Reizthema

Arbeiten wie ein Kaiser – Was Väter von den Pinguinen lernen können

Moderne Väter gehen in die Babypause! Nur schade, wie wenige Väter „modern“ sein wollen. Die Versuche, sie durch Kampagnen und Appelle sozusagen in die Elternzeit hineinzubitten, sind gescheitert. Woran das liegt? Männer brüten nicht!

Kennen Sie die Arbeitsteilung der Geschlechter bei den Kaiserpinguinen? Wenn Nachwuchs in Sicht ist? Bei dieser Spezies wird echte Männersolidarität praktiziert, da wird wie ein Kaiser gebrütet! Bei Temperaturen von minus 40 Grad stehen die Pinguinmännchen dicht gedrängt beieinander und wärmen sich gegenseitig. Sieben Wochen lang hüten die Väter in stoischer Ruhe das Ei, für weitere vierzehn Tage tragen sie das geschlüpfte Jungtier in einer Bauchfalte. Erst dann fühlen sich die Pinguinmütter für den Nachwuchs zuständig: Schichtwechsel in der Antarktis!

 

Versetzen wir uns vom ewigen Eis in die behagliche Wärme eines deutschen Betriebes. Dort sieht die Solidarität so aus: Ein Kollege fällt auf, weil er sich traut, ein gesetzlich garantiertes Angebot wahrzunehmen: Er fehlt, weil sein Kind krank ist! Über Weicheier und Warmduscher wird gespöttelt, früher hätte man es drastisch formuliert: „Der hat wohl keine Alte zu Haus“.

 

Dass der elterliche Schichtwechsel beim Menschen weniger gut klappt als bei den Pinguinen, liegt in der Natur der Sache. Menschenväter können weder brüten noch stillen, und es macht wenig Sinn, dem biologischen Vorsprung der Menschenmütter hinterherzurennen. Nur 15 Prozent Männer in der Babypause sind gar nicht das Schlimmste! Viel schlimmer ist, dass der tägliche Schichtwechsel nach dem „Brüten“ nicht funktioniert. Kinder großzuziehen, das dauert beim Menschen nämlich ein bisschen länger als bei den Kaiserpinguinen: an die zwanzig Jahre oder noch mehr. Und die Krankheit, die sich dabei entwickelt, heißt „Vereinbarkeitsproblematik“.

 

Der Erste am Morgen und der Letzte am Abend 

 

Karrieren werden schließlich nach 17 Uhr entschieden, und wer genau dann endlich gehen will, der muss einfach ein schräger Vogel sein. Oder ein Pinguin? Sei der Erste am Morgen und der Letzte am Abend! „Lunch is for losers“, behauptete einst Michael Douglas in dem Film „Wall Street“: Nur Verlierer machen Mittagspause! Und weil alle zu den Gewinnern gehören wollen, gibt es ein Spiel in deutschen Betrieben: Wie simuliere ich Anwesenheit? Ein Manager weist die Putzfrauen an, in seinem Büro die ganze Nacht das Licht brennen zu lassen: Herr Wichtig steht immer zur Verfügung! Oder der Trick mit dem zweiten Jackett: Die Bürotür leicht angelehnt, über dem Stuhl hängt es, das Ersatzteil, wie eben schnell abgelegt – während der Besitzer längst verschwunden ist.

 

Die Anekdoten über den männlichen Unentbehrlichkeitswahn sind lustig – und traurig zugleich. Eigentlich müsste es selbstverständlich sein, im Betrieb früher zu verschwinden, wenn um drei Uhr der Kindergeburtstag anfängt. Es gibt ihn ja durchaus, den stolzen Vater mit Vollzeitjob, der im Rahmen seiner Möglichkeiten zwischen Kinder- und Arbeitswelt balanciert. Er macht keine Überstunden und ist um sechs zu Haus. Als Feierabendanimateur tobt er die Kleinen bettreif. Er verdient den größten Teil des Familieneinkommens – was übrigens viel zu selten gewürdigt wird – und zwischen Abendessen und Tagesschau tollt er sogar auf dem Teppich herum. Mann kann also durchaus bodenständig sein: Er bleibt auf dem Teppich, interessiert sich immerhin eine halbe Stunde lang für „die Hälfte der Erde“! Die Frauenbewegung forderte ja einst „Die Hälfte des Himmels“. In den oberen Etagen, da wo Bankbosse und Intendanten Hof halten, muss die Luft einfach besser sein. Am Boden warten übelriechende, sich wiederholende Tätigkeiten wie Putzen, Aufräumen oder Waschen – Dinge, deren gesellschaftliche Anerkennung gegen Null geht.

