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Als vom Feminismus noch keine Rede war

Kein leichtfüßiges Geplauder: Ein Buch rückt prominente Frauen ins Licht, die bereits im 19. Jahrhundert voll auf ihre Talente setzten.

Von: Christina Mohr

vom 27.08.10

Man darf diese Lebensläufe eigentlich nur mit Vorsicht interpretieren. Für einige liegt nämlich nur wenig biographisches Material vor, das zu einer Begegnung einlädt: Maria Montessori etwa führte kein Tagebuch, hinterließ nur eigene Bücher, neben einigen Aufzeichnungen ihres Sohnes. Dennoch wird wohl niemand dieser Reformpädagogin heute den Platz absprechen wollen, den auch Elke Pilz ihr in einem Buch über „Bedeutende Frauen im 19. Jahrhundert“ einräumt. 

„Hilf mir, es selbst zu tun“ lautet das Motto der Montessori-Schulen, die von der Maria Montessori vor mehr als hundert Jahren gegründet wurden. Erschüttert von den Zuständen, die sie in einem Heim für geisteskranke Kinder gesehen hatte, beschloss die junge Italienerin, sich beruflich um die Pflege und Erziehung so genannter schwachsinniger Kinder zu kümmern. Ihrer Überzeugung nach war der desolate Zustand der „Idioten“ hauptsächlich ein pädagogisches Problem, das man mit behutsamer und gezielter Förderung positiv beeinflussen konnte. 

Montessoris Ansatz kam einer Revolution in Pädagogik und Kinderpflege gleich: Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden geistig oder körperlich eingeschränkte Kinder nicht gefördert, sondern im günstigsten Falle in Heimen und Kliniken verwahrt. Maria Montessoris Laufbahn als mutige und erfolgreiche Ärztin und Pädagogin ist exemplarisch für viele Frauen, die im 19. Jahrhundert in Männerdomänen vordrangen – und als Schriftstellerinnen, Musikerinnen, Ärztinnen, bildende Künstlerinnen oder Forscherinnen wirkten. Das 19. Jahrhundert markiert den Aufbruch in die Moderne, mit wegweisenden Innovationen in Wissenschaft und Technik und einem neuen, kühneren Umgang mit den Künsten.  

Auch die Rolle der Frau veränderte sich, wenn auch langsam, denn – und das hat sich bis heute ja  nicht grundlegend geändert – Frauen gehörten nach traditionellem Verständnis ins Haus, an den Herd und an die Wiege. Höhere Schulbildung für Mädchen war mehr als rar. Und auch wenn in Italien das Frauenstudium ab ca. 1850 erlaubt war, war die Medizinstudentin Maria Montessori eine Ausnahme. Frühe Frauenrechtlerinnen wie die Pädagogin Betty Gleim, die schon 1806 gleiche Bildung für Mädchen und Jungen forderte, trugen wie die libertinären Schriftstellerinnen Malwida von Meysenburg, George Sand und George Eliot dazu bei, dass Frauen allmählich selbstbewusster wurden und sich mit ihren Werken und Ideen an die Öffentlichkeit wagten. 

Künstlernamen wie George Sand und George Eliot verweisen allerdings auf einen aus heutiger Sicht schwer zu begreifenden, damals notwendigen „Trick“: die Verheimlichung weiblicher Urheberschaft, damit Werke überhaupt gedruckt werden konnten. Dies ist nur ein Beispiel für die vielfältigen Hindernisse, denen weibliches Emanzipationsstreben ausgesetzt war. In vielen Bereichen führten dieses erst im 20. und 21. Jahrhundert dann auch ins Ziel. 

Und dennoch: Künstlerinnen und Autorinnen der damaligen Zeit nahmen die spätere Frauenbewegung vorweg, auch wenn vor 200 Jahren von Feminismus noch keine Rede war.- das jedenfalls ist der Tenor des lesenswerten Buches, das die Soziologin und Psychotherapeutin Elke Pilz herausgegeben hat. Der Essayband entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts des Instituts für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie Berlin – dementsprechend wissenschaftlich sind auch die Texte. 

Die Porträts leisten dabei vor allem eins: Sie wecken den Drang, sich mit den Arbeiten und Ideen der elf hier ins Licht gerückten Frauen zu befassen. Man könnte zum Beispiel Annette von Droste-Hülshoffs Novelle “Die Judenbuche” wieder lesen, die man zuletzt vor vielen Jahren im Schulunterricht in Händen hielt. Auch die Bücher von Selma Lagerlöf, Louise Seidlers Gemälde und die nachhaltigen gesellschaftlichen Errungenschaften von Frauen wie Betty Gleim verdienen die (erneute) Beschäftigung mit ihnen. 

Vorgestellt werden Betty Gleim, Louise Seidler, Annette von Droste-Hülshoff, George Sand, Elisabeth Barrett-Browning, Malwida von Meysenbug, George Eliot, Ellen Key, Meta von Salis, Selma Lagerlof, Maria Montessori. 

 

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Christina Mohr arbeitet beim Campus Verlag in Frankfurt. Nach Feierabend schreibt sie für das Online-Kulturmagazins satt.org, rezensiert Platten und Bücher, gelegentlich auch für andere Websites wie melodiva.de, titel-magazin.de und Zeitschriften wie Missy Magazine.

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Bildnachweise: 

1. Maria Montessori (Bild via Wikipedia)

2. Königshausen & Neumann Verlag, Buchcover.