Reizthema

Abtreiben – egal, wie spät?

„Niemand will Spätabtreibungen, und schon gar nicht die Frauen selbst, die sich ja ein Kind wünschen“, sagt die Politikerin Christel Humme. Gerade wird wieder über die rechtlichen und moralischen Grundlagen von Spätabbrüchen heftig debattiert.

Sie sollen uns helfen, damit wir uns sicher fühlen: Werdende Eltern versprechen sich von den heutigen Mitteln der vorgeburtlichen Diagnostik im Grunde wohl nur eines – die Gewissheit, dass es dem Nachwuchs an nichts fehlt. Was aber, wenn es sich anders verhält? Wenn eine vorsorgende Untersuchung, ob mit Ultraschall, im Fruchtwasser oder an einer Nabelschnur, zu einem Ergebnis führt, das schockiert? Eben weil eine mögliche Krankheit oder Behinderung des Fötus doch nicht auszuschließen ist oder sogar als ziemlich sicher gelten muss. Was dann? Die „Notbremse“ suchen – und abtreiben?

Schwangere Frauen, die mit der Aussicht auf ein behindertes Kind konfrontiert werden, sehen sich schnell vor diese Frage gestellt und geraten oft unter enormen Druck und in einen Gewissenskonflikt: Sollen sie sich in jedem Fall für das Kind entscheiden, auch wenn sie Zweifel haben, ob sie die Last, die vielleicht auf sie zukäme, überhaupt tragen können? Oder ist es besser, im Zweifelsfall lieber doch abzutreiben – der Gesetzgeber gibt Frauen seit 1995 hierzu das Recht. Eine Vorraussetzung allerdings muss gegeben sein: die Gefahr eines ernsthaften Schadens, der für die körperliche oder seelische Gesundheit der Mutter droht.

Ausschlaggebend ist hier also eine „medizinische Indikation“: Sie bildet die Grundlage für so genannte „Spätabbrüche“ in Deutschland – das sind Abtreibungen, die auch nach der 12-Wochen-Frist, die der § 218 fordert, noch möglich sind, rein theoretisch sind sie sogar bis kurz vor der Geburt noch erlaubt. Für das Jahr 2007 zählte das Statistische Bundesamt genau 229 solcher Abbrüche, die ab der 23. Schwanger-
schaftswoche und später vorgenommen wurden. Zu einem Zeitpunkt, den viele für skandalös spät halten.

„Für mich ist das letzten Endes Kindstötung, wenn nicht sogar Kindesmord“, so empörte sich in der jüngsten Debatte, die gerade wieder um Spätabbrüche tobt, auch Hubert Hüppe, CDU- Abgeordneter und selbst Vater eines Kindes mit einer Behinderung. Er ist bei weitem aber nicht der einzige Unionspolitiker, der drängt, die derzeitigen gesetzlichen Regelungen zu ändern. Inzwischen hat sich nun auch die SPD bereit erklärt, zumindest einen Kompromiss mit dem Koalitionspartner zu suchen, der unter anderem auch die Kirchen und Behindertenverbände etwas versöhnlicher stimmen könnte. Denn für die sind Spätabtreibungen natürlich ebenfalls eine problematische Angelegenheit, gegen die vehement Einspruch erhoben wird.

Was in dieser Debatte nun auf Medizin und Gesellschaft lastet, ist vor allem eine ethische Frage, der man sich stellen sollte: Schließlich gilt ein Fötus bereits ab der 22. Schwangerschaftswoche auch außerhalb des Mutterleibes schon als überlebensfähig. Und in der Intensivmedizin zieht man inzwischen alle denkbaren Register, um auch viel zu früh Geborenen eine gute Chance auf Überleben zu sichern. Ein Bemühen, von dem man nun behinderte Föten ausschließen dürfte?

