Reizthema

Alle Männer? Alle Frauen?

Louann Brizendine ist Psychiaterin und Bestsellerautorin – und immer wieder umstritten. Jetzt ist ihr neues Buch "Das männliche Gehirn" erschienen. Lesen oder lieber liegen lassen?

Na gut, es gibt Unterschiede. Reichlich. Schuld daran sind männliche Hormone, die schon das Embryo, das von Natur aus ja weiblich ist, zu einem männlichen Kind umbauen. Nicht nur was die äußerlichen Geschlechtsmerkmale angeht. Sie verändern auch Gehirnstrukturen, vergrößern hier ein Areal, verkleinern dort ein anderes und sorgen generell dafür, dass die Reaktionen der Männer auf Lebensumstände und Menschen anders ausfallen als die der Frauen.

Aller Männer? Aller Frauen? Bei Louann Brizendine, Autorin des Bestsellers über "Das weibliche Gehirn" und Professorin für Neuropsychiatrie an der University of California in San Francisco, liest sich das so. Sie beruft sich auf Unzählige von "Studien", die das beweisen (oft ohne im Lauftext genau anzugeben, wer diese Studien an wie vielen Männer durchgeführt hat), referiert über die nachweisbaren Unterschiede von männlichen und weiblichen Gehirnen. Was sie nicht dazusagt (oder falls ich es überlesen haben sollte: was sie nur sozusagen im Vorübergehen streift):

In diesem wie in ihrem Buch über das weibliche Gehirn geht es immer um Durchschnittswerte, um Statistiken, die Mehrheiten belegen, aber keine allgemeingültigen Wahrheiten.

 

Umstrittene Unterschiede

Irgendeine kluge Frau (oder war es ein Mann?) hat mal gesagt: Die Unterschiede zwischen dieser und der nächsten Frau, diesem und dem nächsten Mann sind größer als die Unterschiede zwischen Männern und Frauen generell. Und sie (oder er) hatten Recht. Kapitelüberschriften wie "Papas kleines Mädchen wickelt ihn um den Finger" oder "Wie der Vater so der Sohn" sind so richtig wie - falsch. Weil es reichlich kleine Mädchen gibt, die ihren Vater NICHT becircen können und mindestens so viele Söhne, die ihrem Vater NICHT ähnlich sind.

Trotzdem: "Das männliche Gehirn" ist ein lesenswertes Buch, weil die hier vermittelten Erkenntnisse über Gehirnaufbau und Hormonwirkungen der Männer ja tatsächlich existieren. Manch eine Mutter, manch eine Liebende (oder wütende Frau) wird denken: Ja, genau so ist es. So wie Brizendine es schildert, reagiert mein Sohn, mein Partner. Aber wenn sie klug ist, vergisst sie über dem Amüsement (oder dem Ärger) hoffentlich nicht die Reaktionen "ihrer" Männer, die ganz anders sind. Noch wichtiger: Beim Lesen sollte man immer daran denken, wie sehr Erziehung, Kultur und Freundschaften heranwachsende Kinder und das Verhalten von Erwachsenen beeinflussen.

 

 

Gene oder Erziehung?

Zur Zeit neigt die wissenschaftliche Berichterstattung (und in ihrer Nachfolge tut es auch Louann Brizedine) zu einer Überbetonung der Genetik, der ererbten und damit, so wird es zumindest dargestellt, nicht änderbaren Eigenschaften. "Nature or Nurture", heißt die Frage nach dem wichtigeren Einflussfaktor auf das Verhalten Erwachsener knapp im Englischen. Genetik oder Erziehung muss man im Deutschen fragen, aber eine allseits anerkannte Antwort gibt es so oder so nicht. Über Genetik wird nur deshalb mehr gesprochen, weil sich ihr zur Zeit mehr Forscher widmen und weil sie - das Wissenschaftsgebiet wird ja erst seit ein paar Jahrzehnten beackert - mehr tatsächlich Neues liefert als die Erziehungs- und Kulturforschung.

Lesen Sie "Das männliche Gehirn" trotzdem. Es liefert jede Menge Lächeln - Aha! Ja! Kenn ich! - und genug lohnende Tipps, um an randalierenden Fünfjährigen, rebellischen Teenage-Jungens und wenig einfühlsamen Partnern nicht zu verzweifeln (DIE Männer entwickeln lieber sofort Rettungspläne, statt liebevolle Trostworte zu murmeln, sagt Brizendine).

 

Nicht verzweifeln

Deshalb sollten Sie sich auch nicht darüber ärgern, dass 146 der insgesamt 319 Buchseiten aus Hinweisen auf die Quellen der Brizendine-Weiheiten bestehen, aus "Anhang" also, mit dem nur der Fachmann oder die Fachfrau etwas anfangen kann. Hatte die Autorin vielleicht schon beim Schreiben ein schlechtes Gewissen, weil sie zu sehr verallgemeinert? Es spräche für ihre Art zu denken. Nach ihrer Definition eine sehr männliche.