Reizthema

„Wir Huren sind etwas Besonderes“

Lulu hat über 20 Jahre im Gewerbe gearbeitet hat – freiwillig und ohne Zuhälter, wie sie betont. Aber wo Prostitutierte auch mit Zwängen zu tun haben und Gewalt erfahren, ist es wichtig, dass sie nicht nur auf sich allein gestellt sind. Eine Beratungsstelle wie „Nitribitt“ macht sich für sie stark.

Von: Tina Groll

vom 24.06.08

Sie nennt sich „Lulu“, und sie sagt, dass Männer „wunderbar beschränkt“ seien. Ihr Geschäft sei es, eine Illusion zu verkaufen. Und dass das ein ehrbares Geschäft sei. Lulu hat zum Frühstück geladen und versprochen, zu erzählen – von ihrer Zeit im ältesten Gewerbe der Welt, von den Häusern der Helenenstraße, in denen selbstbewusste Frauen arbeiten, von den schummerigen Hafenbars, in denen die kleinen Piccolos Puffbrause genannt werden, und vom Straßenstrich, auf dem heute immer mehr Osteuropäerinnen stehen, die statt einer Illusion ihre jungen Körper verkaufen. Lulu will auch über ihren Ausstieg berichten – denn nach fast 20 Jahren als Prostituierte in Bremen führt sie heute als verheiratete Krankenschwester mit Haus und Garten ein – fast – ganz bürgerliches Leben.

Zum Frühstück hat sie in die Prostituiertenberatungsstelle „Nitribitt“* geladen. Die ist ihr wichtig, denn hier engagiert sie sich mit großer Leidenschaft. Die Einrichtung ist in einem Altbremerhaus in der Stader Straße untergebracht. Ein unauffälliges Schild weist darauf hin, dass hier der Treffpunkt der Huren ist. Denn „Nitribitt“ ist mehr als eine reine Beratungsstelle, die Einrichtung ist Interessensvertretung, Treffpunkt und Informationszentrum für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter im Land.

Es ist früher Vormittag, die beiden Sozialarbeiterinnen von „Nitribitt“, Gabriele Trapp und Monika Heitmann, öffnen die Tür und bitten in die Beratungsstelle. Eine große Palme steht in der einen Ecke, in einer anderen stehen Korbmöbel, dahinter ist eine Wand mit Infomaterial in allen Farben und bunten Plakaten. Nach hinten geht es zu den Büros raus.

Auf dem langen Tisch im großen Zimmer stehen Brötchen, Kaffee und frische Blumen, dahinter sitzt Lulu und raucht. Jung sieht die 48-Jährige aus, die grinsend die Hand gibt und gleich drauflosredet. Viel zu tun gebe es, gerade als Ehrenamtliche im Verein von „Nitribitt“, erzählt sie – und wie zum Beweis klingelt das Telefon. Sozialpädagogin Trapp eilt ins Büro nebenan. „Derzeit steht das Telefon kaum still“, sagt Monika Heitmann, und Lulu nickt. Die Beratungsstelle ist von massiven Kürzungen betroffen. Es ist fraglich, ob es die Einrichtung auf Dauer noch geben kann. Dabei beraten die zwei Hauptamtlichen seit über 20 Jahren zuverlässig, anonym und patent mehrere tausend Prostituierte, ihre Angehörigen oder Freier in Bremen und der Region.

Rund 3000 gibt es im Land Bremen, eine genaue Zahl existiert natürlich nicht. Laut Angaben der Polizei arbeiten viele davon in den 250 bekannten Wohnungen, Freudenhäusern, Bars und Clubs, „aber die Szene differenziert sich aus“, berichten die „Nitribitt“-Beraterinnen. Viele Frauen arbeiten heute privat, sie inserieren in Zeitungen und Anzeigenblättern – und im Internet. Und schließlich die Osteuropäerinnen: Nicht alle sind freiwillig in Deutschland, viele – besonders die jungen Mädchen – sind Opfer vom Menschenhandel, Sexsklavinnen, ohne Pass und Sprachkenntnisse, Gefangene ihrer gewalttätigen Peiniger.

