Fürs Auge

„Female Trouble“

Eine Ausstellung zeigt, wie Frauen vor der Kamera mit den Weiblichkeitsrollen ihrer Zeit spielen. In der Münchener Pinakothek der Moderne sind Werke von heutigen Stars wie Cindy Sherman, Pipilotti Rist oder Mathilde ter Heijne zu sehen, daneben aber auch Vorgängerinnen aus 150 Jahren Fotografiegeschichte zu entdecken.

Ein Bild, das irritiert: Es zeigt eine Madonna, die ihre Mütterlichkeit auf ganz profane Weise in Szene setzt: Sie reicht dem Kind im Arm die Brust zum Stillen – eine milchprallgefüllte Brust. Sind es Tabuzonen, die hier bloßgelegt werden – oder doch eher heilige Kühe? So oder auch so, der Kult um Mütterlichkeit, der hier zelebriert wird, scheint der Fotokünstlerin Cindy Sherman nicht ganz geheuer. Oder warum liegen hier die Dinge so gespenstisch nah beieinander: etwa das Tabu um den weiblichen Körper und zugleich dessen Überhöhung zum Lebensquell per se?

Cindy Shermans Madonnenbild ist nur ein Werk von vielen, das veranschaulicht, wie Frauen in den letzten 150 Jahren mit starren Rollenbildern in den Ring der Fotokunst gestiegen sind, um die Klischees ihrer Zeit subtil an der Nase herum zu führen. Dabei sind es meist die ganz klassischen Motive, die immer wieder parodiert werden: Heilige und Hure, rätselhafte Femme Fatale oder halbentblättertes Pin-up-Girl – allesamt fleischgewordene Männerträume, die nun genussvoll von den Frauen zur Brust genommen und entlarvt werden.

So wie etwa auch bei der Französin Sophie Calle, die in „Days Under the Sign of B, C & W“ mit einer adretten Blondine aufwartet. Die Frau, die hier als leicht bekleidetes Betthupferl präsentiert wird, sitzt inmitten von Blümchen, Schmetterlingen und ausgestopften Tieren. Dabei wirkt das ganze Ensemble so leblos und verpuppt wie der Sexappeal, der hier dargeboten wird, kitschig und billig. Irgendwo zwischen Soft-Porno und Kasernenspind-Phantasie ist das alles nicht neu. Von Sophie Calle wird hier aber ästhetisch-lustvoll vieles noch einmal auf die Spitze getrieben.

Es sind aber nicht nur die zeitgenössischen Arbeiten und die heutigen Stars, die zu einem Besuch der Ausstellung „Female Trouble“ locken können. Auch frühe Querdenkerinnen werden in den Blick geholt, etwa die Comtesse de Castiglione, die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts als Verwandlungskünstlerin vor die Kamera trat: Die florentinische Gräfin ließ sich in immer neuen Kostümen und Posen ablichten, wobei es bei diesen Selbstinszenierungen nicht nur darum ging, sich auch an die Grenzen der Konventionen zu begeben – sondern auch gegen das Altern zu stemmen und neu zu erfinden. In den 400 Werken, die über rund 40 Jahre entstanden, sind die Spuren dieses Älterwerdens ebenso zu verfolgen, wie die einer Sehnsucht, jung, verführerisch und begehrenswert zu bleiben.

Wo Frauen über Jahrhunderte vom Kunstbetrieb ausgeschlossen waren, eröffnete ihnen die Erfindung der Fotografie vor fast 170 Jahren plötzlich ganz neue Möglichkeiten: Künstlerinnen konnten nun mit der Kamera und im neuen Medium der Fotografie, das technisch relativ leicht zu handhaben war, alles das nachzuholen, was ihnen so lange verwehrt geblieben war. Denn im Großen und Ganzen waren die Entwürfe von Weiblichkeit, die es bis dahin in der Bildkunst zu entdecken gab, vor allem männlich geprägte. Schließlich saßen Männer auch lange Zeit allein vor den Farbtöpfen der Kunstgeschichte, um Frauen in ihrer Zeit ein Gesicht zu geben: Der Besuch einer Kunstakademie war ihnen vorbehalten, der Zugang zu den Werkstätten ebenso.

