Starke Frauen

Auf Augenhöhe mit Kindern

Vor 100 Jahren eröffnete Maria Montessori ihr erstes Kinderhaus – das „Casa dei bambini“ in Rom. Seitdem hat die Pädagogik dieser italienischen Ärztin weltweit Schule gemacht. Und eine gute dazu! Denn Kinder lernen besser von sich aus, wie unlängst auch eine Studie von US-Psychologen bestätigte.

Von: Gabriela Häfner, Fotos: wikipedia.com und stock.xchng

vom 02.03.07

Die Welt der Erwachsenen – das Maß aller Dinge? Gegen diese Sichtweise ihrer Zeit erhob Maria Montessori Einspruch: Kinder würden nicht groß, indem sie sich nach der Decke streckten. Vielmehr müssten Eltern und Erzieher ihnen entgegenkommen und sich auf Augenhöhe begeben – mit der Neugierde, den Fähigkeiten und den Bedürfnissen der Kleineren.

 

Eine Pädagogik, die das Kind, sein Wesen und seine Möglichkeiten, sich zu entwickeln, in den Mittelpunkt stellt – das war es, was Maria Montessori ihrer Zeit abverlangen wollte. Was damals revolutionär war, ist mittlerweile hier und da ganz gut angekommen. Sowohl die Grundschulpädagogik als auch mancher Kindergartenalltag haben davon profitiert, was damals an neuen Erziehungsmethoden auf den Weg gebracht wurde. Und in der heutigen Erziehungslandschaft sind Montessori-Einrichtungen erfolgreich etabliert – mit allein rund 600 Kindertagesstätten und ca. 300 Grundschulen hierzulande, daneben zumindest einigen weiterführenden Schulen.  

 

Dennoch: An Aktualität hat Maria Montessoris reformpädagogisches Konzept deshalb noch lange nicht verloren. Denn seit den Pisa-Studien herrscht Verunsicherung, ob unsere Sprösslinge denn auch wirklich gut aufgehoben sind in einem normalen Schulalltag, der immer noch viel zu sehr über einen Kamm schert, der Kindern nicht zugesteht, sich in ihren Entwicklungen zu unterscheiden und der viele, die nicht Schritt halten können, kurzerhand abhängt.

 

Wo das konventionelle Schul- und Bildungssystem jedenfalls gerade in einer Krise scheint, ist Montessori-Pädagogik ausgesprochen „in“. Leiter von Montessori-Einrichtungen, ob Kindergärten oder Schulen, frohlocken: Nachfrage und Zulauf seien enorm. Nicht zufällig. Denn Montessori-Pädagogik kann für sich werben. Während andere schlechte Noten ausstellen, scheint man hier nicht abzubringen vom Glauben daran, dass Kinder lernen wollen und können - und zwar alle Kinder!

 

Kinder hätten von sich aus einen Drang, voranzukommen, ob laufend oder lesend. Davon war schon Maria Montessori überzeugt, wenn auch zunächst gar nicht einmal in der Rolle einer Pädagogin.

 

Zu ihren Forschungsstudien über die kindliche Psyche und Entwicklung gelangte sie nämlich als Ärztin. Sie hatte Medizin studiert, als eine der allerersten Frauen ihres Landes. Und sie hatte es zu einer Promotion gebracht, unter entsprechend schwierigen Umständen. Gerade einmal 26-jährig trat sie dann im Jahr 1896 ihre erste Stelle an und wurde Assistenzärztin in einer psychiatrischen Klinik in Rom, wo sie mit geistig behinderten Kindern arbeitete und dabei erschütternde Erfahrungen machte: Denn obwohl die Gesellschaft diese Kinder als „schwachsinnig“ bereits abgeschrieben hatte, musste Maria Montessori feststellen, dass es vor allem an einer adäquaten Förderung fehlte. Mit einer solchen nämlich konnten die Zöglinge Montessoris dann plötzlich doch erstaunlich viel. Manche lernten rechnen und lesen, manche konnten mit der Zeit sogar eine öffentliche Schule besuchen – und dort teilweise besser abschneiden als so mancher Altersgenosse. Was nachdenklich stimmte.

 

„Während alle die Fortschritte meiner Idioten bewunderten, machte ich mir Gedanken über die Gründe, aus denen glückliche und gesunde Kinder in den gewöhnlichen Schulen auf so niedrigem Niveau gehalten wurden, dass sie bei Intelligenz-Prüfungen von jenen unglücklichen Schülern eingeholt wurden", so kommentierte Maria Montessori schließlich, und der Seitenhieb auf den normalen Schulbetrieb der damaligen Zeit war nicht zu überhören.

 

Einen kleinen Hieb von Seiten der Montessori-Pädagogik musste das konventionelle Schulsystem unserer Tage denn auch gerade wieder im vergangenen Herbst hinnehmen. Das Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlichte die Ergebnisse einer amerikanischen Studie, die den Vergleich gewagt hatte: Forscher wollten herausfinden, wo Kinder besser lernen können – in Kindergärten und Schulen, in denen Montessori-Pädagogik zum Zuge kommt, oder in herkömmlichen Bildungseinrichtungen. Die Ergebnisse räumten mit vielem auf, was Kritiker gegen die Montessori-Methode einzuwenden haben. Eine „Kuschelpädagogik“, die Kinder vor Leistungsdruck bewahren möchte und sie so nicht gut vorbereitet auf das, was die Gesellschaft ihnen später dennoch abfordern wird? Von wegen.

