Women only

"Anscheinend ist Stille nur eine Sache für Frauen"

Freitag Mittag - überall wuseln Touristen – Autos hupen.

Kein Wunder, denke ich mir, das Wetter ist schön und schließlich bin ich hier „Unter den Linden“. Meine Freundin und ich bahnen uns den Weg durch die Menschenmassen und Baustellen. Ein Bus hat ein Auto eingequetscht und der Stau wird immer länger.

 

Das ist Berlin – meine Heimat. Berlin ist laut, Berlin stinkt und Berlin ist einfach großartig. Ich lebe jetzt schon seit 19 Jahren hier und liebe es. Früher haben ich gegenüber mehrerer Kneipen gewohnt, daher bin ich viel Lärm gewöhnt. Aber manchmal wird es selbst mir zu viel und ich wünsche mir einfach nur ein bisschen Ruhe zwischen all der Hektik.

 

Meine Freundin und ich stehen vor dem Brandenburger Tor. Rechts ist eine kleine Touristeninformation und ein verkleideter Mann lässt sich mit interessierten Berlin-Besuchern fotografieren. In der Mitte haben wir den wunderbaren Blick auf die Siegessäule und links steht ein kleines schwarzes Schild mit der Aufschrift: „Raum der Stille – Room of Silence“. Wir betreten ihn neugierig und werden prompt von zwei freundlichen älteren Damen begrüßt, die uns auch sogleich das passende Infomaterial geben.

 

Um den Tempel der inneren Ruhe zu betreten, müssen wir durch zwei Glastüren gehen. Und da ist er: ein kleinen aber feiner Raum. Meine Freundin und ich sind alleine und wir setzen uns in die erste der beiden Stuhlreihen. Nichts passiert, es ist einfach nur still.

Ich entspanne mich allmählich und bemerke erst jetzt dass ich Kopfschmerzen habe. Der Straßenlärm geht eben doch nicht spurlos an mir vorbei.

 

Wenn man eine Weile sitzt, dringen langsam immer mehr Geräusche von außen in den Raum. Alles hört sich dumpf an, als würde man viel Watte in den Ohren haben. Immer wieder geht die Tür mit einem „wusch“ auf und neue Leute betreten den Raum. Manche schauen nur kurz rein und gehen wieder sofort. Sie sind anscheinend nur neugierig gewesen, weil es im Reiseführer stand, doch dann war es ihnen nicht aufregend genug.

 

Der Raum ist sehr schlicht. Es sind nur 20 Stühle da und an der Wand hängt ein Wandteppich, der durch ein Licht von hinten beleuchtet wird. Später erfahre ich (durch eifriges lesen der Broschüre), dass das Licht symbolhaft die Finsternis durchdringt. Sehr interessant und nun?!

Meine Freundin und ich sitzen gut und gerne 15 – 20 Minuten in diesem Raum, dann gehen wir. Es waren außer uns noch 9 weitere Frauen anwesend. Anscheinend ist Stille nur eine Sache für Frauen, dabei ist es wundervoll.

 

„Der Raum der Stille“ wurde geschaffen, um allen Menschen, egal welcher Herkunft, Religion oder Weltanschauung, einen Ort zum Besinn und zum Beten zu geben. Als Vorbild diente der Meditationsraum der Vereinten Nationen in New York. 1994 wurde das Projekt in Berlin verwirklicht und ist seitdem eine Quelle der Ruhe. Auch wurde der Ort – das Brandenburger Tor – nicht umsonst ausgewählt. Man wollte diesen geschichtsträchtigen Ort als Symbol der Wiedervereinigung wiederbeleben und die Zusammenführung von Ost- und Westberlinern fördern. „Der Raum der Stille“ versteht sich als Ort der Begegnung.

 

Dietrich Bonhoeffer sagt einst: „Es liegt im Stillsein eine wunderbare Macht der Klärung, der Reinigung, der Sammlung auf das Wesentliche.“, am Freitag habe ich etwas davon für mich mitgenommen.

 

 

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Im Sommer täglich geöffnet von 11 – 18 Uhr.

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