Fürs Auge

Annie Leibovitz - A Photographer`s Life 1990-2005

Eine Weise von Liebe und Tod

Von: Carola Thurow, Fotos: Random House-Verlag

vom 01.03.07

„Jeden Morgen ging ich in die Scheune, drehte die Musik ganz laut auf und weinte zehn Minuten oder so, und dann machte ich mich daran, die Bilder zu sortieren. Ich weinte einen Monat lang. Erst später wurde mir klar, wie sehr die Arbeit an dem Buch mich durch den Trauerprozess geführt hatte. Es kommt der Person, die ich bin, näher als alles andere, was ich je getan habe.“


So endet der nur wenige Seiten umfassende Text, den Annie Leibovitz ihren 300 zumeist schwarz-weißen Bildern vorangestellt hat. Sie begann persönliche Bilder zu einem kleinen Buch zusammenzustellen, um es beim Gedenkgottesdienst an ihre im Dezember 2004 verstorbene Lebensgefährtin Susan Sontag zu verteilen. Erstaunt über die Fülle des Materials schuf sie daraus einen Bildband, der ihr Leben von 1990 bis 2005 illustriert. Aber auf jeder Seite spürt man, was es auch sein soll: Ein Andenken an die Menschen, die sie liebte und in dieser Zeit verlor. Es sind in der Mehrzahl sehr authentische Abbildungen über Augenblicke des Glücks, der Liebe, des Beginns, aber auch der Trauer, des Abschieds und der Machtlosigkeit.


Die 1949 in Connecticut/ USA geborene Fotografin zählt unbestritten zu den renommiertesten Künstlern Amerikas. Weltbekannt sind die unglaublich perfekt inszenierten Fotos von Stars, wie Jack Nicholson im Bademantel, Leonardo di Caprio mit Schwan und die nackte schwangere Demi Moore. Auch diese Bilder tauchen hier im Bildband auf - wie altbekannte Freunde inmitten einer unbekannten Welt.


Annie Leibovitz sagt dazu: „ Ich habe ein einziges Leben und zu dem gehören die persönlichen Bilder ebenso wie die Auftragsarbeiten.“ Das Einzigartige an diesem Buch ist, dass man in einer schonungslosen, entwaffnenden und ungeschminkten Offenheit erfährt, wer eigentlich dieser Mensch ist, der hinter der Kamera steht.


Die Bilder über die Beziehung zu der streitbaren Essayistin und Autorin Susan Sontag, die Leibovitz selbst als „Liebesbeziehung“ bezeichnete, sind sicher das Beeindruckendste und Persönlichste im Buch. Sie zeigen eine Nähe und seelische Zwiesprache zwischen zwei Menschen, die sich gegenseitig voranbringen, inspirieren, dabei nicht einengen, sondern beschützen und füreinander sorgen, bis zuletzt.


Die Aufnahmen der toten Susan Sontag im gemeinsam gekauften Kleid lassen einen nicht mehr los, ebenso wie die Bilder von der von Krankheit gezeichneten Sontag zusammen mit Annie Leibovitz' 2001 geborener Tochter, spielend am Strand. In allem widerspiegelt sich die tiefe Zuneigung, die diese Menschen verband. Dabei nicht ins Voyeuristische zu verfallen, ist eine Kunst, die Annie Leibovitz perfekt beherrscht.


Einen weiteren wichtigen Teil nehmen die Bilder von Leibovitz' großer Familie ein, wobei deutlich wird, wie viel sie ihr bedeutet und was Familie im eigentlichen Sinne ausmacht. Unbeschreiblich warm und liebevoll die Bilder von ihren Eltern bei Familienfesten, im Badeanzug, mit den Enkeln. Und dann erneut das Gesicht des Todes: Das Sterben des Vaters in den Armen der Mutter und Kinder.


Susan Sontag schrieb in einem Essay über Fotografie: „Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen.“ Genau das hat Annie Leibovitz getan, und der Betrachter kann sich dem nicht entziehen. Fasziniert und erschreckt bemerkt man, dass eines weit in den Hintergrund rückt, nämlich dass es sich um eine bekannte Fotografin und eine weltberühmte Autorin handelt. Es könnte die eigene Familie sein, der geliebte Mensch an unserer Seite, der da lacht, weint und stirbt.


Zwischendurch stößt man immer wieder auf arrangierte Bilder von Prominenten. Einzigartig ist die Kombination zweier Aufnahmen: Auf der einen Seite steht Michael Moore mit seinem Filmteam , und auf der nächsten Seite sieht man George W. Bush und seinen Stab. Zwei Gesichter einer Medaille: Amerika nach 9-11.


Es ist ein Bildband - nicht nur für Fotofans. Man gibt ihn, einmal in den Fingern gehalten, nicht wieder her, weil er einem trotz aller Traurigkeit eines vermittelt: Zuversicht und Freude auf das Leben.


Eine Auswahl an Bildern aus „ A Photographer`s Life“ wurde gerade im Brooklyn Museum in New York gezeigt, ist momentan im San Diego Museum of Art und geht dann weiter bis nach Europa auf Tour. Hoffentlich ist sie auch irgendwann in Deutschland zu sehen.

 

Brad Pitt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos aus dem Bildband in gezeigter Reihenfolge:

 

1) Susan Sontag, 1988

2) Buchcover

3) Bruder Philip und Vater, 1988

4) Nicole Kidman, 2003

5) Brad Pitt, 1994