Aus der Redaktion

Alles rosarot und himmelblau – Die Leseraktion

Es ist so weit. Hier kommt er nun. Der Gewinner-Text unserer Mitmach-Aktion, in der wir unsere Leserinnen baten, uns zu erzählen: Wann sind eigentlich Sie das letzte Mal in einer Klischeefalle getappt?

 

vom 23.10.08

Grau, grau ist alle Theorie. Aller Emanzipation zum Trotz lauern die Fettnäpfchen, die typischen Frau-Mann-Fallen, noch überall. Und ob wir es nun mögen oder nicht: Dass „Mädchen fönen, Jungs schrauben“, scheint selbst noch im Jahr 2008 Gültigkeit zu haben.

Das ist Stoff für MissTilly – so dachten wir. Und einigen Leserinnen fiel auch prompt eine Strory dazu ein, die sie uns schickten. Wir bedanken uns ganz herzlich für die schönen Texte, die uns erreicht haben. Und wir präsentieren hier nun den Text, der – zumindest uns – am besten gefiel und den Karolin Martus aus Karlsruhe schrieb:  


Von herben Männern und süßen Frauen
(Text von Karolin Martus)

Deutschland, das Land des Biers und des Reinheitsgebots, ist auf der ganzen Welt bekannt für sein trübes, meist herbes „Gesöff“. Ein Land der Volksfeste, Stammtische und Brezeln. Das Bier ist immer mit von der Partie. Touristen aus dem In- und Ausland strömen jedes Jahr in Massen zur Münchner Wiesn oder zum Cannstatter Wasen. Deutschland ist bekannt für sein Bier.

Ich bin Deutsche. Und ich liebe Bier. Ja, und? Werden Sie jetzt sagen. Ist doch super. Dann sitzen sie ja quasi an der Quelle. Das schon. Aber ich bin eine Frau. Und als Frau hat man es im Bierland mitunter gar nicht so einfach.

Ich sitze im Biergarten. Gegenüber mein bester Freund. Wir bestellen ein Bier und eine Cola Light. Nachdem wir fast verdurstet wären, bringt die Bedienung endlich die Getränke. Das Bier stellt sie – ohne zu zögern – vor ihm ab. Die Cola Light bekomme natürlich ich. Wie sollte es auch anders sein. Das Bier hat natürlich der Mann bestellt. Ist doch klar. Und ein Mann trinkt ja schließlich keine Cola Light. Höchstens eine „richtige“ Cola. Oder ein Wasser, weil er noch fahren muss.

Die Selbstverständlichkeit mit der ein Bier immer einem Mann zugeschrieben wird, ist in meinen Augen fast schon pauschalisierbar. Denn diese und ähnliche Erfahrungen habe ich schon zu Genüge gemacht.

Eine Party. Mein Freund und ich kommen recht spät. Die anderen Partygäste sind längst beschwipst und gut am Feiern. Der Gastgeber nimmt uns die Mäntel ab und führt uns sogleich in die Küche. „Möchtet ihr etwas trinken?“, fragt er und greift in den Kühlschrank. Mein Freund bekommt das letzte Bier in die Hand gedrückt. Im selben Moment werde ich gefragt: „Möchtest du ein Gläschen süßen Sekt haben?“

In solchen Momenten könnte ich SCHREIEN! Nein, ich möchte keinen süßen Sekt. Ich möchte gar keinen Sekt. Ich möchte verdammt noch mal ein schönes kühles und vor allem HERBES Bier. Und ich möchte vor allem vor die Wahl gestellt werden. Ja, gefragt werden, was ich will und nicht pauschal abgestempelt werden. Da draußen gibt es sehr viele Frauen, die nicht nur gerne, sondern lieber ein Bier trinken. Und mit Sicherheit gibt es auch genauso viele Männer, die insgeheim lieber einen süßen Sekt oder eine Cola Light trinken statt eines Biers. Wenn da nicht dieser blöde Gesellschaftsdruck wäre. Mann oder Memme. Bier oder Sekt. Als Frau hat man dafür keine Wahl. Denn Frauen trinken doch so gerne Prosecco oder Asti. Ist so schön süß. Wenn ein Mann Prosecco trinkt, dann ist er schwul.

Richtig nervig ist es, wenn ich an einer Bar ein Bier bestelle. Der Barkeeper schaut mich schräg an und fragt, ob ich mir sicher sei. Natürlich bin ich mir sicher, sonst hätte ich ja kein Bier bestellt, sondern etwas anderes.

Apropos Männer. Wenn die mitkriegen, dass ich für mein Leben gerne Bier trinke, dann sind sie oft ganz erstaunt. Als hätten sie noch nie eine biertrinkende Frau gesehen. Haben sie vielleicht auch noch nicht, zumindest nicht in der Werbung. Denn ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass in der Bierwerbung nie eine Frau Bier trinkt? Sie dürfen es anfassen und die Flasche an den Mund führen – SCHNITT. Trinken geht nicht, das könnte ja die Männer vergraulen. Iiiiieeehhh, das ist ja Frauenbier.

Wann verstehen die Menschen endlich, dass Geschmack nichts mit dem Geschlecht zu tun hat. Und dass Bier typisch deutsch und nicht typisch Mann ist.

Womit wir beim nächsten Klischee wären, aber das ist eine andere Geschichte...


Foto: photocase.com