Sie und die vielen Gelegenheitshuren machen den Huren am meisten Konkurrenz. „Es gibt so viele Mütter auf Hartz IV, die in den einschlägigen Kneipen schmierige Angebote annehmen und es für 30 Euro ohne Gummi machen“, hat Lulu beobachtet. Abgeklärt klingt dieser Satz. Lulu redet schon weiter, von den vielen jungen Frauen, die aus Neugierde oder Geldsorgen in die Szene drängen. Der Einstieg erfolgt oft über das Telefonsexgeschäft – oder das Internet. Für Lulu ist das fast der „Verfall des Gewerbes“.

In den vergangenen Jahren haben bei „Nitribitt“ auch immer wieder Studentinnen angefragt, die sich durch Sexarbeit ihr Studium finanzieren wollten. Tagsüber in der Vorlesung, nachts im Bordell – ist das wirklich so? Lulu nickt. Viele Huren führen ein Doppelleben – wenn der Partner, die Familie oder die Nachbarn erfahren, womit sich die Frauen ihren aufwendigen Lebenswandel finanzieren, tauchen vielfach Probleme auf.

Aber auch, wenn es um rechtliche und gesundheitliche Aufklärung geht, wenn sich ein Freier verliebt oder sich die Frauen umorientieren möchten – beispielsweise raus dem Bordell auf die Straße, dann sind die Frauen von „Nitribitt“ gefragt. Um „effektiv arbeiten zu können“, so Heitmann, brauchen die Beraterinnen Frauen wie Lulu, gestandene Huren, die das Milieu sehr gut kennen. Die das Vertrauen der Mädchen haben und Kontakte zwischen dem Klientel und der Beratungsstelle herstellen. Nur so kann „Nitribitt“ Einstiegs-, Umstiegs- und Ausstiegshilfe anbieten, Schnittstelle zwischen Rotlichtmilieu und Gesellschaft sein.

Einstiegs- und Umstiegsberatung? „Tatsächlich kommen solche Fragen eher selten vor, aber sie gehören auch mit dazu“, sagt Sozialpädagogin Gabriele Trapp, jetzt zurück vom Telefon. Also eine Berufsberatung für Huren? „Wir klären darüber auf, was man alles mitbringen muss, um in diesem Gewerbe zu überleben“, so die Beraterin. „Man muss psychisch gesund und sehr gefestigt sein, Schauspieltalent und Humor mitbringen – und Menschenliebe“, sagt die Prostituierte und erzählt, wie sie Nutte wurde. Den Begriff findet sie gar nicht abwertend.

28 Jahre alt war die Krankenschwester und besserte ihr Gehalt als Kellnerin in Bars auf. Ein loses Mundwerk habe sie sowieso gehabt – und viele Männer. In der Nachtclub-Szene lernte sie bald einen Mann kennen, der ihr die Kontakte zum Milieu vermittelte. „Ich war neugierig. Und Sex macht mir sowieso Spaß“, erzählt Lulu und zieht lasziv an ihrer Zigarette. Ihre erste Station war die Helenenstraße in Bremen. In einem der Bordelle mietete sich Lulu ein Zimmer, 150 Mark am Tag kostete das damals, egal, ob sie arbeitete oder nicht.

Heute wird dieser Betrag in Euro fällig. „Bremens Huren sind sehr selbstbewusst. Zuhälter mischen nur wenige mit“, erklärt Gabriele Trapp. „Aber viele Frauen halten sich einen Zuhälter – für die Sicherheit und fürs Image. Den staffieren sie dann mit Goldkettchen und Limo aus, behängen ihn wie einen Weihnachtsbaum, nur um zu zeigen, wie viel sie verdienen“, sagt Lulu. Sie selbst sei stets ohne Zuhälter ausgekommen.

