Weibchenschema

„Die Zeit des Entweder-Oder ist vorbei“

Frauen sind auf dem Sprung – und nicht nur die gut ausgebildeten. Das legen zumindest die Ergebnisse der jüngsten „Brigitte“-Studie nahe, denen zufolge wir umdenken müssen: Mit Kind und Job und unabhängig leben wollen mittlerweile so viele Frauen, wie noch nie zuvor. Aber reicht der Wandel im Selbstverständnis – oder brauchen wir mehr?

Es sei „ein Umschwung auf der ganzen Breite“, erklärte Jutta Almendinger. Die Soziologin hat die von der Zeitschrift „Brigitte“ in Auftrag gegebene Studie „Frauen auf dem Sprung“ geleitet, um zu ermitteln: Was ist Frauen heute eigentlich wichtig? Welche Lebensentwürfe haben sie, was bedeuten ihnen Bildung, Männer, Kinder und Karriere, und wie blicken sie in die Zukunft? Das erstaunliche an den Ergebnissen, die nun in vierteiliger Serie in der „Brigitte“ genauer präsentiert und diskutiert wurden: Die jungen Frauen strotzen vor Selbstbewusstsein. Und sie wollen anders leben – von der Abiturientin bis zur Hauptschülerin nicht nur einige, sondern viele. Ja, die allermeisten sogar.

„Man hat den Eindruck, dass ein ganz neuer Typ Frau heranwächst“, so die Worte Jutta Almendingers (Brigitte-Heft Nr. 8/2008), die schon gleich mahnt: „Die Zeit des Entweder-Oder ist vorbei. Jetzt zählt das Und.“ Gemeint ist: Frauen wollen sich nicht mehr entscheiden müssen, ob sie eher auf den Beruf setzen oder Kinder in die Welt. Sie wollen nicht mehr vor die Wahl gestellt werden, finanziell unabhängig zu sein oder mit einem Mann in familiärer Arbeitsteilung zu leben, der dann als Ernährer auftritt. Nur noch 6 Prozent der Befragten in der Altersgruppe der 17- bis 19-Jährigen könnten sich das noch vorstellen: später einmal „nur“ Hausfrau zu sein. Höchste Zeit also für ein Umdenken und den Wandel?

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in den vergangenen Jahren so viel debattiert wurden, wie kaum je zuvor. Wie ältere Studien aber zeigen, galt bisher noch immer die Devise: Auf einen schlecht bezahlten Job an der Aldi-Kasse mögen noch relativ viele Frauen verzichten, auf einen prestigeträchtigen Job als Rechtsanwältin schon weniger. Die klassische Hausfrauenrolle – bis vor kurzem schien sie insbesondere den Akademikerinnen ein Problem. Hat sich das nun geändert?

Über 90 Prozent derjenigen, die in der „Brigitte“-Studie (in einem Alter bis zu 29 Jahren) befragt wurden, erklärten nämlich, sie wollten „auf eigenen Beinen stehen“. Ganze 99 Prozent waren der Meinung: „Ich weiß, dass ich gut bin“. Und immerhin noch 82 Prozent sagten: „Wenn ich etwas verändern möchte, dann schaffe ich das auch.“ Ein erstaunliches Selbstbewusstsein. Und was am meisten verwundert: „Wir sehen bei den Frauen mit Hauptschulabschluss und den Frauen mit Abitur erstaunlich wenige Unterschiede in der Selbsteinschätzung ihrer Fähigkeiten und ihrer sozialen Kompetenz“, erklärte Jutta Allmendinger in einem Interview mit der Zeitschrift „Brigitte“ (2008/Heft 8).

Was zeichnet sich da ab? Ein schwerer Fall von kollektiver Selbstüberschätzung vielleicht nur? Jutta Allmendinger sieht das nicht so. Für sie kommt es nämlich auf die neue Haltung der jüngeren Frauen sehr an – auf dieses neue weibliche Grundvertrauen, Dinge bewegen und durchsetzen zu können. „Dieser Glaube an die Umsetzbarkeit der eigenen Vorstellungen ist eine weitere Schlüsselkompetenz der Frauen, die in Schulzeugnissen oft nicht auftaucht“, so meint die Soziologin. Und dabei weiß natürlich auch sie: Wenn es um Schule, Noten und Zeugnisse geht, hat die viel beschworene „Generation Alphamädchen“ ja ohnehin schon längst die Nase vorn und Jungen haben derzeit das Nachsehen.

Aber Noten und Zeugnisse sind das eine. Ob es auf sie auch zukünftig ankommt, ist eine andere Frage. Berufsbilder würden heute zunehmend komplexer, so stellt Jutta Allmendinger fest, und andere Jobqualifikationen – als Paukwissen und Abschlüsse – dürfe man da nicht aus den Augen verlieren. Das glaubt auch Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, der die Frauen hier ebenfalls deutlich im Vorteil sieht: „Bei den weichen Faktoren haben Frauen häufig mehr zu bieten als männliche Mitbewerber.“ Es geht um solche Soft Skills wie Konfliktfähigkeit, Talent zur Kommunikation oder auch Teambereitschaft. Eigenschaften also, die bei den jüngeren Frauen heute nicht nur gut ausgeprägt scheinen – laut Studie sind sie auch relativ unabhängig von einem bestimmten Bildungshintergrund zu finden.

„Die soziale Kompetenz der Frauen kennt kaum noch Bildungsunterschiede“, verkündet entsprechend auch Jutta Allmendinger. Klingt gut. Vielleicht sogar etwas zu gut, um so ohne weiteres auch zu stimmen. Aber selbst wenn das so sein sollte: Werden dann gute Kompetenzen und ein Wandel im Selbstverständnis ausreichen, damit Frauen morgen den Weg gehen können, den sie sich heute schon wünschen? Es gibt viele kritische Stimmen zur Untersuchung „Frauen auf dem Sprung“, die das bezweifeln. Schließlich seien Wunsch und Vorstellung das eine, die konkrete Umsetzung dieser aber noch einmal ein anderes Kapitel.

Neben den Soft Skills kommt es hierbei nämlich auch wesentlich auf die Hard Facts an. Und mit Blick auf diese glaubt Jutta Allmendinger, dass unsere Gesellschaft und der Arbeitsmarkt wie auch Unternehmen den jungen Frauen erst einmal entgegenkommen müssen. Flexibilität sei dabei selbstverständlich gefordert, ob nun in den Arbeitszeiten, mit Modellen von Job-Sharing oder beim Angebot in der Kinderbetreuung.

Und was wiederum die angeht: Wer Beruf und Kinder vereinen möchte, hat wohl zunächst einmal ein ganz großes Problem. Kinder sind „Zeitfresser“, wie eine „taz“-Autorin realitätsnah in die Diskussion um die Studie einwirft: „Schlimme sogar“. Scheint da nicht die Frage angebracht, wie viel Zeit eigentlich die Männer, Partner und Väter von morgen zu investieren bereit sind, wenn es nicht so sein soll, dass doch alles bei den alten Mustern bleibt?

Eine Vergleichsstudie, mit der die „Brigitte“ parallel auch junge Männer befragte, ergab aber, dass diese nicht unbedingt mithalten können, schon wenn es um die Vorstellung geht, was Frauen heute eigentlich wollen. „Sie meinen, Frauen wollten versorgt werden und würden an ihnen kleben“, fasst Jutta Allmendinger zusammen (Brigitte-Heft Nr.8/2008). Immerhin oder zumindest: Auch das klingt nicht gerade rundum zufrieden.