 

„Wir haben uns in der Studie mit Vorschulkindern im Alter zwischen drei und sechs Jahren und mit Grundschülern im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren befasst. Getestet wurden sowohl kognitive wie soziale Fähigkeiten. Die Montessori-Schüler schnitten dabei deutlich besser ab", so präsentierte Angeline Lillard, Psychologin an der University of Virginia in Charlottesville und eine der Leiterinnen der Studie, die Ergebnisse in einem Interview mit dem Wochenmagazin Die Zeit. Getestet wurden Kinder aus sozial vergleichbaren Familien, die sich allesamt um einen Platz in einer Montessori-Einrichtung beworben hatten, dann aber per Losverfahren unterschiedlich verteilt wurden.   

 

Der Vorsprung, den die Montessori-Kinder zeigten, machte sich dabei so bemerkbar: Am Ende der Kindergartenzeit schnitten sie deutlich besser im Lesen und Rechnen ab. Am Ende der Grundschulzeit schrieben sie kreativere Aufsätze und konnten mit komplexeren Satzstrukturen umgehen. Am meisten fielen die Unterschiede zwischen den getesteten Kindern aber da ins Gewicht, wo es um soziale Kompetenzen ging: „Montessori-Kinder suchen öfter nach positiven Lösungen von Problemen und bewerten auch die Gemeinschaft in der Schule viel positiver. Schon die Kleinen versuchen, Konflikte friedlich beizulegen. Wenn etwa ein Kind sich weigert, eine Schaukel freiwillig zu räumen, versuchen 43 Prozent der Montessori-Kinder, das Problem durch Argumentieren und Überzeugen zu lösen, während bei den anderen Kindern nur 18 Prozent dazu bereit sind“, so erklärt Angeline Lillard.

 

Das Geheimnis, das zu diesen Ergebnissen führt? Es ist längst ein offenes und in den ganz anderen Lernmethoden zu finden, mit denen Kinder in der Montessori-Pädagogik gefördert werden. Notenvergleiche, Frontalunterricht und Wissensvermittlung in einem 45-minütigen Takt von Schulstunden – Vorgehensweisen, von denen man hier gar nichts hält. Stattdessen werden Kinder hier angehalten, zu einem eigenen Arbeitsrhythmus zu finden, sich Lernziele selbst zu stecken und sie etwa in eigens hierfür angelegten Arbeitsbüchern immer wieder zu überprüfen. Die Arbeit in altersgemischten Gruppen zählt hier viel, ältere Kinder agieren als Paten für die Jüngeren, und wo Lernstoff erobert werden soll, geschieht dies häufig in Projektarbeit, die Fächer und Schulstunden übergreifend organisiert wird.

 

Die Rolle des Erziehers? Für Montessori-Vertreter besteht sie darin, ein didaktisches Umfeld zu schaffen, das Kinder bestätigt, wo diese sich Dinge aneignen wollen – im eigenen Tempo, mit Freude am Lernen und vor allem auch selbstständig. „Hilf mir, es selbst zu tun!“ Diesen Satz bekam Maria Montessori einst von einem ihrer Schützlinge zu hören – und er sollte zum Leitmotto einer pädagogischen Reformbewegung werden, deren weltweite Gemeinde gerade in diesem Jahr ein Jubiläum zu feiern hat.

 

Hundert Jahre ist es her, dass das erste Kinderhaus, das nach der Montessori-Methode arbeitete, gegründet wurde. Am 6. Januar 1907 öffnete das „Casa dei bambini“ im römischen Stadtteil San Lorenzo, einem Armenviertel, seine Türen – mit Maria Montessori als Leiterin und für Kinder, die aus sozial schwachen Familien stammten. Maria Montessori hatte mittlerweile ihre Forschungsarbeiten ausgedehnt, mit anthropologischen und philosophischen Studien nachgelegt, und dieses Kinderhaus sollte ihr erstes „Labor“ werden, in dem vieles erprobt wurde, was heute mit dem Namen dieser Frau in Verbindung gebracht wird. Ob Spielsachen, Spielmethoden oder auch die typischen kindgerechten Einrichtungsideen, mit denen in Montessori-Stätten auch räumlich-konkret auf Augenhöhe mit Kindern gegangen wird.

 

 

Ob Maria Montessori sich freuen würde über die Aufmerksamkeit, die ihrem Lebenswerk gerade wieder verstärkt zukommt? Vielleicht nicht ohne Einschränkung. Denn der Besuch einer Montessori-Schule kostet einiges an Geld. Und was Maria Montessori wollte, war nicht eine pädagogische Nische, in die flüchtet, wer kein Vertrauen mehr in das öffentliche Schulsystem hat – und sich diese Flucht auch leisten kann.

 

Maria Montessoris Engagement galt vielmehr Zeit ihres Lebens den ärmsten und schwächsten unter den Kindern. Und in diesem Sinne wohl eher einer guten Schule – für alle!