Starke Frauen

„Die Hofnärrin des Diktators''

Alida Hisku und ihre Autobiografie

Alida Hisku, Jahrgang 1956, geboren in der albanischen Hauptstadt Tirana, ist eine in den siebziger und Anfang der achtziger Jahren sehr populäre Sängerin in ihrer Heimat. Nach nahezu unvorstellbaren Wirrnissen – einem Schauprozess, einer gescheiterten Ehe, der gefährlichen Flucht mit ihren beiden Kindern aus Albanien und bitteren Erlebnissen als Asylantin – hat sie in Deutschland ihren Platz gefunden.

 

Sängerin in einer totalitären Diktatur

 

Alida Hisku wächst in einer Familie auf, in der sich die Widersprüche in der Zeit des totalitären Systems von Enver Hoxha sehr drastisch widerspiegeln. Ihr Vater ist ein sehr hoher Funktionär in der "Partei der Arbeit" Albaniens, der einzigen und kommunistischen Partei in jener Zeit, der sich jeder kritischen Sicht versagt. Ihre Mutter, Sängerin in einem Opernchor, akzeptiert die Normen der patriarchischen Gesellschaft, begehrt gegen Gleichmacherei und Indoktrination des Regimes nur hinter verschlossenen Türen auf. Einzige Vertraute ist die Großmutter - eine resolute, stolze unangepasste Frau, die für sich Halt im verbotenen muslimischen Glauben findet, die aber leider früh verstirbt.

 

Alida, mit einem begnadeten Talent als Sängerin, erlernt den Beruf einer Zeitungsretuscheurin und bereitet sich in der Abendschule auf die Hochschulreife vor. Ihre gesamte Freizeit widmet sie dem Singen, das eigentlich zu ihrem Lebensinhalt wird, und sie wird auf Grund erfolgreicher Teilnahmen an Gesangswettbewerben populär und auf Grund ihrer Jugend und ihrer natürlichen Ausstrahlung auch zu Konzerten auf höchster Ebene eingeladen. Schon im Alter von 16 Jahren kann sie mit anderen Künstlern – Folkloregruppen, die aus Tänzern, Musikern und Sängern bestehen – an Tourneen in Jugoslawien, Griechenland, Schweden, Frankreich, Norwegen und Deutschland (Trier) teilnehmen, und so dient sie als Aushängeschild der totalitären Diktatur, die alte folkloristische Traditionen für das Ansehen nach außen instrumentalisiert.

 

Doppelleben und Zweifel

 

Die nachdenkliche Alida, die keine Freunde hat, spürt bei den Vorbereitungen auf diese Tourneen und während der Auslandsaufenthalte allmählich, wie die Künstler indoktriniert, manipuliert, kontrolliert und überwacht werden. “Der letzte Abend in einem fremden Land...Nichts würde bleiben, nichts durfte gesagt werden von dieser Reise. Die Erinnerungen würden sich auflösen...Ich wollte in fremden Ländern singen, wollte, dass die Partei fremde Künstler zu uns nach Albanien einlud. Warum ging das nicht? Warum wurden wir abgeschirmt, warumwarumwarum?''

 

Die junge Sängerin beginnt unbewusst ein Doppelleben: „Ich wollte das politische System von innen heraus kennen lernen, dadurch Einfluss nehmen und verändern...wollte eine leitende Funktion im Kultursektor...“. Sie beantragt die Aufnahme in die Partei. Gleichzeitig plagen sie Zweifel, die sie in Metaphern einem „ Aufschreibbuch'' anvertraut, in dem sie das ausdrückt, was sie bewegt: „... Unaussprechliches, innere Traurigkeit, Empörung, Undurchschaubares, Zwänge, Trauer, Ohnmacht.'' Sie führt Gespräche mit ihrem Spiegelbild, um ihre zwiespältige Gefühlslage zu kompensieren, was ihr nicht immer gelingt.

 

Verhöre und Prozess

 

Wegen verschiedener „Vergehen“- dem Singen italienischer Lieder auf einer Geburtstagsfeier, auf einer Versammlung - wurde ihr die Teilnahme an nationalen Festivals mehrfach verboten. Während eines Praktikums, eigentlich ein Arbeitseinsatz auf einem Dorf, wird sie von Mitstudentinnen – auch aus Neid, obwohl es dieses Wort in der albanischen Sprache nicht gibt - denunziert und nach demütigenden Verhören, die mit unvorstellbaren Folterungen verbunden sind, ins Gefängnis gebracht. „Wie soll ich die Verzweiflung wiedergeben, die mich erdrückte? Jedes Wort wäre nur eine Verharmlosung der Dinge, die ich sah: ein Metallbett, Elektroden, Fleischerhaken, Streckgeräte, Zangen, Spritzen, Kanülen...'' Das war im Jahr 1982.

 

In dem darauf folgenden Prozess wird die 25jährige zur Volksfeindin erklärt. Das Sorgerecht für ihren Sohn wird ihr genommen, sie darf ihn nicht mehr sehen, die Familie muss sich von ihr abwenden, in der Öffentlichkeit wird sie beschimpft, diskriminiert, vollkommen isoliert. Sie „wird auf Lebenszeit all ihrer Ämter und Funktionen enthoben, erhält Auftrittsverbot als Sängerin und überhaupt ein Arbeitsverbot," wie es im Urteil formuliert ist.

 

Aufarbeitung und Therapie

 

Dennoch nimmt Alida Hisku den Kampf ums Dasein im wahrsten Sinne des Wortes auf. 21 Bittbriefe schreibt sie an Enver Hoxha, erfolglos. Durch eisernen Willen überwindet sie eine schwere Depression und flieht mit Hilfe einer Krankenschwester, die sich noch an die populäre Sängerin erinnert, aus einer Klinik für Psychiatrie.

 

Ihre Erinnerungen hat Alida Hisku mit Hilfe von Annette Piechutta geschrieben: „Meine Geschichte zu erzählen, war für mich wie eine Therapie. Endlich konnte ich erzählen, was mir widerfahren ist, was ich tief in meinem Inneren spüre. Das Buch mit meiner Co-Autorin zu schreiben, war wie eine Salbung meiner Wunden.“

 

Comeback

 

Über dieses individuelle Schicksal hinaus erfährt der Leser mehr über Albanien - ein Land so groß wie Brandenburg, mit etwa einer Einwohnerzahl von Berlin. Ein Land, das uns durch das Schicksal der Kosovo-Albaner ein wenig bekannt ist und trotz des Umsturzes immer noch um Stabilität bemüht ist. Der Einblick in eine uns letztlich fremde Welt wird am Ende des Buches durch wertvolle Informationen und Quellen ergänzt.

 

Derzeit arbeitet Alida Hisku an einem Comeback mit der von ihr gegründeten Frauenband „Melody Rain“, auch mit einem Gastspiel in Albanien, wo sie von ihrem Publikum nun wieder geliebt wird und unvergessen ist.