige Art spannende literarische Entdeckungen machen! Und im Zweifelsfall haben sie einfach nur einen höchst vergnüglichen Abend... Die letzte LCN fand im Rahmen der Leipziger Buchmesse im SPIZZ statt. Mit einem amüsanten Kurz-Krimi wurden die Besucher in die laue Nacht entlassen. An der Tür meinte ein Besucher grinsend: „Und ich dachte immer, Frauen die Krimis schreiben, sehen alle aus wie Miss Marple im Film.“ 

Zelebrieren denn die Ladies Crime Nights auch einen spezifisch weiblichen Thrill? Oder direkter gefragt: Morden Frauen anders, wenn sie Krimis schreiben?

Martina Arnold: Könnte man meinen. Aber Belege gibt es keine. Die Motive sind ähnlich denen in Männer-Krimis. Mit einem leichten Überhang zu Beziehungstaten. Okay, ein wenig heimtückischer sind sie vielleicht: Die Rache einer Frau kann Jahre dauern, während ein Mann einmal das Gewehr nimmt und ratatat die Familie in einem einzigen Akt auslöscht – siehe die Polizeiberichte. Aber insgesamt gesehen sind die Tötungsarten sehr ähnlich geworden: Frauen morden inzwischen genauso vielfältig wie ihre männlichen Kollegen. Kunststück: Die modernen Mörderinnen sind Frauen von heute, die dank Body Building durchaus auch die Axt schwingen können und nicht mehr nur mit zarten Fingerchen Giftbriefchen öffnen....

Die Mörderischen Schwestern sind ein modernes, aktives Netzwerk. Vereinsmeierei sei bei ihnen ebenso verpönt wie Konkurrenzdenken, heißt es. Es gehe darum, mit den eigenen Kompetenzen auch andere voranzubringen, etwa wenn Spezialwissen dringend gebraucht wird – über Giftkräuter oder die russische Mafia etwa. Soll man glauben, dass so manche Spezialistin dann wirklich einfach bereit ist, aus dem eigenen Nähkästchen (oder Giftschrank) zu plaudern? 

Anja Feldhorst: Ja! Das tun sie wirklich! Du müsstest mal die Mail-Liste lesen! Es gibt eine Menge Frauen, die sehr freigiebig mit ihrem Wissen umgehen. Leute, die auf ihrem Wissen hocken bleiben, gibt es in jedem Netzwerk, aber sie haben in Netzwerken eigentlich nichts verloren. Und da gibt es eine Menge auch bei Männern. Aber bei den Schwestern habe ich dieses Konkurrenzding noch nie ernsthaft erlebt.

Martina Arnold: Modern heißt: Lesungen organisieren. Oder Tipps und Tricks bezüglich Verlegern und Agenten weitergeben und so. Wichtig ist auch, in Preis-Gremien und Stiftungen präsent zu sein! Über das Netzwerk allen und damit den Einzelnen zu helfen! Im Grunde sind die Mörderischen Schwestern ein wunderbares PR-Instrument – so sehe ich das. Krimis von Frauen sind eine Marke, haben eine besondere Qualität! Und die gilt es zu verfestigen, herauszustellen und bekannt zu machen. 

Welche besonderen Angebote hat das Netzwerk, um den weiblichen Nachwuchs von Krimiautorinnen zu fördern? Und wie wird das angenommen? 

Anja Feldhorst: Wir haben ein Mentorinnen-Programm, einen Krimi-Wettbewerb für Mädchen, fachliche Weiterbildungsangebote beim Jahrestreffen, Austausch auf der Mailing-Liste, Tipps rund ums Krimi-Schreiben, eine interne Zeitschrift Mordio, den Info-Rundbrief Konspirative Mitteilungen, was von vielen Frauen ausgiebig genutzt wird. Außerdem finden Aktionen auf der Frankfurter und Leipziger Buchmesse statt. Neu ist das Verleihen der Goldenen Auguste, ein Preis für Förderinnen des von Frauen geschriebenen Krimis.

Ganz wichtig sind die regelmäßigen Treffen in 11 Regionalgruppen, in denen man gute Kontakte knüpfen und sich austauschen kann. Die Aktivitäten der einzelnen Gruppen sind so vielfältig wie ihre Mitglieder. In Berlin treffen sich die Mörderischen Schwestern immer am 13. eines Monats und außerdem in zwei Roman-Gruppen, beim Coaching und beim Lese-Training. Andere Verbände klagen über chronischen Mitgliederschwund – wir haben uns stetig vermehrt.

Eine Frage zum Schluss: Was unterscheidet die Mörderischen Schwestern von Krimi schreibenden Männern?

Anja Feldhorst: Wir haben kürzere Bärte… 

Martina Arnold: … aber dafür längere Beine – oder umgekehrt?

„Bevor ich den Mörderischen Schwestern beitrat, war ich skeptisch. Was waren das für Frauen? Das klang in meinen Ohren wie Emma und Emanzen. Bevor ich also beitrat, besuchte ich die Vollversammlung in Krefeld, um mir den Haufen einmal näher anzusehen. Bevor ich beitrat, warf ich meine Vorurteile – ja, Vorurteile! – über Bord. Ich lernte herzliche, streitbare, sanfte, aggressive, kluge und weniger kluge, einfach wunderbare Frauen kennen. Einige waren verheiratet, andere Singles, standen im Beruf oder waren Hausfrauen, jung und alt, witzig und ernst, skurril und schrullig. Schwestern aller Schichten und Couleur. Was diese Schwestern vereinigt, ist die Lust am Erzählen, die Lust einen Krimi zu schreiben, zu lesen, zu genießen. Bevor ich beitrat, lernte ich all diese wunderbaren Frauen kennen. Und inzwischen geht mir auch das Wort Schwester leicht von den Lippen.“ (Heidi Ramlow)

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Heidi Ramlow lebt als freie Autorin in Berlin. Über 30 Jahre begleitete sie Gerichtssendungen bei ARD und ZDF, zunächst als Regieassistentin, später als Regisseurin und Drehbuchautorin. In ihrem eigenen Verlag bringt sie seit 2007 neben Büchern auch Literatur-Adventskalender heraus. Wir danken Frau Ramlow für das Interview, das sie mit Fragen aus der MissTilly-Redaktion mit Martina Arnold und Anja Feldhorst führte. 

 

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 Bildnachweise:

 

1. Francesca (via photocase.com)

2. Terrorkind (via photocase.com)

3. Heidi Ramlow liest bei den Ladies Crime Nights im SPIZZ, Leipziger Buchmesse 2009.