Die Abgeordnete Christel Humme sieht die Dinge ganz anders. In einem Interview mit dem Deutschlandradio plädierte die familienpolitische Sprecherin der SPD dafür, sich weniger im Abstrakten zu empören, als vielmehr der schwierigen Realität von betroffenen Frauen auch wirklich zu stellen: „Niemand will Spätabtreibungen, und schon gar nicht die Frauen selbst, die sich ja ein Kind wünschen“, sagt die Politikerin. Wo aber hier die Konflikte sehr brodelten, bräuchten Frauen vermutlich vor allem eines: mehr Hilfe und Beratung als bisher. Dabei möchte Christel Humme nicht nur den Blick für den Einzelfall stärken, sondern auch für Faktoren und Agierende in seinem Umfeld:

„Denn die Praxis (…) ist schon sehr dramatisch. Frauen werden von den Ärzten mit technischen Möglichkeiten einer umfassenden vorgeburtlichen Diagnostik konfrontiert. Die Gesellschaft produziert einen Erwartungsdruck nach einem perfekten Kind. Und die Ärzte wenden jede Methode an, angeblich um der Schwangeren Sicherheit zu geben“, so die Politikerin. Doch mit einem schwierigen Befund stünden die Frauen dann plötzlich doch sehr alleine da.

Auch Nicolette Kressl (SPD) sieht hier Handlungsbedarf und fordert eine umfassendere Beratung, möglichst nicht erst nach, sondern auch schon vor einer diagnostischen Untersuchung. Brauchen Frauen auch das Recht, nicht alles wissen zu wollen? Wie Nicolette Kressl kritisiert, sei es heute jedenfalls nicht mehr allzu gut um ein solches „Recht auf Nichtwissen“ bestellt: „Wir wissen, dass es in der Praxis sehr häufig schon einen gesellschaftlichen Druck gibt, Pränataldiagnostik zu machen, ohne das vorher ausreichend über die Folgen beraten wird, die eine solche Untersuchung haben kann.“ Zu diesen Folgen gehören natürlich auch die Ängste, mit einer Fehldiagnose konfrontiert zu werden, was nicht häufig, aber dennoch vorkommt.

Sind bessere Beratungen, zu denen der neue Kompromiss von CDU und SPD vermutlich die Frauen zukünftig verpflichten möchte, nun wirklich eine Lösung, die „Spätabtreibungen“ zu einem weniger heiklen Thema machen könnte? Es gibt Stimmen, die das bezweifeln. Auch weil „die Fixierung auf Beratung auch etwas mit der Verweigerung zu tun hat, die Widersprüche wirklich ernst zunehmen“, wie Margaretha Kurmann meint, die sich im Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik engagiert. Sie zumindest glaubt, dass Politik und Medizin hier nur erneut den Frauen die Verantwortung für die Probleme zuspielt, die der medizinische Fortschritt uns heute beschert.

Und diese Probleme sind insbesondere hierzulande sehr deutlich, wo man auffallend dazu neigt, aus einer Schwangeren auch schnell mal eine „Risikopatientin“ zu machen, wie Gesundheitswissenschaftler feststellen. Deutschland ist nämlich nicht nur internationaler Champion, was den routinemäßigen Einsatz von Ultraschall-Screenings angeht, zu denen anderswo bei weitem nicht so oft geraten wird wie hier. Und damit fangen die Probleme erst an, die auf einem boomenden Markt für Angebote vorgeburtlicher Diagnostik sich dann voll entfalten. Die Rechnung aber, so meint auch Margaretha Kurmann, haben stets die Frauen zu zahlen, und nicht nur in barer Münze, weil privat zu zahlende Leistungen zunehmen. Nein, auch moralisch bleibe die Last am Ende bei den Frauen liegen.

Das immerhin sollte Grund genug sein, zumindest in einer Frage ganz klar Farbe zu bekennen: Ob nun mit besserer Beratung oder ohne, ob mit mehr Bedenkzeit oder ohne – an einem Recht von Frauen, sich ohne Bevormundung und Zwänge selbst zu entscheiden, wie mit Segnungen und Sorgen umzugehen ist, die uns die Pränatalmedizin beschert, darf niemand rütteln. Denn natürlich kann auch die Entscheidung für ein behindertes Kind die einzig richtige in einem Leben sein. Vermutlich aber nur dann, wenn es auch wirklich die eigene ist.