Wenig verwunderlich ist so auch der Titel, unter dem die Ausstellung noch bis zum 26. Oktober zu sehen ist: „Female Troble“ verweist natürlich auf Judith Butlers Buch „Gender Troubles“ („Das Unbehagen der Geschlechter“), mit dem die US-Soziologin ihrer bahnbrechenden Geschlechtertheorie den Weg ebnete: Butler legte in ihrem Werk dar, warum die Kategorien von „männlich“ und „weiblich“ ihrer Meinung nach nicht biologisch begründet werden könnten – sondern als soziale Zuschreibungen zu verstehen und entschlüsseln seien. Und zumindest: Ein Streifzug durch die Ausstellung zeigt, wie der weibliche Blick vieles aus alten Fugen geraten lässt, sobald die traditionellen Darstellungen von Weiblichkeit durch ihn nun auch hinterfragt werden – und die Suche nach Alternativen beginnt.

Wie etwa auch in den Arbeiten von Sarah Lucas: Roh, laut und schockierend – so präsentiert sich die 1962 in London geborene Künstlerin, die sich als „Bad Girl“der Brit Art einen Namen machte. Immer wieder überrascht die Künstlerin mit Posen, die irgendwie schnodderig, vulgär und eher männlich-aggressiv wirken. Oder Sarah Lucas fordert den Betrachter ihrer Fotos heraus, indem sie ihn mit einer diffamierenden Wahrnehmung der weiblichen Geschlechtsteile konfrontiert – etwa wenn mit Lebensmittel (wie Spiegeleiern) Brüste pointiert in Szene gesetzt werden.

Ähnlich rigoros versuchen auch die Video- und Aktionskünstlerinnen Pipilotti Rist und Mathilde ter Heijne, die Grenzen zwischen vermeintlich „typisch Frau“ und „typisch Mann“ zu verwirren. In der Installation „Ever is over all“ aus dem Jahr 1997 lässt die Schweizerin Rist eine junge Frau in Tüllkleid und roten Lackschuhen auf offener Straße grundlos Autoscheiben einschlagen – mit dem Blumenstengel einer Feuerlilie. Vandalin und Phallus aber lösen bei Passanten und der Polizei nicht etwa Entsetzen aus, sondern bekommen freundlichen Zuspruch.

Dagegen scheint Mathilde ter Heijne in ihren Werken eher weibliche Aggressionen unter dem Vorzeichen von Masochismus und Selbstzerstörung zu stellen. Oder warum zum Beispiel stürzen sonst in den Videostücken der Holländerin, die derzeit in Berlin lebt, überlebensgroße Puppen über Brückengeländer? Puppen, die in ihrem Aussehen Mathilde ter Heijne aufs Haar nachgebildet sind – und die von der Künstlerin dazu noch eigenhändig selbst auf diese Weise entsorgt werden.

Einen besseren Beweis gibt es eigentlich nicht: Frauen, die mit der Kamera arbeiten, sollte man nicht aufhalten. Sie können scharf schießen, mitunter auch auf alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Und sei es ein Alter Ego.

„Female Trouble – Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierungen in Fotografie und Videokunst“
Ausstellung in der Münchener Pinakothek der Moderne
noch bis zum 26. Oktober 2008
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Bildnachweise:

1. Cindy Sherman | Untitled #216 | 1988-90 | Aus der Serie History Portraits/ Old Masters aus der Serie Film Stills
PRIVATSAMMLUNG, MüNCHEN | © CINDY SHERMAN. COURTESY MONIKA SPRüTH PHILOMENE MAGERS COLOGNE, MUNICH, LONDON

2. Sophie Calle | Days Under the Sign of B, C & W | 1998
COLLEZIONE RAFFAELLA E SILVESTRO GALIOTO | © SOPHIE CALLE

3. Comtesse de Castiglione | Scherzo di Follia | 1863-66
THE METROPOLITAN MUSEUM OF ART, NEW YORK | © THE METROPOLITAN MUSEUM OF ART

4. Bild 3: Sarah Lucas | Self Portraits | 1990-98
SAMMLUNG GOETZ, MüNCHEN | © SARAH LUCAS | COURTESY SADIE COLES HQ, LONDON