Starke Frauen

„Es war nicht immer gut für mich“

Sie galt als das Laufstegwunder, das aus der Wüste kam. Irgendwann hatte Waris Dirie das satt – und sie erzählte ihre ganze Geschichte. Seit dem gilt das Ex-Model als eine wichtige Stimme im Kampf gegen weibliche Genital- verstümmelung. Eine Rolle, die ihre zwei Seiten hat. Doch auch der Film „Wüstenblume“, der gerade ins Kino gekommen ist, leuchtet das nicht aus.

Wie schafft man das? Und wie viel Mut braucht man dazu: Immer wieder als Frau mit einer drängenden Mission aufzutreten – und verstümmeltem Geschlecht. „Das kann man nicht sein ganzes Leben lang machen“, hört man Waris Dirie längst sagen. Doch natürlich weiß auch sie, wieviel ein prominentes Gesicht zählt – im Kampf gegen genitale Verstümmelungen.  

Die Zahlen sind erdrückend: Täglich werden noch immer etwa 6000 Mädchen und Frauen zum Opfer dieser Praxis, die unerhörtes Leid nach sich zieht. Alle 11 Sekunden geschieht das Unrecht irgendwo in dieser Welt, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt. Dabei ist Waris Dirie, die im Alter von fünf Jahren selbst die Qualen einer „Beschneidung“ durchlitt, sich völlig sicher: „Wären weiße Mädchen betroffen, wäre das längst kein Thema mehr, es wäre längst ausgerottet.“ Doch wie das einstige Model meint, haben diese „Mädchen in der dritten Welt“ nun mal keine Lobby.

Umso wichtiger, dass Waris Dirie einst ihr Schweigen brach. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere wechselte sie plötzlich das Thema, anscheinend müde, die immergleiche Story ihres spektakulären Lebensweges rauf und runter zu beten: Waris Dirie wurde 1965 in der Wüste Somalias geboren, wo sie als Kind unter Nomaden aufwuchs. Als sie jedoch im Alter von 13 Jahren mit einem sehr viel älteren Mann zwangsverheiratet werden soll, ergreift das Mädchen die Flucht. Ein kleiner Dienstbotenjob in einer somalischen Botschaft wird später zum Sprungbrett, um in London Fuß zu fassen. Dirie schlägt sich hier weiter durch – bis sie eines Tages in einem Fast-Food-Restaurant auf Terence Donavan trifft. Der englische Starfotograf ahnt prompt, während die junge Frau ihn mit Wischmob und als Aushilfskraft umkreist, das As im Ärmel der Modelbranche, das er gerade entdeckt haben könnte. Und so wird denn aus dem Aschenputtel aus Afrika zusehends die erfolgreiche Laufstegqueen, die es bald schon (und als erste schwarze Frau überhaupt) auf ein „Vogue“-Cover schafft.  

Ein märchenhafter Aufstieg. Was folgt, sind aber auch herbe Abstürze, ob in Alkoholsucht oder durch seelische Crashs. In einem Interview 1997 entschließt sich Waris Dirie schließlich, nicht wieder nur über die Nomadentochter zu sprechen, die es in die Nobelhotels dieser Welt verschlagen hat. Dirie vertraut sich zwei Journalistinnen an und erzählt von ihrem großen Trauma. „Als ich dieses besagte Interview für ‚Marie Claire‘ gab, ging ich davon aus, dass das Magazin ohnehin nicht den Mut haben würde, es abzudrucken“, rekapituliert Waris Dirie später. „Es wurde aber sehr wohl abgedruckt, über zwei bis drei Seiten, und hat einen ernormen Prozess in Gang gebracht“.

Der Film „Wüstenblume“ soll hieran nun anknüpfen. Frei nach den autobiografischen Büchern, die Waris Diries über ihr Leben bereits veröffentlichte, hat Sherry Horman sich des Stoffes angenommen – und am Thema verhoben. Denn wo die Regisseurin eigentlich von einer Frau erzählen will, die den Mut entwickelt, ihre eigene genitale Verstümmelung publik zu machen, gelingt es dem Film nicht, zu einer Sprache zu finden, die das überzeugend transportiert. Vielmehr wird hier zwischen ernstem Anliegen und seichtem Unterhaltungskino, zwischen Afrikareportage und einem Hauch von Haute-Couture-Spektakel nur eines flachatmig bedient: das Bild einer Frau, die nicht länger Opfer sein will und sich von dieser Rolle tatsächlich auch emanzipieren kann. 

Im Falle von Waris Dirie sieht die Realität leider anders aus. Die große Öffentlichkeit als heilsame Rettung? Längst ist bekannt, wie sehr dem Ex-Model der mediale Rummel auch zusetzt, den es um die eigene Person, den eigenen Körper auch auszuhalten gilt. „Es war nicht immer gut für mich“, sagt Waris Dirie dazu und darüber, dass sie in den vergangenen Jahren als UN-Sonderbotschafterin ständig unterwegs war, um dem Thema Genitalverstümmelungen auf eine politische Agenda zu helfen. 

Im Frühjahr 2007 sollte sie so auch in Brüssel auf einer großen EU-Frauenkonferenz sprechen und wenig später auch mit der US-Außenministerin Condoleezza Rice zusammentreffen. Doch Waries Dirie erschien weder hier noch da und blieb über drei Tage spurlos verschwunden, woran die Medien regen Anteil nahmen. Bis heute ist nicht wirklich geklärt, was damals eigentlich geschah. Und so stechen am Ende unter den turbulenten Verdächtigungen, die der Fall aufwirbelte, vielleicht nur die Worte eines Psychiaters hervor, der mit Waris Dirie sprach, nachdem diese psychisch schwer angeschlagen wieder aufgetaucht war: Sie dürfte auf keinen Fall abermals über ihre schwere Verletzung öffentlich sprechen, so ließ der Mediziner angeblich den Manager der 43-Jährigen wissen. 

Man hätte sich wünschen können, dass Waris Dirie, die in diesen Tagen wieder vor Kameras und Mikrofonen steht, um „Wüstenblume“ auf die Kinoleinwand zu holen, dies tun darf – für einen Film, der es viel mehr wert wäre.