Starke Frauen

Aller Anfang ist pink

Sofia Coppola gehört zu den aufregenderen Erscheinungen, die sich in der Welt der Filmregie tummeln. Mit „Lost in Translations“ gelang ihr im Jahr 2003 der große Durchbruch. Nun ist gerade „Marie Antoinette“ in die Kinos gekommen – und erntet als vermeintlich oberflächliches Kostümdrama harsche Kritik. Doch auch wenn mit diesem Film ziemlich viel Pink, Pomp und Prominenz auf die Leinwand gezaubert wird: Sofia Coppola geht es wie immer um mehr als nur den visuellen Kick.

Von: Gabriela Häfner

vom 25.01.07

Obwohl die Filmemacherin Kicks dieser Art offensichtlich auch sehr zu schätzen weiß. Allemal in Pink. Denn dies scheint die Farbe, die zu dem Stoff passt, aus dem Coppola-Filme sind. Man nehme etwa die erste Bildeinstellung in „The Virgin Suicides“ aus dem Jahr 1999 – ein visueller Knalleffekt: Da wird gezeigt, wie die Hauptdarstellerin Kirsten Dunst ein rosafarbenes Bubble-Gum aufbläst, bis es platzt, mitten in die Kameralinse hinein. Was folgt, ist auch nicht ganz ohne. Sofia Coppola erzählt hier die Geschichte von fünf Schwestern, die im Teenageralter Selbstmord begehen, eine hübsch nach der anderen.

 

Oder man nehme die ersten Filmminuten von „Lost in Translation“, die zu einer Kamerafahrt über den Hintern der Schauspielerin Scarlett Johansson einladen. Auch diese eine Provokation. Denn was hier ins Bild geholt wird, ist pink und eine Mädchenunterhose. Darf Sofia Coppola das zeigen? Klar, sie darf. „Weil ich nicht irgendein großer Kerl bin“, wie sie selbst sagt.

 

Die 35-jährige Tochter des Starregisseurs Francis Ford Coppola ist alles andere als das. Und der Blick, den sie auf Menschen und Situationen wagt, ausgesprochen weiblich. In ihren Filmen kreist sie immer wieder um die Frage, wie das ist: eine junge Frau zu sein und, auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, sich in neuen Rollen behaupten zu müssen. In einer Welt, in der man mit den eigenen Mädchenträumen eher schlecht ausgerüstet  an den Start geht. Wobei es zu Coppolas Stärken gehört, Mädchen so zu zeigen, wie sie träumen: beileibe nicht nur naiv und unschuldig, sondern eben auch mal frivol oder rotzfrech, aufsässig oder schlichtweg hysterisch.

 

Dabei werden dem Kinogänger alle diese Facetten eher lakonisch um die Ohren gehauen. Schwergewichtige Filme sind Sofia Coppolas Sache nicht. Coolness sei ihre glühendste Leidenschaft, so hat einmal ein Kritiker über diese Frau gesagt. Besser kann man den Widerspruch, der da reizt, wahrscheinlich kaum auf den Punkt bringen.

 

Allerdings hat Sofia Coppola auch viel Gelegenheit gehabt, sich in Coolness zu üben. Denn ihr Weg zur Kinoleinwand schien als Sprössling des im Filmgeschäft gut vernetzten Coppola-Clans zwar irgendwie vorgezeichnet – gestaltete sich dann aber doch eher aufregend. Bereits als 10 Monate altes Baby hatte Sofia ihre erste Rolle und landete in den Armen der Mafia-Bosse in „Der Pate I“. Verantwortlich dafür war natürlich Vater Coppola. Doch dieser Versuch, der Schauspielerei die Tochter in die Wiege zu legen, sollte nicht ganz aufgehen. Als Sofia mit 19 Jahren im dritten „Paten“-Film erneut vor die Kamera trat, erntete sie vernichtende Kritiken. Sie habe als wandelnde künstlerische Katastrophe den Film fast im Alleingang ruiniert, so meinten böse Zungen, und es folgte die Auszeichnung mit wenig Schmeichelhaftem – zwei Goldene Himbeeren bekam sie als Schlechteste Nachwuchsdarstellerin und Schlechteste Nebendarstellerin des Jahres. „Hätte ich je Schauspielerin werden wollen, dann hätte mich diese Geschichte ein für allemal abgetörnt“, so sagt Sofia Coppola heute.

 

Aber die Tochter wollte auch gar nicht so wie der Vater – oder eben doch gerade so. Ein Studium der Kunstgeschichte und der Fotografie folgten zunächst, dann ein Praktikum bei Karl Lagerfeld und die Gründung des eigenen Modeunternehmens MilkFed in Japan, in dessen High-Tech-Kulissen und Luxusszenen wesentliche Inspirationen für „Lost in Translation“ gesammelt wurden. Sofia Coppola gewann für diesen Film nicht nur einen Oscar für das beste Originaldrehbuch, sondern war auch für den Regiepreis nominiert worden (als erste Amerikanerin und dritte Frau in dieser Kategorie überhaupt).

