Reizthema

Alles rosarot, himmelblau oder nur Klischeefalle?

Die Geschlechterunterschiede - sind sie jetzt angeboren oder anerzogen? Cordelia Fine hat mit ihrem Buch "Delusions of Gender" nachgelegt. Und will mit dem Hirn-Sexismus aufräumen.

Von: Bärbel Kerber

vom 15.10.10

Susan Pinker und Louann Brizendine sind nur einige in der Reihe der Wissenschaftler, die sich aktuell höchster Popularität erfreuen. Weil sie mit neuesten Beweisen aufwarten für die Aussage, dass es in der Biologie der Menschen nunmal angelegt ist, dass Männer und Frauen sich geschlechtertypisch verhalten. Für manche ist das eine Genugtuung, da sie "es" schon immer gewusst bzw. geahnt hatten und ein Signal dafür, dass die Zeit gekommen ist, sich zu entspannen und zurückzulehnen und das scheinbar Unabänderliche (endlich) zu akzeptieren.


Doch Stopp, bevor wir es uns hier zu gemütlich machen: Es gibt da einen Haken. Denn da wird ordentlich geschummelt, sagt eine Psychologin aus Australien: Wenn es darum geht, zu beweisen, dass die Unterschiede im Verhalten von Jungs und Mädchen, Männern und Frauen, tatsächlich biologisch begründet sind, und somit naturgegeben, kucken manche nicht mehr so genau hin - gelinde ausgedrückt.


Männer denken, Frauen fühlen?

Cordelia Fine hat sich die Mühe gemacht und pseudowissenschaftliche wie populärwissenschaftliche Literater unter die Lupe genommen und deren Quellen, Studien und Forschungsergebnisse, die dort als Beweismittel aufgeführt werden, auf Herz und Nieren geprüft. Heraus kam wenig Schmeichelhaftes: Die "namhaften" Autoren berufen ihre Theorien auf mangelhafte oder oberflächlich gedeuteten Studien. Was als Tatsachen dargestellt wird - Männer seien von Natur aus konkurrenzgetrieben und Frauen mitfühlend - ist in Wirklichkeit ohne jeglichen ernsthaften Beweis. Die Ursache für das unterschiedliche Verhalten von Jungen und Mädchen muss eine andere sein - an den Gehirnen kann es nicht liegen. Cordelia Fine hat eine Erklärung, die sie zahlreich belegen kann: Es sind die Rollenerwartungen, die uns zu dem machen, was wir sind - sprich: die Art und Weise wie mit uns umgegangen wird und was ausgesprochen oder unausgesprochen von uns erwartet wird.

 

Machtvolle Rollenerwartungen

Wer, wie ich, eigene Kinder beiden Geschlechts hat, kommt unweigerlich irgendwann an den Punkt, wo er, wenn auch widerwillig, einräumt: Jungs und Mädchen sind wirklich "anders". Und wir schwören Stein und Bein, dass wir beide gleich behandelt haben und mit Rollenklischees nichts am Hut haben, dass das Mädchen auf Bäume klettern darf und der Junge auch weinen darf. Wir sind nahezu resigniert und schon froh, wenn dann Wissenschaftler daherkommen und uns erklären, woran es liegt - nämlich an den Gehirnen und den Hormonen, die sich bei Jungs und Mädchen unterscheiden. Und es somit eben einfach in der Biologie begründet ist, dass Jungs sich auf Raketen und Dinosaurier stürzen und Mädchen sich auf Puppen und Feen. Erleichtert, fast dankbar, nehmen wir die Nachricht auf, denn so trifft uns wenigstens keine Schuld.

Jetzt müssen wir wohl wieder umdenken, und: uns die Mühe machen, die allgegenwärtigen Klischees, wie ein Mann und eine Frau zu sein haben, nicht passiv hinnehmen, sondern permanent in Frage stellen. Wir schulden das nicht nur unseren Kindern, sondern auch uns selbst. Denn nichts ist höher zu schätzen als die Freiheit, sich die Rolle auszuwählen, die man sich selbst wirklich wünscht und sie frei von Erwartungen anderer ausfüllen zu dürfen.

 

 

 

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Fotos:

 

1) LazySunday (via stock.chng)

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