Bei den Prostituierten in der Helenenstraße ging sie in die Lehre. Die Frauen zeigten ihr die Tricks und Kniffe, führten sie in die Gesetze des Milieus ein. „Eine ausgebildete Hure küsst ihren Kunden niemals. Sie verkauft eine Illusion, nicht sich selbst“, erklärt Lulu. Für die meisten Männer sei genau das der Reiz, sagt die Hure, „etwas Verruchtes zu tun. Mit einer erotisch zurechtgemachten Frau eine gewisse Zeit zu verbringen, Wünsche erfüllt zu bekommen, die sie vor ihrer Partnerin vielleicht gar nicht aussprechen mögen.“ Wie der Mann, der sie in ihrer Reizwäsche einfach nur betrachten wollte – oder der andere, der sehr viel Geld bezahlte, um sie beim Toilettengang zu beobachten. 15 bis 20 Minuten für einen Freier, „davon werden 13 Minuten nur geredet. Das Reden ist sehr wichtig. Damit wird nicht nur die Zeit gefüllt“, sagt Lulu. Oft geht es den Männern einfach nur um Nähe oder dass eine Frau zuhört. Schon nach wenigen Tagen, erinnert sie sich, habe sie Gefallen an ihrem neuen Job gefunden. Warum? Lulu zuckt mit den Achseln und sagt: „Na, es ist halt schnell verdientes Geld.“

Aber leicht verdient ist das Geld dann doch nicht. Die meisten Huren arbeiten sieben Tage in der Woche. Auch, um sich über die eigenen Rechte zu informieren, brauchen die Huren Einrichtungen wie „Nitribitt“ – Orte, an denen sie sich auch mal austauschen können. Vor allem dann, wenn sie aussteigen wollen. Lulu wusste immer, dass die Prostitution nichts für ewig sein würde. Darum hat sie ihren Job als Krankenschwester nie aufgegeben. „Ich hab in Teilzeit weiter gearbeitet, allein schon, um im Rentensystem zu bleiben“, erzählt sie. Doch die Doppelbelastung zwischen Anschaffen und Job sei sehr schwer durchzuhalten.

Als Lulu einen Mann traf, mit dem sie ein bürgerliches Leben führen wollte, schaffte sie den Absprung vom Strich. Leicht sei ihr der Ausstieg nicht gefallen, sagt sie und kippt noch einmal Kaffee nach. Ohne das viele Geld auszukommen, sei schwer gewesen. Aber Lulu hatte einen Teil angelegt. Der Straßenstrich veränderte sich sowieso, die Osteuropäerinnen drückten die Preise – und Lulu ging nicht mehr jeden Tag arbeiten. Irgendwann arbeitete sie nur noch sporadisch – oder für ihre Stammkunden.

„In 20 Jahren hat man natürlich seine Stammkunden“, sagt sie und nippt an ihrem Kaffee. So ganz komme man eben nie los, raunt sie. Und ganz wolle sie der Szene nie den Rücken kehren. Denn es gebe noch so viel zu tun. Gesundheitsaufklärung bei den Frauen und Freiern sei immer noch und immer wieder ein wichtiges Thema, Hilfe für die Mädchen, die gegen ihren Willen Sexarbeiterinnen sind, den Frauen beim Ausstieg zu helfen – oder sich mit Huren zu vernetzen, die ihre Dienste Senioren und Behinderten anbieten. Für Lulu steht fest: „Huren sind etwas Besonderes.“

*Rosemarie Nitribitt war eine Frankfurter Prostituierte, die in den 1950er zum Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, das in der Bundesrepublik großes Aufsehen erregte.
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Fotonachweise:

1. Mathias The Dread (via photocase.com)
2. Sina Bröhl (via photocase.com) 
3. Micha (via photocase.com)
4. erdbeersüchtig (via photocase.com)