 

Dass Sofia Coppola für die Spielwiesen der Modewelt viel übrig hat, davon zeugt auch ihr neuester Film „Marie Antoinette“, der eine Frauenfigur portraitiert, die zu den meist gehassten in der europäischen Geschichte gehört. Ins Kino geholt wird damit aber auch ein Versailles, wie es kurz vor den Revolutionswirren von 1789 in Dekadenz und Modewahn schwelgt: Da wird mit wahren Weltwundern an Kleidern und Stoffen hantiert, Schuhe über Schuhe schweben vorbei und als letzter Schrei tritt plötzlich eine ausgefallene Perücke ins Bild – ein Turmbau zu Babel in Rokoko-Version. Doch ob Frau oder Torte oder beides in einem, über der Rüschenwucht und Zuckerpracht der Bilder schwebt stets dieses Augenzwinkern Coppolas. „Ich genieße die Mode, aber ich nehme sie nicht ernst“, so bekannte die Filmemacherin unlängst in einem Interview.

 

Was „Marie Antoinette“ mit den Vorgängerfilmen verbindet? Viel. Etwa auch das Eröffnungsbild. Und das zeigt? La vie en rose – oder doch eher einen Wahnwitz in Pink? Da wird die französische Monarchin so präsentiert, wie sie der Nachwelt in Erinnerung geblieben ist, vernascht und verhätschelt auf einer Chaiselongue, ganz das vergnügungssüchtige und verschwenderische Luxusgeschöpf, das mit einer guten Portion politischer Ignoranz ins Verderben stürzen und auf dem Schafott enden sollte.

 

Ein historisches Zerrbild, wie Coppolas Film auf der Grundlage einer neu erschienen Biographie aus der Feder Antonia Frasers zeigen möchte. Und zugleich ein alberner Prinzesschentraum, der im Handlungsverlauf zum reinsten Alptraum mutiert. Denn Marie Antoinette ist gerade einmal 14 Jahre alt, als sich ihre Mutter, die österreichische Kaiserin Maria Theresia, entschließt, das Töchterchen an den französischen Hof zu verheiraten. Aus politisch-diplomatischem Kalkül natürlich. Um in das Gewand der Thronfolgerin zu passen, muss Marie Antoinette allerdings alles zurücklassen, was zum eigenen Leben gehörte: Familie, Kleider, den geliebten Schoßhund und vor allem jegliches Recht auf Intimität. Denn Frankreich will eine neue Generation von Erbfolgern! Und aller Blick ruht auf einer Frau, vor dessen Ehebett sieben zermürbende Jahre lang ganz Versailles lagert. Vergeblich aber. Denn der kindliche bis etwas kindische Bräutigam und spätere König Ludwig XVI zeigt einfach kein Interesse an dem Ehefrauenschmaus, der ihm da vorgesetzt wurde. Was folgt, liegt weitaus weniger im Dunkeln der Geschichte: der Partymarathon, in den Marie Antoinette sich stürzt, und eine Art Konsumrausch, in dem aller Frust abgebaut wird.

 

„Hier geht es um eine einsame Ehefrau, die von ihrem Ehemann völlig vernachlässigt wird“, so hat Coppola ihre Filmstory einmal zusammengefasst. „Also stürzt sie sich ins Nachtleben und in Einkaufsorgien. Eine Geschichte, die mir irgendwie bekannt vorkam.“ Sätze wie diese sind natürlich dazu angetan, alle Kritikerpsychologie auf Touren zu bringen. Sofia Coppola hat sich so auch die Frage nach einem möglichen Alter Ego gefallen lassen müssen. Und zurückgewiesen: „Wir sind auf dem Land groß geworden, nicht in Hollywood. Ich hatte eine private Kindheit.“ Aber mal ehrlich, Land hin oder her, Hollywood ist doch überall?

 

Das meint zwar nicht, dass Biographisches und Filmisches bei Coppola in eins zu setzen wären. Es unterstützt aber doch jene Lesarten, die den Film auch als eine Parabel auf unsere moderne Mediengesellschaft verstehen wollen, die da alles ins Rampenlicht zu holen gewillt ist, was sich regen kann – ob in einem Big-Brother-Container oder der einen oder anderen  Glamourszene unserer Zeit. Irgendwo im Film gibt es diesen Satz, der aus der Figur der Marie Antoinette heraus bricht, um den alltäglichen zeremoniellen Kraftakt am Versailler Hof zu kommentieren: „Das ist lächerlich!“ Und belehrend schallt es von ranghoher Position zurück:  „Das, Madame, ist Versailles!“ Und irgendwo im Zuschauerraum kommt dieses Echo an: ein Leben im goldenen Käfig der Prominenz.

 

Sofia Coppola hat übrigens ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Es ist, wie erwartet, ein Mädchen. Heimkino zwar – aber natürlich mit einem Anfang in pink.