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„Einmal im Leben“

Alles fängt mit einer Abschiedsparty an, die vor dem Hintergrund von indischer Tradition und „American way of life“ stattfindet: Die US-Autorin Jumpha Lahiri erzählt, wie eine zweite Generation von Einwanderern in Amerika versucht, das eigene Leben auszubalancieren – und dabei zwischen den Kulturen wandelt.

Es ist eine Liebesgeschichte, die das Buch „Einmal im Leben“ erzählt, zugleich aber auch die Geschichte zweier Menschen, die mit aller Wucht der Gefühle ihre Leben aneinander vorbei zu manövrieren versuchen: Hema und Kaushik kennen sich seit Kindertagen. Ihre Familien stammen beide aus Kalkutta und waren über viele Jahre eng befreundet, während es darum ging, in der noch fremden „Neuen Welt“ Amerikas als junge Einwanderer heimisch zu werden. Doch bald schon sollen sich die Wege der Familien auch wieder trennen – denn Kaushiks Eltern beschließen, nach Indien zurückzukehren. Und bei Hema daheim findet eine Abschiedsparty statt, an die sich das Mädchen später noch einmal erinnern wird. Nicht ohne Grund. Denn in Jhumpa Lahiri neuestem Buch ist dies erst der Anfang – einer Geschichte, die noch viele schicksalhafte Wendungen nehmen soll. 

Jumpa Lahiri gilt in den USA als der neue Shootingstar der heimischen Literaturszene. Gleich mit ihrer ersten Veröffentlichung, einer Sammlung von Kurzgeschichten, gewann die Amerikanerin, die als Kind bengalischer Eltern in London zur Welt kam und in Rhode Island aufwuchs, im Jahr 2000 einen der renommiertesten Literaturpreise des Landes, den Pulitzer-Preis. Danach folgte der Roman „The Namesake“, der auch in Deutschland erschien und dessen Story von Mira Nair, der erfolgreichen indischen Regisseurin, verfilmt wurde. Dennoch: in Deutschland ist Jhumpa Lahiri noch immer viel weniger bekannt als vielerorts anderswo in dieser Welt.  

Mit „Einmal im Leben“ könnte sich das aber ändern. Denn die Schriftstellerin nähert sich hier erneut einem Thema, das mehr denn je in der Zeit liegt, auch hierzulande: die Konflikte von Einwandererkindern, die wie Jhumpa Lahiri selbst in einem Land groß werden, dessen kulturelle Werte nur bedingt vom eigenen Elternhaus geteilt werden. Was zu starken Ambivalenzen führen kann – etwa in der Frage, wohin man eigentlich gehört. 

In einem Interview verriet Jhumpa Lahiri einmal, wie schwer es ihr in der Kindheit fiel, auf die Frage zu antworten, woher sie eigentlich käme: „Wenn ich sage, ich komme aus Rhode Island, dann sind die Leute nur selten damit zufrieden. Sie wollen mehr wissen, nicht zuletzt wegen meines Namens, meines Aussehens und so. Sage ich aber, ich käme aus Indien, wo ich nicht geboren wurde und auch nie gelebt habe, so ist das auch nicht wahr.“ Wie die Autorin meint, habe aber vor allem das Gefühl einer gespaltenen Loyalität ihre Kindheit geprägt: ein Spagat zwischen dem, was die Eltern von einem erwarteten, und dem, was es brauchte, um auch in eine „amerikanische Realität“ voll und ganz hineinzupassen. 

