Fürs Auge

Alltag und Albtraum

Der amerikanische Fotokünstler Gregory Crewdson entwirft Bilder von Vorstadtidyllen, in denen das Grauen umgeht. Seine Werke, die mit der Hochglanzperfektion des Hollywoodkinos spielen, sind derzeit in einer Ausstellung im schwedischen Göteborg zu erleben. Das Museum Hasselblad Center lädt zu einem Einblick in verschiedene Schaffensperioden ein – und dazu, in die Abgründe und auf die Neurosen des „American Dream“ zu blicken.

Eine Frau sitzt auf einer Bettkante und starrt vor sich hin. Ihr Blick wirkt leer, seelenlos überhaupt die ganze Szene. In ihrem Rücken graut der Morgen – und schafft Desillusionen? Was hat es mit diesem Mann auf sich, der abgewandt und regungslos auf dem Bett liegt? Und warum hat die Nacht, die dieses Paar hinter sich hat, nur so wenig Schlaf gebracht, wie eine unabgezogene Tagesdecke nahelegt? Ist Liebestaumel der Grund? Oder eine Beziehungskrise?

 

 

 

Gregory Crewdson möchte die Rätsel, die seine Bilder aufgeben, gar nicht aufgelöst wissen. Vielmehr geht es dem gefeierten amerikanischen Künstler, der 1962 in New York geboren wurde und heute auch in Europa einen Namen hat, um einen Moment, in dem alles in der Schwebe ist. Um nicht zu sagen: auf der Kippe. Denn in den Inszenierungen, die Crewdson vor die Kameralinse bringt, ist stets beides zu finden: der Traum vom Alltagsglück und der Albtraum eines bösen Erwachens. 

 

Als Interpretationen einer dunklen Seite der amerikanischen Psyche wird dieses fotografische Werk deshalb auch immer wieder gedeutet. Und in der Tat: Gregory Crewdson, der als Sohn eines in den USA sehr erfolgreichen Psychoanalytikers aufgewachsen ist, macht keinen Hehl daraus, das es ihm um Abgründiges auch im Freudschen Sinne geht. Um verdrängte Ängste und unterdrückte Sehnsüchte, die mit aller Macht genau dorthin zurückkehren, wo Menschen mit Heckenscheren und Blümchentapeten ihren Wunsch nach einer „heilen Welt“ verteidigen. Es sind die sauberen Vorgärten und geradlinigen Vorstadtstraßen der weißen amerikanischen Mittelschicht nämlich, in denen das Grauen anscheinend nistet, das in den Fotogeschichten Crewdsons plötzlich um sich zu greifen beginnt.

 
 

So zeigt eine Ablichtung etwa eine Frauenleiche, die in einem dunklen Wasser treibt. Schrecklich und irritierend anmutig zugleich wirkt der Anblick, der sich seltsamerweise auf dem Fußboden eines Wohnzimmers darbietet, das wiederum eher zur Gemütlichkeit einlädt – als zum Ertrinken. Man weiß nicht so recht und versteht dennoch recht gut: Eine Unwetterkatastrophe wird es vermutlich nicht gewesen sein, die hier den Raum flutete. Dann doch eher das ideologische Putzwasser einer Heim- und Hausfrauenidylle, in der nicht nur „Dreck“ wegspült wird – sondern leicht auch mal das Leben selbst.

 

„Mich interessiert die Spannung zwischen Häuslichkeit und Natur, zwischen dem Normalen und dem Übersinnlichen, zwischen Künstlichkeit und Realität“ so hat Gregory Crewdson einmal erklärt. Künstlichkeit und Realität aber – das sind zwei Pole, die nicht nur in den Motiven, sondern auch bei der Produktion der Fotos zum Tragen kommen. Oft bearbeitet Crewdson nämlich seine Werke, die er mit Großbildkameras aufnimmt, am Computer nach. Mehrere identische Negative werden dabei aufeinander kopiert, um zu jener „hyperrealen“ Tiefenschärfe zu gelangen, die zum Markenzeichen des Künstlers geworden ist. Der Effekt: Ein merkwürdiger Kontrast zu dem, was auf den Bildern selbst zu sehen ist – eine Realität nämlich, die eher erfunden und gemalt wirkt als fotografisch wirklichkeitsgetreu abgelichtet. 

