Fürs Auge

Akrobatinnen des Alltags

"Geht nicht, gibt's nicht" - so lautet das Motto vieler Frauen, die Job und Familie zusammen bringen möchten. Die Fotografin Beate Nelken hat einige von ihnen portraitiert: zehn prominente berufstätige Mütter, die zwischen Wahlkampfpodium, Regiestuhl und Küchentisch zeigen, dass es geht. Ein Beitrag zur laufenden Diskussion um „neue Karrieremütter“ und schwangere Bäuche in diesem Land?

„Eigentlich bin ich losgegangen für eine Hommage an meine Freundin Anne“, so beschreibt Beate Nelken die Idee, mit der alles begann. „Seit Jahren fasziniert mich ihre wahnsinnige Kraft und Lebensenergie, diese unglaubliche Produktivität und Unverwüstlichkeit.“ Die Rede ist von Annekatrin Hendel, zweifache Mutter und heute Filmproduzentin. Als das zweite Kind zur Welt kam, gründete die Berlinerin die eigene Firma „It works“, deren Produktionen mittlerweile auch mal auf der Berlinale zu finden sind. Ein Erfolg, mit dem Annekatrin Hendel vielleicht damals nicht unbedingt rechnen konnte, als sie ihr sicheres Leben über den Haufen warf, um beruflich den Neuanfang zu wagen. Ohne Geld, ohne Kontakte, vom Schreibtisch zu Hause aus. Und mit zwei Söhnen im Gepäck, die mit einem Altersunterschied von 19 Jahren jeweils ein Universum für sich darstellen dürften, was Bedürfnisse angeht.

„Einen ihrer ganz normalen, wahnsinnigen Tage wollte ich mit der Kamera einfangen“, sagt Beate Nelken über die Portraits der Freundin, die nun im Museum für Kommunikation in Berlin zu sehen sind – neben zahlreichen anderen Nahaufnahmen aus dem Leben ganz unterschiedlicher Frauen, die zumindest eines gemeinsam haben: Einen Alltag, der sie extrem fordert. Im Job und mit Kindern. Beate Nelken hat diese Frauen begleitet, jeweils einen Tag lang, vom Aufstehen bis zum Schlafgehen und ohne Scheu, neben Euphorie und Genuss auch die Erschöpfung zu zeigen, die ein Tag mit sich bringt, der 48 Stunden hat – gefühlte Zeit zumindest.

Zu den Portraitierten gehören dabei unter anderem die Regisseurin Aelrun Goette, die für ihren Film „Unter Eis“ mit dem Grimme-Preis 2007 ausgezeichnet wurde, oder die Malerin Tanja Selzer und die Modedesignerin Sabine von Oettingen. Ins Bild gebracht wird aber auch die Politikerin Ekin Deligöz, die gerade vor wenigen Wochen zum zweiten Mal Mutter wurde. Die Sprecherin der Bundesfraktion Bündnis 90/Die Grünen hatte im Jahr 2006 Aufmerksamkeit erregt, als sie in der Kopftuchdebatte sich zu Wort meldete und die in Deutschland lebenden Musliminnen zum Ablegen des Tuches aufforderte. Weniger prominent, aber dennoch faszinierend vor die Kamera geholt: Die Lehrerin Isa Kittler, die mit großem Engagement in dem Hauptschulprojekt „Produktives Lernen“ arbeitet, wo sie Schülern zu mehr Selbstbewusstsein verhilft. In ihrer Freizeit legt Isa Kittler dann als DJ Isotschka in Clubs „Zigeuner-Musik“ auf.

Eine Ausstellung also, die Lust machen kann (und will) auf das Modell der „Powerfrau“, die alles packt? Kind und Karriere, Party und Parteiarbeit? Beate Nelken, die bereits für diverse internationale Gesellschaftsmagazine fotografierte, wehrt da ab: Ihre Fotofeatures seien unabhängig von der Mütter-Debatte um Eva Herman und Ursula von der Leyen entstanden. Und tatsächlich lassen sich die Bilder, die zu einem Nachdenken über weibliche Lebensentwürfe und soziale Erwartungen an Frauen heute anregen, so leicht auch nicht von den aktuellen Kontroversen vereinnahmen.