 

Anständiger Job oder arbeitslos – dazwischen gibt es nichts.

 

Aber die Kinder, die machen Spaß! Papa zeigt sich gerne mit ihnen, sogar vormittags, wenn er sich zwischen Hausfrauen, Arbeitslosen und Rentnern etwas deplaziert vorkommt. Die Oma, die den schreienden Säugling mit „Dir fehlt wohl die Mama“ kommentiert, steckt er locker weg. Trotzdem, es ist nicht das reine Vergnügen! Zum dritten Mal die vollgeschissene Hose wechseln, und der Wickeltisch steht in der Damentoilette! Auf die Stühle im Kindergarten passen keine Zwei-Meter-Menschen, und wenn Frauen sich auf der Spielplatzbank über Rückbildungsgymnastik austauschen, hat Mann auch nichts beizutragen.

 

Mütter stellen sich seltsame Fragen. Zum Beispiel „Sind Sie berufstätig?“Stellen Sie sich das mal unter Männern vor! „Wissen Sie, im Moment will ich noch nicht wieder berufstätig sein, der Kleine ist noch so auf mich fixiert, ich bleibe vorläufig zu Hause.“ Was ist denn das für ein seltsamer Typ? Männer haben einen anständigen Job, oder sie sind arbeitslos – dazwischen gibt es nichts, basta!

 

Von den geschlechterdemokratischen Verhältnissen der Antarktis sind wir also weit entfernt. Brüten wie ein Kaiser? Das werden die Menschenväter von den Pinguinvätern wohl niemals lernen. Aber wie wäre es mit etwas mehr Mut, am Arbeitsplatz eigene private Interessen einzufordern? Das wäre doch eine schöne Utopie: Arbeiten wie ein Kaiser!

 

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Dr. Thomas Gesterkamp lebt als Journalist und Buchautor in Köln und ist Vater einer Tochter. 

Er hat bereits zahlreiche Beiträge zum Thema „neue Väter“ und „Männer zwischen Beruf und Familie“ veröffentlicht, in Hörfunk, Tages- und Wochenzeitungen ebenso wie in Sammelbänden und Fachzeitschriften. Daneben ist er aber auch regelmäßig als Referent, Dozent oder Moderator gefragt – sei es in der Weiterbildung oder auf Vortrags- oder Diskussionsveranstaltungen im gesamten deutschsprachigen Raum. 

Der vorliegende Text ist dem Buch „Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere“ entnommen, das von Thomas Gesterkamp zuletzt erschien. Der Journalist, Mitbegründer auch des Väter-Experten-Netzes Deutschland, beschreibt hier das Dilemma moderner Väter – „zwischen Laptop und Wickeltisch, zwischen Abteilungsleitung und Mathenachhilfe: Männer sollen ihre Familie finanziell versorgen, sich aber auch im Haushalt engagieren und liebevoller Erzieher sein. Am besten, sie verdienen 10.000 Euro im Monat und kommen trotzdem schon mittags heim.“ 

Nicht zu schaffen? Wie Männer und Frauen mit dieser und anderen „Vereinbarkeitsproblematiken“ besser umgehen können und zwischen Partnerschaft, Beruf und Familie ein Gleichgewicht finden, dazu möchte das Buch – und in Diskussion und Vortrag auch gerne der Autor selbst – Anregungen und Ideen liefern. 

Thomas Gesterkamp ist über E-Mail: thomas.gesterkamp(at)t-online.de erreichbar.

 

Weitere Publikationen des Autors:   
„Hauptsache Arbeit? – Männer zwischen Beruf und Familie“ (mit Dieter Schnack), Rowohlt Verlag, Reinbek 1996, Neuauflage als Taschenbuch 1998. 
„Gutesleben.de – Die neue Balance von Arbeit und Liebe“, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2002.
„Die Krise der Kerle – Männlicher Lebensstil und der Wandel der Arbeitsgesellschaft“, Lit Verlag, Münster 2004, Neuauflage 2007. 

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