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„Ein Handschuh, mit dem ich Buenos Aires anpacke“

Für ihren Roman „Änderungsschneiderei Los Milagros“ wurde Maria Cecilia Barbetta mit dem aspekte-Literaturpreis 2008 ausgezeichnet. Ein Interview mit der argentinischen Schriftstellerin, die in Berlin lebt und in deutscher Sprache schreibt, über die stofflichen Wunderkammern ihres Debüts.

Die 36jährige Argentinierin und Wahl-Berlinerin Maria Cecilia Barbetta ist – man könnte fast sagen – besessen von der deutschen Sprache. Sie hat in Argentinien eine Ausbildung zur Deutschlehrerin gemacht, ist durch das Goethe-Institut nach Deutschland gekommen, hatte dann noch einen Zeitvertrag an der Viadrina, bevor sie plötzlich arbeitslos wurde und praktisch gestrandet war.

In dieser schwierigen Situation hat sie begonnen, den Roman  „Änderungsschneiderei Los Milagros“ zu schreiben, der in Buenos Aires spielt, an der Oberfläche ein Liebesroman um eine junge Schneiderin und ihre schöne Kundin, darunter entpuppt sich die Geschichte aber als raffiniertes Spiel mit Andeutungen und Erinnerungen, Wünschen und Abhängigkeiten – eine barocke Wunderkammer, in der auch Bilder eine Rolle spielen. Sabine Korsukéwitz führte mit der Autorin ein Gespräch über die Entstehung und ihre Arbeit am Roman und über das Ringen mit der fremden Sprache.

Was hat Sie zum Schreiben gebracht?

Die Vorlage für diese Änderungsschneiderei, die habe ich in Berlin gefunden. Und zwar als ich mit dem Schreiben anfing, das war eine sehr spezielle Zeit und eine Zeit, in der ich sehr traurig war und vieles in Frage gestellt habe. Ich war arbeitslos, das war im Sommer 2005, und damals habe ich sehr viel über mein Leben und über meinen Werdegang nachgedacht und bin auch ziemlich viel Fahrad gefahren. Eines Tages habe ich eine Änderungsschneiderei entdeckt, und im linken Schaufenster dieser Änderungsschneiderei gab es einen Aufsteller. Und da war zu lesen: „Änderung von Damen, Kinder- und Herrenbekleidung.“ Bei „Änderung von Damen“ hatte man den Trennstrich vergessen. Und dieses Schaufenster war schon sehr speziell, weil es war in zwei geteilt, es war links ein Schaufenster, dann die Tür und dann wieder rechts ein Schaufenster, und der Aufsteller war doppelt: Links war „Damen“ geschrieben ohne Trennstrich und rechts der gleiche Aufsteller – allerdings mit Trennstrich. Das war der Anfang, also dieses Bild. Und genauso ist diese Änderungsschneiderei angelehnt. Als ein Ort, der zwischen dem Realen und dem Fantastischen oszilliert.

Sie wollten sich gern selbst verändern lassen...?

Ja, das war der Anfang. Es war eine Phase, in der ich mich gefragt habe, was eigentlich entsteht, wenn man keine Arbeit hat. Man macht sich auf die Suche, und gleichzeitig fragt man sich aber: Was genau willst du finden? Wo läufst du hin, was willst du denn erreichen? Und ich hatte auch eines Tages ein starkes Gefühl, eine starke Empfindung, und zwar war ich schon wieder unterwegs mit meinem Fahrrad und hatte das Gefühl: In Buenos Aires gibt es eine junge Frau, die läuft und ihre Schritte zählt. Und dieses Bild war so stark, dass ich gesagt habe: Ich muss darüber etwas schreiben, über diese Verdoppelung oder über diese zwei Frauen. Und somit ist das Erzählen auch in Gang gesetzt worden.

Haben Sie sich zuerst einen Plot ausgedacht oder es einfach laufen lassen?

