Starke Frauen

„Wir können viel verändern – wir müssen es tun!“

Die Ärztin Monika Hauser hat einfach angefangen, als die Nachrichten vom Krieg auf dem Balkan sie schockierten. Seit mehr als 15 Jahren setzt sie sich für vergewaltigte Frauen in Kriegsgebieten ein. Ihre Organisation medica mondiale wächst. Jetzt wurde sie mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Wagen Sie für uns einen Blick in die Zukunft: Was könnte der Alternative Nobelpreis für Ihre künftige Arbeit bedeuten?

 

Ich hoffe und erwarte, dass die Welt die Situation von Frauen in Krisengebieten endlich mehr wahrnimmt. Ich habe in den ersten zwei Wochen nach der Bekanntgabe des Preises über 60 Interviews gegeben, das ist sonst der Halbjahresschnitt.  

 

Leider interessieren sich aktuelle Medien immer nur dann für unsere Arbeit, wenn gerade eine Sensation passiert. Und selbst dann bin ich oft nur als Fachfrau gefragt. Selbst 1999 in der Kosovo-Krise haben sich die Fernsehsender mit den großen Hilfsorganisationen abgesprochen. Ich bin zwar zu Brennpunkten eingeladen worden, durfte aber nie sagen, dass wir auch Gelder brauchen, unsere Spendenkonten wurden nie eingeblendet. Das war ein ziemlicher Skandal.  

 

Hat sich daran jetzt etwas geändert?

 

Spendenkonten werden seit Längerem kaum noch eingeblendet. Ich kann nur versuchen, frech zu sein und während der Sendung zu sagen, dass wir von Spenden leben. Noch ist es zu früh einzuschätzen, ob jetzt mehr Spenden eingehen – ich hoffe natürlich auf einen Schub.  

 

Der Preisträger José Lutzenberger hat in dem Buch „Vorbilder“ geschrieben, durch den Alternativen Nobelpreis sei er brasilianischer Umweltminister geworden und habe so mithelfen können, den Bau der brasilianischen Atombombe zu verhindern. Was erhoffen Sie sich von der Politik?

 

Ich möchte, dass Frau Merkel und Herr Steinmeier unsere Thematik endlich als Eckpfeiler in die deutsche Außenpolitik integrieren. Das fordern wir seit vielen Jahren – zurück kommen viele Lippenbekenntnisse von deutscher und internationaler Seite.  

 

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen als Kriegsstrategie sei ganz schrecklich, aber man könne wenig für die Frauen machen. Stimmt nicht, sagen wir dann: Es gibt eine neue UN-Resolution, die Vergewaltigung als Kriegstaktik und Bedrohung für den Weltfrieden bezeichnet – angewendet, um Menschen zu erniedrigen, Macht über sie auszuüben, sie zwangsweise umzusiedeln. Eine andere besagt, dass Frauen in Kriegsgebieten Schutz brauchen. Damit kann sich ein Mandat für UN-Missionen verbinden. Es fehlt allein bis jetzt der politische Wille.  

 

Trotz zahlreicher Auszeichnungen sind Sie in der Vergangenheit immer wieder vor verschlossene Türen gestoßen?

 

Ganz viele sagen, „schön, was Sie da machen“, wollen aber mit der Thematik nichts zu tun haben, ja.  

 

Warum wenden sich die Menschen lieber ab?

 

Männer und Frauen haben da sehr unterschiedliche Gründe. Bei den Frauen ist es oft, weil sie selbst oder Verwandte betroffen sind und es für sie zu gefährlich scheint, sich öffentlich für das Thema zu engagieren: Jede dritte bis vierte Frau in Deutschland hat Gewalt erlebt. Die meisten Männer werden defensiv bei dem Thema. Das liegt auch am nach wie vor lebendigen Rollenverständnis: Männer müssen die Rambos und Machos sein. Wenn die Männer sich trauten, mehr Gefühle und Schwächen zu zeigen, wäre viel gewonnen.  

 Sollte Angela Merkel da nicht offener sein für Ihre Anliegen?

 

Dass Angela Merkel eine Frau ist, bedeutet noch nicht unbedingt Besserung. Erst wenn rund 30 Prozent Frauen in einer Struktur sind, ändert sich diese auch. Für die Umsetzung der UN-Resolutionen gibt es Aktionspläne einiger Vorzeigeländer wie Schweden – Frau Merkel wehrt sich noch dagegen. Alles, was als explizites Frauenthema wahrgenommen wird, fällt bei der Regierung unter den Tisch. Sexualisierte Gewalt ist kein Frauenthema – es ist ein Männerthema, weil die Männer vergewaltigen, und ein Weltfriedensthema, weil viele Völker davon betroffen sind.

 

Sie helfen kriegstraumatisierten Frauen. Bräuchte es eine entsprechende Organisation für Männer?

 

Eine Komplementärarbeit zu unserer wäre dringend nötig. Es ist davon auszugehen, dass alle Soldaten, die an der Front waren, traumatisiert sind.   Eine Psychologin wollte in Zenica eine Klinik für kriegstraumatisierte Männer aufbauen – von den Behörden kam zurück: Das brauchen unsere Männer nicht, die sind stark genug. Das Maskulinitätsbild ist in vielen Ländern ein riesiges Problem.  

Nehmen Sie die Kindersoldaten, die nichts anderes gelernt haben, als zu töten und zu foltern. Die Bilder nehmen sie in die Zeit nach dem Krieg mit – weil sie keine Alternativen kennen, machen sie dann so weiter.  

 

Die Feuilletons sagen, der Feminismus habe sich überholt. Was macht die Bewegung für Sie so lebendig?

 

Dass es, wie manchmal gesagt wird, Gleichberechtigung gebe, stimmt nun mal nicht. Wie viele Chefärztinnen gibt es, wie viele weibliche Wirtschaftsbosse? Obwohl Ministerin von der Leyen einiges auf den Weg gebracht hat, hat es der Staat noch nicht erreicht, dass junge Frauen und Männer gleichberechtigt Arbeit und Kinder verbinden können. Feminismus bedeutet für mich Gleichberechtigung und Ende der Gewalt gegen Frauen. Antiquiert ist das sicher nicht...

 

Weiter geht's im Heft 4/08 der „existenzielle.

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Der Textbeitrag wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von „existenzielle“ – dem Magazin für selbständige Frauen.
 
Zum Themenschwerpunkt der aktuellen existenzielle-Ausgabe: 

„Gutes tun und Geld verdienen – das geht!

Oscar-Gewinnerin Caroline Link spricht über ihren Alltag als Regisseurin, medica mondiale-Gründerin Monika Hauser über den Alternativen Nobelpreis, Stifterinnen und Social Entrepreneurs über das Wirtschaften mit sozialen Zielen, zehn Unternehmerinnen über ihre Erfahrungen in der Finanzkrise – die neue existenzielle kommt mit aktuellen Interviews und spannenden Reportagen! Außerdem: Bühnen-Künstlerinnen über Strategien und Träume, Sauna-Betreiberinnen über das Netzwerken im heißen Dampf.“

 

Mehr dazu in der Ausgabe 4/08, erhältlich im Bahnhofsbuchhandel oder direkt beim Verlag: www.existenzielle.de. Dort finden Sie auch das ganze Heft im Überblick und aktuelle Leseproben. 

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