Starke Frauen

„Fräulein Adams aus London“

Sie musste ihre Prüfungen noch heimlich ablegen: Hope Bridges Adams Lehmann war eine der ersten Frauen, die in Deutschland Ärztin wurden. Nun ist die Biographie dieser ungewöhnlichen Frau erschienen – und mit Heike Makatsch in der Hauptrolle sogar für das Fernsehen verfilmt worden.

Ein Entschluss, der nicht so recht in die eigene Zeit passen wollte: Die junge Engländerin Hope Bridges Adams nimmt sich vor, Medizin zu studieren. Sie geht dafür in den 1870er Jahren nach Deutschland, obwohl auch hier – genau wie in der Heimat – Frauen noch keinen selbstverständlichen Zugang zur Universität haben. Doch für Hope ist das kein Grund, schon gleich aufzugeben: Sie möchte unbedingt Ärztin werden! Zur Not auch gegen den Willen der Eltern und den Zwang damaliger Konventionen. 

Leicht war das nicht: Das lassen schon die begrenzten Vorstellungen von Weiblichkeit erahnen, die damals herrschten: „Nach dem gängigen Vorurteil hatten Frauen überhaupt nicht die geistige Kapazität, hatten ein viel kleineres Hirn, die Hirnmasse reichte gar nicht aus, um zu studieren“, so erklärt Marita Krauss etwa. Die Historikerin hat sich über viele Jahre mit dem Leben von Hope Bridges Adams beschäftigt und nun auch eine Biographie veröffentlicht, die beispielhaft zeigt, wie Frauen allmählich begannen, sich ab 1900 das Berufsbild der „Ärztin“ zu erobern.

Über viele, viele Hürden hinweg. Denn damals waren beispielsweise Gymnasien und das Abitur für Mädchen noch gar nicht vorgesehen. Vor 1893 fehlte Frauen so zumeist auch ein Latinum, das für das Medizinstudium notwendig war. Hope Bridges Adams konnte Latein – das war ihr Glück. Und nicht nur damit fiel sie fortan aus der Norm: 

Die gebürtige Engländerin, die in der Nähe von London 1955 zur Welt gekommen war, zeigte nämlich Zeit ihres Lebens einen erstaunlichen Mut, auch unkonventionelle und schwierige Aufbrüche zu wagen. Aus Liebe zu einem jüngeren Mann ließ sie sich scheiden, bestand aber darauf, das Sorgerecht für die zwei Kinder mit dem ersten Ehemann zu teilen. Und auch als Ärztin – der ersten, die überhaupt in München und Bayern offiziell praktizierte – verfolgte sie Ideen, die zukunftsweisend waren.

Wie aber kam es dazu, dass Hope Bridges Adams im Jahr 1880 ihr Staatsexamen in Medizin überhaupt ablegen konnte? Sie war die erste Frau in Deutschland, der das gelang – wenn auch nicht offiziell. „An der Universität Leipzig wirkten zu dieser Zeit bemerkenswert vorurteilslose Professoren“, erklärt Marita Krauss die Hintergründe. Bereits 1873 hätten diese beim Rektor der Fakultät einen Antrag gestellt, auch Frauen zum Studium zuzulassen, zumindest als Gasthörerinnen. Als eine solche schrieb sich drei Jahre später dann auch das „Fräulein Adams aus London“ in die Matrikel der Universität ein, wie ein Archivfund belegt.

Dennoch musste das Londoner Fräulein noch sehr darum kämpfen, sein Studium auch wirklich beenden zu dürfen. Die Prüfung wurde Hope Bridges Adams nämlich schlichtweg verweigert. Auch die vielen Petitionen, die diese schrieb – an das sächsische Kultusministerium, den britischen Generalkonsul und sogar die deutsche Kaiserin Augusta Victoria – konnten daran nichts ändern. Schließlich waren es die eigenen Professoren, die doch noch die Zeichen der Zeit verstanden. Und Hope heimlich das Examen abnahmen – hinter verschlossenen Fakultätstüren sozusagen. Erst 24 Jahre später wurde diese Prüfung dann offiziell anerkannt. Für Hope Bridges Adams Lehmann (so der Name der Britin in zweiter Ehe) aber war sie der Beginn einer Karriere, natürlich von der allerersten Minute an.  

Mit einem TV-Zweiteiler hat sich nun auch das ZDF daran gemacht, dieses Geschehen irgendwo zwischen großem Emanzipationsdrama und kleiner medizinhistorischer Anekdote ins Fernsehen zu bringen. Sehr zum Ärger von Marita Krauss, die akribisch und mit langem Atem rund um diese Geschichte recherchiert hat und sich nun um Nutzungsrechte und die Ergebnisse ihrer Forschung mit anderen streiten muss. 

„Dr. Hope – Eine Frau gibt nicht auf“ wird so voraussichtlich auch erst im Februar 2010 über die Bildschirme gehen. Das Buch zum Film gibt es aber schon jetzt: mit Heike Makatsch auf dem Cover, die hier also nach „Hilde“ erneut eine Frauenfigur verkörpern darf, die gesellschaftlich aus der Reihe tanzt. Hope Bridges tat dies übrigens nicht nur als engagierte Ärztin, die sich früh auf den Bereich der Gynäkologie spezialisiert hatte. Sie war auch sozial und politisch sehr interessiert. 

 

Zusammen mit ihrem Mann Carl Lehmann verkehrte sie im Kreise der gut vernetzten Münchener Sozialdemokratie, die Wohnung des Ärzteehepaares galt zeitweilig als eine Art politischer Salon, in dem Leute mit Rang und Namen zusammenkamen, auch Lenin und Clara Zetkin waren hier zu Gast. Im Jahr 1896 erschien von Hope Bridges Adams das „Frauenbuch“, ein Gesundheitsratgeber, der viel Beachtung fand. Dabei ging es der Autorin aber nicht nur um medizinische Aufklärung, sondern auch darum, lebens- und alltagsreformerische Ideen zu befördern. Mann und Frau müssten zu einer neuen Partnerschaftlichkeit finden, so plädierte die Ärztin, die hier auch das Thema Sexualität offen und couragiert anging. Und dabei um Tabus, wie Masturbation und lesbische Liebe, keinen Bogen machte.

 

Daneben aber hatte Hope einen großen Traum, der sich nicht verwirklichen ließ: Sie wollte in München eine neuartige „Frauenklinik“ gründen, die um ein Müttergenesungsheim ergänzt auch sozial Schwachen offen stehen und äußerst modern arbeiten sollte. Daraus aber sollte nichts werden. Manche Dinge brauchen eben doch mehr Zeit, als sie Adams Lehmann vergönnt war. 

 

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Bildnachweise: 

 

1. Hope Bridges Adams Lehmann, Foto © Volk Verlag.

2. Marita Krauss: „Dr. Hope Bridges Adams Lehmann – Ärztin und Visionärin. Die Biografie“, Volk Verlag.

3. Szenenfoto aus: „Dr. Hope Adams Bridges Lehmann – Hoffnung kann nicht sterben“ (ZDF).