Ich hatte das Gefühl, es läuft von alleine, obwohl ich davor nie etwas Literarisches geschrieben hatte. Also diese Arbeitslosigkeit hat sich verwandelt in Lust am Schreiben, und es war ein Schreiben, von dem ich das Gefühl hatte, nicht ich treibe es weiter, sondern diese Hauptfigur macht alles und ich gucke dabei zu. So kam eines zum Anderen, und von Anfang war das Schreiben unmittelbar verknüpft auch mit Bildern, mit sehr plastischen Bildern, ich meine nicht nur die Bilder, die im Roman abgebildet sind, sondern auch so Sprachbilder. Ich bin wie ein Affe von einem Bild zum nächsten gesprungen.

Woher kam Ihre Liebe zur deutschen Sprache?

Ich habe in Buenos Aires eine deutsche Schule besucht. Wir haben in einem Viertel gewohnt, in dem zwei deutsche Schulen waren, meine Mutter hat in der einen Schule unterrichtet, als Lehrerin. Und ich wollte auch immer Lehrerin werden. Als ich die Schule fertig gemacht hatte, habe ich überlegt, was könnte ich unterrichten, und gedacht: Sprache ist schön, mit einer Sprache kann man ganz viel anfangen. Die Liebe zur deutschen Sprache ist während der Ausbildung gekommen – und es grenzt an Verrücktheit: Damals hatte ich den Ehrgeiz, so gut Deutsch zu sprechen wie eine Muttersprachlerin, und habe auch lateinamerikanische Autoren in Übersetzung gelesen. Gott sei Dank bin ich mittlerweile davon abgekommen, ich habe in Deutschland nämlich peu à peu verstanden: Das werde ich nie erreichen, also die perfekte Sprache werde ich nie sprechen können.  

Ja, es ist unbefriedigend, wenn man nicht den Ausdruck oder die Nuance trifft, die man im Kopf hat...

Deswegen sammele ich nicht nur Objekte und Dinge und Nippes, sondern auch Wörter. Wenn ich lese, habe ich immer auch einen Notizblock bei mir, und ich schreibe mir schöne Wörter auf, die ich behalten möchte. Und die ich dann für mich verwenden möchte.

Ihre Hauptperson Mariana ist Argentinierin, lebt in Buenos Aires, haben Sie sie auf Spanisch oder auf Deutsch gedacht?

Auf Deutsch! Ich denke auf Deutsch, viele haben gefragt, wieso ich das tue. Für mich war von Anfang an klar, die Handlung spielt in Buenos Aires und die Sprache ist Deutsch. Es muss dieser Synkretismus sein, es muss Buenos Aires sein und es muss die deutsche Sprache sein – als Vehikel sozusagen, mich der Stadt anzunähern. Als wäre die deutsche Sprache ... als wäre sie ein Handschuh, mit dem ich Buenos Aires anpacke und mich Buenos Aires annähere. Es ist zugleich Verbindung und Distanz. Deswegen ist der Roman schon auf Deutsch gedacht, obwohl wahrscheinlich auch ganz viel spanisch eingeflossen ist.  

Für mich hat ein Wort in der Fremdsprache ganz viele Gesichter: also wie etwa „der Läufer“ im Roman jemand ist, der erst läuft und dann wird er zu dem Läufer im Schach und dann zum Teppich, einem Teppichläufer eben. Ja, das ist, was die Fremdsprache für mich ausmacht, diese ganzen Spielereien oder diese Verwandlungen, die die Wörter in ihr durchmachen. Das machen sie für mich in einer Muttersprache nicht, weil ich sie mir hier nicht angucke. Ich verwende sie und denke nicht über sie nach. Aber für mich sind Wörter in der Fremdsprache unglaublich plastisch. Und attraktiv, weil sie nicht meine sind. Ich laufe hinter diesen Wörtern her und will sie kriegen – und ich krieg sie nie!

Warum diese enge Verknüpfung mit Bildern, warum mussten die unbedingt zusammen mit dem Text erscheinen?

