Männerecke

Arbeitslos und Spaß dabei

Klar, will ich arbeiten - aber ungefähr drei Millionen andere auch. Da ist man über jedes Vorstellungsgespräch froh, zu dem man eingeladen wird. Neulich war ich wieder bei einem…

Ein Gruselkabinett sucht einen festangestellten Grusler, der unter anderem auch die Studentengrusler organisiert, alles besenrein hält und am Ende als letzter die Türen schließt. 


Gut dachte ich mir, rufst du doch einfach mal an. Wenn es nichts ist, habe ich wenigstens wieder eine Bewerbung für die Liste. (Jeder Arbeitslose muss zehn Bewerbungen im Monat schreiben, sonst wird sein Geld gestrichen.) Als ich anrufe, werde ich gleich, ohne etwas erzählt zu haben, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Bisschen komisch fand ich das schon, aber okay. 


Zur bestellten Stunde bin ich also am bestellten Ort. Hinterhof. Alles, was ich sehe, sind zwei große, schwere Stahltüren. Beide sind zu. Keine Klingel. Ich schau mich um. Nichts anderes zu sehen. Ich klopfe einfach mal. Nichts passiert. Ich klopf noch mal – dann geht langsam die Tür auf. Doch von der Frau, die mir aufmacht, sehe ich nur den Rücken und höre ein typisch Berlinerisches Grummeln. „Ja ja, Alte Frau is doch keen D-Zug. Kommense mit!“


Sie geht vor und führt mich in einen kleinen Raum. „Da! Setzense sich, jet gleich los!“ Im Stehen versuche ich, mich meiner Jacke und meiner Umhängetasche zu entledigen. „Hey, nich groß rumloofen! Hinsetzen!“ So schnell hat mein Hinterteil noch nie eine Sitzfläche gefunden. Als ich sitze, schaut sie mich an. „Jet gleich los“ Dann gibt sie ein paar Studenten noch letzte Anweisungen vor dem Feierabend. „Hey, haste besenrein gemacht? Und och nich wieder das Licht angelassen? Du lässt immer das Licht an...“ Plötzlich schaut sie mich wieder an und streckt mir ihre Hand entgegen, als warte sie auf Trinkgeld. Ich schaue etwas irritiert.

 
„Na habense nu Ihre Bewerbungsunterlagen mitjebracht oder nich?“ Ach so, meine Bewerbungsunterlagen. Ich reiche ihr meinen Lebenslauf. Doch den will sie nun doch nicht mehr. „Jet gleich los“ und zu einem Studenten schnauzt sie „Hey wir ham noch keine Schichten ausjemacht! Du kannst doch nich schon wieder Urlaub ham wollen?!“ Was der sichtlich verunsicherte Student antwortet, bekomme ich nicht mit, zur gleichen Zeit betritt ein älterer Herr das Zimmer und nimmt sich meinen Lebenslauf, ohne sich vorzustellen. Und ohne eine Begrüßung oder Ähnliches geht’s nun auch los: 


„Wo habense denn bisher am längsten jearbeitet?“ Ich versuche zu erklären, was ich bisher in meinem Leben schon so gemacht habe, aber er lässt mich gar nicht aussprechen. „Ick seh schon, hier drei Jahre in Berlin. Hmm.“ „Wo wohnense denn eigentlich?“ will jetzt die Frau plötzlich wissen. Wedding. „Wedding? Soso... Wo denn da?“ In der Soldiner! „Ach in ner Soldiner! Im wievielten Hinterhaus wohnen se denn da?“ Etwas verdutzt sage ich: im ersten Hinterhaus. 


„Na wissense denn, dass es in der Soldiner Häuser mit ewig vielen Hinterhäusern gibt?!“ Das wusste ich nicht, aber weil ich auch etwas sagen will, erzähle ich von meiner tollen Wohnung und dass unsere WG auch einen Zugang auf das Dach hat. (Wie sich später herausstellt, war das ein Fehler). „So, Zugang uffs Dach?! Sind se da och mal an Silvester oben druff? Uff dem Dach?“ Nein, Silvester und Weihnachten bin ich meistens bei meiner Familie in Schwaben. 


Nun folgt etwas, was ich noch nie erlebt habe. Die zwei unterhalten sich über mich in meiner Gegenwart: „Haste gehört? Aus Schwaben isser!“ „Ja hab ick gehört. Schwabe isser!“ „Und?“ „Wat und?“ „Na so richtig passen tut er ja nich zu uns...“. „Ne, hat bisher nur so mit Computer rumgemacht und so.“ „Ja, so richtig hat er jarkeene Verbindung zu uns wa!“ „Gib ihm doch mal den Zettel zum Ausfüllen!“ „Meinste wirklich?“ „Ja!“ „Aber ick hab nur noch janz wenige...“ (Ich saß die ganze Zeit direkt daneben, kein Spaß!)


„Najut, hier, nehmen se mal den Zettel hier und füllen det aus. Da hinten is n Stuhl und n Tisch!“ Nachdem ich den Zettel ausgefüllt habe (Telefonnummer, Gehaltsvorstellung, ob ich rauche, welchen Sport ich mache, wann mein nächster Urlaub geplant ist...), bringe ich ihn zurück. Die Frau schaut ihn sich an.

 
„Vorhin war och schon einer da. Mit dem haben wir nen Probearbeiten ausgemacht... Hmm, wenn Sie Weihnachten immer nach Schwaben fahren, det is doof, da is hier doch och uff! Da muss der Vollzeitgrusler och immer da sein!“ Naja, sage ich, bisher hatte ich ja auch keine Arbeit. Klar,dass ich da Weihnachten nach Schwaben gefahren bin...


„Najut, wir machen det Probearbeiten mit dem anderen, und wenn det nüscht is dann rufe ich Sie an. Oder Sie rufen mich an. Jetz könnense gehen. Sie sollen ja nich übernachten hier. Da hinten geht’s raus!“
Draußen reibe ich mir erstmal die Augen. Nein, das war kein Traum. Das war ein Vorstellungsgespräch à la Berlin. 


Hab übrigens ein Probearbeiten am Freitag...

 

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