 

Gregory Crewdson knüpft in diesem Sinne auch nicht an eine realistisch-dokumentarische Linie in der Tradition der Fotografie an. Was ihn beschäftigt, sind „Seelenlagen“. Die sind allerdings nicht als „Privatsache“ fehl zu deuten. Im Gegenteil: Es ist sind die Bilderwelten des Hollywood-Kinos, mit denen der Künstler hier arbeitet, dessen kollektive Phantasien, Wünsche und Verleugnungen. Dabei greift der Fotograf nicht nur Elemente der „Horrorästhetik“ auf oder bedient sich bei Mustern des „Psychothrillers“. Nein, er holt auch inhaltlich die Populärmythen, die uns auf der großen Leinwand in Atem halten, in das eigene Werk hinein, allem voran die Diagnose, dass man auf dem Grund der „American Psycho“ so mancher Neurose über den Weg läuft. 

 

Wo nach Prägungen gefragt wird, dürfen aber die Namen Cindy Shermans und Jeff Walls natürlich auch nicht fehlen. Sie gaben der Geschichte der inszenierten Fotografie wichtige Impulse und hinterließen Spuren, ohne die Gregory Crewdsons dramatisierte Bilderwelten heute so vermutlich nicht denkbar wären. Daneben ist aber auch die Nähe zu einem anderen Künstler, den Crewdson gerne auch als Vorbild benennt, kaum zu übersehen: zu dem Maler Edvard Hopper. Verlassene Vorortstraßen, Melancholie und Entfremdung – vieles in den Motiven Crewdsons erinnert an Hopper, auch wenn zwischen beiden Künstlern doch auch Welten liegen. Oder zumindest eine Welt: die der technischen Hochglanzperfektion unserer heutigen Zeit.  

 

 

Nicht selten nämlich sorgt Gregory Crewdson für großes Aufsehen, wenn bei seinen Shootings alle möglichen Hebel zwischen Himmel und Erde technisch und personell in Gang gesetzt werden: Straßenzüge werden da abgesperrt, ein Heer von Lichtleuten, Bühnenbildern und Statisten bemüht, um minuziös alle Details der Szenerie zu gestalten, Kamerakräne und Scheinwerferbatterien werden zum Ort des Geschehens gebracht – ganz zu schweigen von den großen Filmstars, die hier und da angeworben werden, um die Phantasien des Künstlers umzusetzen: Julianne Moore oder William H. Macy etwa standen Modell für die Fotoserie „Dream House“, die im Jahr 2002 entstand.

  
Eine Begegnung mit Gregory Crewdson und seinem Werk bietet derzeit eine Ausstellung in Göteborg, die noch bis zum 28. Oktober 2007 zu sehen ist. Das Fotomuseum Hasselblad Center präsentiert Exponate aus verschiedenen Schaffensperioden – von den frühen Arbeiten, mit denen der Künstler zuallererst auf sich aufmerksam machte, über die erfolgreiche Serie „Twilight“ (1998-2002) bis hin zu jüngsten Arbeiten wie „Dreamhouse“ (2002) und „Beneath the Roses“ (2003-2005).

 
Zu beobachten ist hier, wie Gregory Crewdson zunehmend in die Rolle hineinwächst, die ihm heute (zumindest und für den Moment) im Kunstbetrieb zukommt. Es ist die Rolle eines Filmschaffenden, der sich ganz dem einen und einzigen Augenblick hingibt und alles andere einem „Kino im Kopf des Betrachters“ überlässt.

 

 

Warum dieses oder jenes geschieht? Was vorher geschah oder nachher passieren wird? Eine Reise nach Göteborg gibt zwar keine Antworten auf Fragen dieser Art. Dafür aber verschafft sie Einblicke in faszinierende  Doppelbödigkeiten, auf die Kunst – selbst in visueller Nähe zu Hollywood – baut.  

 

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Die Ausstellung "Gregory Crewdson. Fotografien 1985 - 2005" ist noch bis zum 28. Oktober 2007 in Göteborg im Hasselblad Center zu sehen. 

 

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Fotonachweise:

 

Foto 1:

Gregory  Crewdson: "Untitled".
From the series  "Natural Wonder", 1992-97.
C-Print. 81.3 X 101.6 cm
Courtesy: Luhrig Augustine, New York

 

Fotos 2 :

Gregory Crewdson: "Untitled".
From the series "Dreamhouse", 2002.
Digital c-prints. 73.7 X 111.8 cm
Courtesy: Luhring Augustine, New York


Foto 3:

Gregory Crewdson: "Untitled".
Taken from the series "Twilight", 1998 - 2002.
Digital c-print. 121.9 X 152.4 cm
Courtesy: Luhring Augustine, New York

 

Foto 4:

Gregory Crewdson: "Untitled".
From the series "Beneath the Roses", 2003 - 2005.
C-Print. 144.8 X 223.5 cm
Courtesy: Luhrig Augustine, New York

 

Foto 5:

Gregory Crewdson: "Untitled".
Taken from the series "Twilight", 1998 - 2002.
Digital c-print. 121.9 X 152.4 cm
Courtesy: Luhring Augustine, New York