In Lahiris Erzählung ist es Hema, die ähnlich gespalten auf das eigene Leben blickt: „Meine Mutter hielt es für eine grausame amerikanische Sitte, ein Kind allein schlafen zu lassen“, erklärt die Figur, „Sie selbst, sagte sie, habe bis zum Tag ihrer Hochzeit mit ihren Eltern in einem Bett geschlafen, und das sei völlig normal. Ich wusste aber, dass es nicht normal war, dass es bei meinen Schulfreundinnen anders zuging und dass sie mich auslachen würden, wenn sie das wüssten.“ 

Dennoch bekommt Hema irgendwann ein eigenes Zimmer – muss es aber an Kaushik abtreten. Denn als dessen Mutter an Brustkrebs erkrankt, kehrt die Familie doch noch einmal überraschend nach Amerika zurück und findet im Hause der nun schon dreizehnjährigen Hema eine Bleibe für die erste Zeit.  

Was allerlei Konflikte herbeiführt: Denn Indien ist nicht gleich Indien, auch das holt Jhumpa Lahiri in den kurzen, aber wunderbar präzise komponierten Episoden ihrer Geschichte in den Blick. So hat die eine Familie in Bombay, der westlich orientierten Finanzmetropole, scheinbar bestens zu einem Lebensstil gefunden, der dem US-amerikanischen in nicht vielem nachsteht. Die andere Familie dagegen wähnt sich in Amerika mittlerweile gut verwurzelt – und ist dennoch redlich bemüht, im Kreise der kleinen Einwanderer-Community von Massachusetts um sich herum „indische Traditionen“ zu pflegen. Jhumpa Lahiri beobachtet hier nicht nur genau und facettenreich, sondern auch mit Sinn für die manchmal komischen, manchmal brisanten Projektionen, zu denen dieses Crossover der Kulturen verleitet. 

Hema aber ist zu dieser Zeit vollauf mit sich selbst beschäftigt: Langsam aber sicher gesteht sie sich nämlich ein, dass sie nicht nur ihr Zimmer an Kaushik verloren hat – sondern auch ihr Herz. Doch der ältere Junge, der seltsam schweigsam und unzugänglich wirkt, weiß weder das eine noch das andere so richtig zu schätzen. Und so wird es noch Jahre brauchen (und auch den Zufall im Leben), bis beide Figuren endlich zueinander finden. Für den kurzen Augenblick einer sich wild entfesselnden Liebe zumindest, in der plötzlich alles möglich scheint, sogar das Glück einer Bindung, die von Dauer sein könnte. 

In Jhumpa Lahris Erzählung zerren jedoch zu viele Kräfte an den Figuren in zu viele Richtungen, als dass diese jemals irgendwo ankommen könnten. Nicht nur Ost und West und zwei Kulturen vom jeweils anderen Ende dieser Welt prallen hier aufeinander, sondern auch sehr viel persönlichere Motive. Etwa der Wunsch nach einem unabhängigen Leben, der aber im Widerspruch steht zu dem Streben nach Zugehörigkeit. In diesem Sinne geht es Lahiri nicht nur um die Problematik von Immigration, auch wenn diese immerzu mit von der Partie ist und manchen Konflikt verstärkt.  

Etwa auch am Ende der Geschichte, als Hema und Kaushik mit verstörender Vehemenz sich dafür entscheiden, lieber die eigenen Gefühle zu verleugnen als zu riskieren, einen Halt zu finden, um dessen Verlust man fortan fürchten müsste.

Stattdessen: Ein erneuter Aufbruch, der Hema, die gestandene Akademikerin, in den sicheren Hafen einer arrangierten Ehe nach indischem Brauch führen soll. Während Kaushik, der Fotoreporter, der schon in allen möglichen Krisengebieten dieser Welt unterwegs war, nach Thailand reist, um dort durch einen festen Job seinem Leben eine Wende zu geben. Doch es kommt anders: Im Tsunami von 2004 findet er dort nur den Tod. 

Zuviel Dramatik und aufgewirbelte Spannungen für ein Buch, das man gelungen nennen möchte? Merkwürdigerweise nicht. Denn Jhumpa Lahiri versteht es, gegen die Macht der Schicksale, die sie hier schildert, einen Erzählton zu setzen, der bisweilen fast schmerzhaft nüchtern ist und deshalb auch spektakuläre erzählerische Griffe überzeugend bewältigt.