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Abgefahren

Nein, es sollte kein Selbstfindungstrip werden, sagt die Frau, die durch Deutschland radelte. Am Ende krempelt sie dann ihr Leben doch um.

Von einer, die auszog, um einmal ganz ohne Zeitdruck Land und Leute kennenzulernen. 2.716 Kilometer legt sie zurück. Allein. Als Frau. Die bis dahin nie Sport gemacht hatte.

 

Buchauszug: "Später sitze ich dann im Keller an der Mangel und am Bügeleisen und glätte Tischtücher, Bettwäsche, Handtücher, Hemden. Gerade Bügeln ist so eine Hausarbeit, vor der ich mich drücke, wann immer es geht, denke ich noch so, und muss grinsen. Zwischendurch schaut eine freundliche Hotel-Mitarbeiterin nach, ob mich mein Job in die Mangel nimmt oder umgekehrt. Später, schon nach zwei Stunden, entlässt mich Dimitri aus dem Bügelkeller, und die Köchin serviert mir einen Berg feinstes Gyros mit Salat. Dazu gibts Pils vom Fass und Sirtaki mit Alexis Sorbas aus der Musikanlage. Wieder um tolle Begegnungen reicher, darf ich mich am nächsten Morgen noch beim Frühstück stärken. Und weiter geht´s - erst mal zu einer A.T.U.-Werkstatt in der Nähe. Mein Fahrrad quietscht nach 750 Kilometer erstmals nach Öl"

 

Neugier, Abenteuerlust und 400 Euro

 

Susanne Storck, Redakteurin bei einer nordrheinwestfälischen Tageszeitung, erlebt Deutschland vom Sattel ihres Fahrrads aus. Ihr Ziel: Land und Leute aus einer neuen Perspektive sehen. Mit nur 400 Euro in der Reisekasse und 16 Kilo Gepäck. Und mit der Hoffnung, dass sie bei netten Menschen umsonst übernachten und essen kann. Oder gegen ein paar Stunden als Aushilfsarbeiterin.

Sie startet in Mülheim an der Ruhr, radelt den Rhein aufwärts bis zum Bodensee, durch Bayern und über Thüringen und Hessen zurück nach NRW. Das schöne an ihren trocken-humorvollen Schilderungen: Sie zeigen ein Deutschland, das nicht nur Radler interessieren kann, sondern alle, die das ewige Jammern der Medien über die Kälte und Fremdenfeindlichkeit der Kleinstadtbewohner widerlegen. Die allermeisten ihrer Zufallsbekannten begegnen Susanne Storck freundlich und aufgeschlossen. Sie sind erstaunlich hilfsbereit.

Wäre es anders gewesen, wenn die Autorin dieses kleinen, feinen Reiseberichtes ein Kopftuch getragen hätte? Oder aus Afrika stammte? Vielleicht, aber darüber macht sich Storck keine Gedanken. Sie wollte ja "nur" ihre eigene Durchhaltefähigkeit testen und darüber ein gut lesbares und auch für Nicht-Radfahrer interessantes Buch schreiben. Das ist ihr gelungen. Voll und ganz.