Selbst eine kritische Stimme wie Tanja Dückers, die gegen die Ausstellung bereits vehement wetterte, muss nämlich zugeben, dass Beate Nelkens Fotos eine ganz eigene Qualität haben: „Die Fotografin hat einen guten Blick für Alltagssituationen und kann das Absurde im Alltäglichen hervorkehren“, schreibt die Berliner Autorin, die in einem Artikel in der Zeitschrift „Jungle World“ der Ausstellung ansonsten eher Schwächen vorhält: Weit und breit sei keine Hartz-IV-Empfängerin unter den Portraitierten zu entdecken, keine kinderlose Frau und auch kein Mann mit Kind auf dem Arm! Stattdessen: nur die „Heidi Klums vom Prenzl Berg“, wie Tanja Dückers polemisiert?

Nun ja. Muss Frau eigentlich immer gleich Frau sein? Oder warum wirft man einer Ausstellung, die sich um Mütter mit erfolgreichem Berufsleben drehen möchte, so etwas vor: dass sie nicht gleich das ganze Spektrum weiblicher Lebensmuster von heute ablichtet? Warum sollte sie? Und auch ein anderer Reflex in der Kritik Tanja Dückers scheint altbacken. Natürlich hat die Frage, wer kocht, Kinder wickelt und den Einkauf erledigt, während andere Karriere machen, gesellschaftliche Relevanz. Aber rechtfertigt das allein schon, dass wir immer aufs Neue in alte Muster fallen: Sobald irgendwo eine Frau am Erfolgshimmel auftaucht, wird die Frage laut, wer denn nun, bitte schön, am Boden für die Grundlagen sorgt – als Putzhilfe, als Kindermädchen oder als Lebenspartner. Und mit Schrubber in der Hand und Kind auf dem Arm da einspringt, wo „ihr Platz“ eigentlich wäre?

Beate Nelken schafft es, hier Gepflogenheiten zu verunsichern. Sinnlich, unmittelbar und dennoch nicht aufdringlich suchen ihre Fotos nach dem, was Frauen zwischen Beruf und Familie leisten, wobei auch Spannungen und Reibungspunkte an die Oberfläche kommen. Die „gute Figur“ der Erfolgsfrau? Beate Nelken beleuchtet sie, ohne dabei nur Hochglanzformen einzufangen: So zeigt eine Aufnahme etwa die Autorin Jenni Zylka, wie sie auf dem Fußboden ihrer Küche hockt, mit Handy am Ohr und Kind auf den Knien und deutlich bemüht, alles im Griff zu behalten, auch wenn Anforderungen hier gerade deutlich kollidieren.

Auf einem anderen Foto ist die Artistin Frida Krahl zu entdecken, im Ringkampf mit der Tochter, die sich unter Tränen sträubt, ins Auto zu steigen. Stress pur? Oder nur eine von vielen akrobatischen Übungen, die man meistern muss, wenn man als Mutter mit Beruf alles schaffen will: Wege zwischen Kindergarten, Einkauf oder Kinderarzt und vieles andere. Und am Abend dann, wie bei Frida Krahl, vielleicht sogar noch den großen Auftritt: Ein Bild Nelkens zeigt die Artistin, die mit ihrer Partnerin als internationaler Top-Act gehandelt wird, am Varietéhimmel des „Chamäleon“ schwebend – wie immer ohne jede Sicherung.


„Geht nich, gibt's nich“ - 48 Stunden sind ein Tag
Fotoausstellung von Beate Nelken
Museum für Kommunikation in Berlin
Laufzeit: noch bis zum 6. Januar 2008

Finissage mit Podiumsdiskussion und Lesung:
am 6. Januar 2008 um 15.00 Uhr
im Museum für Kommunikation Berlin

„geht nich gibt's nich - wie geht´s weiter?“
Podiumsgespräch mit Gästen

„Wir Muttis schaffen das“
Lesung mit Jenni Zylka und Sonja Hilberger aus Texten von Gretchen Dutschke, Barbara Noack und Jenni Zylka.


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Fotos © Beate Nelken:

1. Annekatrin Hendel, Filmproduzentin
2. Mona el Mansouri, Werbefilmregisseurin für Coca-Cola, Langnese u. a. Marken, mit Sohn Liam
3. Jenni Zylka schreibt Bücher und als freie Jornalistin für diverse Zeitungen und Magazine, hier mit einem ihrer beiden Kinder im Bild
4. Die Artistin Frida Krahl und ihre Partnerin bei einem Auftritt im Varieté Chamäleon