Cool Tour

„Schwamm drüber!“

Oder: Die Theatersitcom „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ überfordert das Zwerchfell, ey, weißt du?!

Die pubertierenden „Friedrichshainis“ Sina und Nina, eine türkisch-deutsche Chaosfamilie, dessen Oberhaupt Erkan – ein ehemaliges Stasi-Mitglied – seine dominante Frau Hülia zu den Kindern abschiebt, um seine Affäre mit der polnischen Putzfrau zu vertiefen, dazu die Ossibraut Frau Schinkel, die beim Arbeitsamt Blanko-Wartemarken verschleudert und gleichzeitig statt von ihrem Freund – Dönerbudenbesitzer und Bruder von Erkan – von dem Postboten Kalle schwanger ist.

Das sind die Hauptpersonen in der skurril amüsanten Theatersitcom „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“, die bereits seit 2004 im Weddinger prime time theater große Erfolge feiert.

Warum ich diesem großartigen Projekt erst jetzt einen Besuch abgestattet habe, ist mir im Nachhinein absolut unerklärlich und zeigt wieder einmal, dass man viel öfter über den Tellerrand seines eigenen Kiezes hinausschauen sollte. Zugegeben, ich brauchte ein paar Minuten um bei Folge 30 „Mein Türke, meine Schwiegermutter und ich“ Fuß zu fassen.

Trotz der kurzen Zusammenfassung „Was bisher geschah“ musste ich mich an die überzogenen Charaktere und die komplizierten Zusammenhänge erst gewöhnen. Schluss mit Irritation - der erste schlimme Lachanfall war bei dem Auftritt von Sina und Nina – gleiche Frisur, gleiches Outfit, gleiche Art zu sprechen – garantiert. Ihre unglaublich dämlichen Dialoge, ihr affektiertes Gehabe und – besonders überzeugend dargestellt – ihr merkwürdiger „Slang“ – mein persönliches Highlight!

Hier ein kleines Gedächtnisprotokoll einer ihrer Unterhaltungen:

 „Ey, Sina, was läuhäuft denn heute mihit Robeherto?“ *dackelblick* „Wie jehetz, uärh, Scheiße, das Dahate ist heute?? Ohnee,ey, wahas?!“ *wild gestikulier* “Ja, klar, ey, haste dahas etwa vergehessen?”„Ey, Nina, wahas mach ich denn jehetzt, üarh? *panisch guck* Der ist doch schon voholl erfahren…“ „Keiheine Pahinik, ich hab dir alles mihit gebracht: Kondome – Größe S – dahas reiheicht bestimmt, *kicher* Desinfektionssprayhay, üarh, und Tahaschentücher.“ „Ohneee, ey, meinst du, der fängt an zu heueelen? Uärh…“ „Ey, tschuldigung?!“ *ungläubig guck* „Angenommen!“

Live und in Farbe ist das natürlich um einiges überzeugender, und besonders ihre Beste-Freundinnen-vertragen-sich-wieder-Geste ist zum Totlachen: Hände aneinander, großen Kreis formen und einmal laut im Chor: „Schwamm drüber!“

Rund um die Autorin der Folgen, Constanze Behrends Tautorat, und ihren Mann Oliver Tautorat, die in GWSW unter anderem das deutsch-türkische Pärchen Nicol und Murat spielen, hat sich eine kleine Gruppe Schauspieler versammelt, die in den verschiedensten Rollen überzeugen und die Skurrilitäten und Wunderlichkeiten des multikulturellen Berlin, insbesondere Wedding, auf unglaublich erfrischende und liebenswürdige Weise auf die Bühne bringen.

Dass keiner der rund 134 Gäste, die in dem kleinen Theater mit Wohnzimmerflair Platz finden, mehr als 8 Meter von der Bühne entfernt ist, verstärkt die intime Wirkung und das Mittendrin-statt-nur-dabei-Gefühl. Oft genug lässt sich der verzweifelte Murat, der gerade Vater der kleinen Hülia-Lisa geworden ist und davon sowie von seiner tyrannisierenden Mutter Hülia komplett überfordert ist, Zuspruch und Ratschläge aus dem Publikum geben. Und wenn er mit Onkel Ahmed über die türkisch-griechischen Differenzen diskutiert – „Züpern? Klar is türkisch! Wie Mükonos. Und Rügen. Is doch ü drin!“ – hofft er auf zustimmende Reaktionen der Zuschauer. Laut eigenen Angaben benutzen die Schauspieler „die vierte Wand, wenn wir sie brauchen, reißen sie aber auch ebenso schnell wieder ein.“ Der Plan geht auf.

Jede Folge (insgesamt sind es rund 50, die in 2-3wöchigem Wechsel gespielt werden) steht für sich, aber durch die Zusammenfassung der letzten Folgen und die Vorschau auf die kommende, ist der Zuschauer durchaus suchtgefährdet. Ich lasse mir Folge 31 „Das Kochduell“ jedenfalls nicht entgehen. Macht doch gegenüber Ahmeds Döner- ein griechischen Restaurant auf – eine Situation, die zum kulinarischen Kräftemessen führt und nach einer Menge Spaß für das Publikum klingt!

Rechtzeitig Karten reservieren ist ein Muss, auch wenn sich für eine Hand voll Spontanbesucher immer noch ein Plätzchen im Gang findet, das Murat durchaus charmant zu vergeben weiß: „Is hier noch genug Platz in Gang, passen zwei rein. Seid ihr Pärchen? Könnt ihr kuscheln!“
Also, auf nach Wedding, auch wenn’s gefährlich klingt – „Schwamm drüber!“