Die Bilder waren von Anfang an da. Am Anfang hießen sie nicht „Stoffmuster“ sondern die Kapitel hießen „Vorderteil“ und die Bilder hießen „Rückenteil“, wie bei einem Schnittmuster. Ein sehr wichtiger Hinweis kam dann vom Lektorat, das gesagt hat: Wenn du das so nennst, also den Text „Vorderteil“, das Bild „Rückenteil“, dann stimmt die Gewichtung nicht mehr. Darüber hab ich nachgedacht, bis ich zu der Idee mit den Stoffmustern fand, also diese Bilder einfach Stoffmuster zu nennen. Aber ich dachte, es wird natürlich schwierig sein, einen Verlag zu finden, der so ein Buch macht. Und vor allem in Deutschland – Belletristik, ein Roman mit Bildern!  

Irgendwann kam die Schreibwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin dazu, und da gab es zwei sehr gegenteilige Meinung: Burkhard Spinnen sagte: Nein, der Text muss es machen und nur der Text, Bilder raus! Und Katja Lange-Müller sagte: Nein, lass die Bilder drin! Der Fischer Verlag hat das so dann bekommen und war begeistert: Genau so machen wir das!

Das einzige, was sie nicht gemacht haben – was ich immer noch sehr schade finde – war: Das erste Stoffmuster ist ein Stadtplan von einem Stadtviertel Almagro, wo der Roman spielt. Und man sieht kleine schwarze Löcher, und diese Löcher hatte ich in der Ursprungsversion nicht als schwarze Löcher drin. Sondern das waren richtige Löcher (!) im Text, die ich gemacht habe. Und dann gibt es auch immer noch dieses Stoffmuster, das ist eine Karte aus den USA – mit einem Dreieck und dieses Dreieck war von mir ausgeschnitten, weil ich immer der Meinung war, diese Stoffmuster, diese Bilder müssten den Text öffnen und die müssten ihn unterminieren. Deshalb waren für mich diese Löcher und dieses Ausgestanzte sehr wichtig, aber der Fischer Verlag hat gesagt: Das können wir leider nicht machen, das ist viel zu teuer.   

Die Leser könnten ja die Löcher nachträglich reinstanzen und ausschneiden...

Das wäre ganz fantastisch! Das wäre ganz in meinem Sinne!

Wie lief die Zusammenarbeit mit der Herstellung?

Wunderbar! Ich bin auch sehr glücklich über ein ganz bestimmtes Stoffmuster: Es ist ein Zitat aus „Alice im Wunderland“. Die Figur sieht das Kaninchen, und das Kaninchen verschwindet in diesem Kaninchenloch und lässt aber einen Fächer und die Glacéhandschuhe fallen. Das ist so ein fantastischer Moment! Eine Einladung an den Leser auch, sich in das Innere des Textes führen zu lassen, ins Kaninchenloch. Deswegen wollte ich auch die Löcher haben, damit man da sozusagen reinflutscht, ja? Und Katja von Roville hat eine wunderschöne Lösung gefunden. Sie hat mit Farbe gespielt, mit schwarz-weiß, und diese Bewegung imitiert. Das heißt, man verschwindet dann, peu à peu, in dieses Loch, in das Innere des Textes – so würde ich es sehen wollen.

Es geht aber nicht wirklich um Stoffmuster…

Nein, das sind keine Stoffmuster, es sind Bilder, es sind Fotos, es sind Comicbilder, Zitate, Texte ... Für mich war es wichtig, dass diese Bilder mehr sind als Abbildung, die meisten öffnen den Text. Es sind Angebote an den Leser, den Text von einer anderen Perspektive zu betrachten, sich ihm von einer Hintertür aus anzunähern. Was diese Ursprungsidee mit den beiden Schildern – also mit und ohne Trennstrich – angeht und auch die Idee einer fantastischen und einer realistischen Lesart des Romans,… ich glaube, ich habe es im Text so fifty-fifty gehalten. Ich wollte kein Märchen schreiben, das wäre für mich nicht reizvoll gewesen. Es sollte auf der Kippe bleiben, und der Leser sollte den Schlüssel haben, nicht ich.

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Maria Cecilia Barbetta und ihr Buch "Änderungsschneiderei Los Milagros" werden in in der „aspekte“-extra-Sendung von der Frankfurter Buchmesse am Donnerstag, 16. Oktober 2008, um 0.35 Uhr im ZDF präsentiert. Und natürlich ist die Autorin auch auf Lesereise zu erleben, die Termine finden Sie hier.




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