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Aus der Reihe tanzend

Vorzeigefigur und ein Querkopf zugleich: Gret Palucca bereitete dem modernen Tanz den Weg. Nun ist eine Biographie erschienen, die erstmals auch den privaten Briefwechsel der streitbaren Individualistin berücksichtigt.

Gret Palucca (1902 – 1993), eigentlich Margarete Paluka, gilt als Revolutionärin des modernen Tanzes: Schon als Kind hatte sie einen enormen Bewegungsdrang, den sie später auf Wunsch ihrer Eltern in einer klassischen Ballettausbildung kanalisieren sollte. Doch die junge Gret fand Spitzentanz lächerlich und wollte auf keinen Fall „hübsch und lieblich“ tanzen.

 

Sie wurde in Mary Wigmans Schule für modernen Tanz aufgenommen und fand dort zu dem freien Ausdruck, den sie im Ballett vergeblich suchte – doch Palucca, wie sie sich später nennen sollte, konnte sich schlecht in Gruppen einfügen, und das erwartete selbst die avantgardistische Wigman. Nach einem spontanen, ungeplanten Sprung während einer Aufführung flog Palucca aus Wigmans Ensemble, womit der Beginn einer fast lebenslangen Konkurrentinnen- und Feindschaft besiegelt war (kurz vor Wigmans Tod versöhnten sich die beiden wieder). Paluccas Motto, das auch für ihre Schüler galt, hieß, „Warum tanzt ihr? Weil ihr sonst sterben würdet!“

 

Susanne Beyer, Kulturredakteurin des Spiegel, zeichnet ein detailreiches und lebensnahes Bild der streitbaren Individualistin Gret Palucca und macht ihre Biografie auch für Tanz-Laien interessant: Beyer beschreibt Paluccas Werdegang stets vor dem Hintergrund der Geschichte, widmet sich ausgiebig Paluccas Freundeskreis, zu dem Künstler wie Paul Klee und László Moholy-Nagy gehörten, und berichtet ausführlich über ihre Rolle im Dritten Reich: Palucca gehörte nämlich anfangs zu den Lieblingen des Reichskulturministers Joseph Goebbels, der dafür sorgte, dass sie bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin tanzte, sie galt als „deutscheste Tänzerin“.

 

Wenig später fiel sie in Ungnade, es stellte sich heraus, dass sie beim Ariertest gelogen und die jüdische Herkunft ihrer Mutter verleugnet hatte – als „Halbjüdin“ durfte sie zwar noch öffentlich auftreten, musste aber ihre seit 1925 bestehende Tanzschule schließen. Beyers akribische Recherche (Paluccas privater Briefwechsel durfte erst ab 2003 öffentlich eingesehen werden) ergab, dass Palucca sich auf oft erstaunliche Weise mit den Gegebenheiten arrangierte: So verstieß sie zu Beginn der Nazizeit einen jüdischen Künstleragenten mit der Begründung, dass er doch verstehen müsse, dass sie unter den „derzeitigen Umständen“ nicht mehr mit ihm arbeiten könne, wolle sie nicht ihre Karriere aufs Spiel setzen. Wenig später, selbst als Jüdin stigmatisiert, schrieb sie flammende Briefe an Ämter, um zu ihrem Recht zu kommen und ihre Schule zu retten.

 

Auch im Privatleben fand Palucca stets einen Weg zu tun, was ihr beliebte und sich dennoch ihre Freunde gewogen zu halten: Mit ihren Ex-Männern pflegte sie auch nach den Trennungen engen Kontakt, befand sich selbst oft in der Rolle der Geliebten und pflegte im fortgeschrittenen Alter eine offene Dreierbeziehung mit zwei Frauen. Nach dem Krieg blieb Palucca in ihrem heißgeliebten Dresden und eröffnete ihre Tanzschule neu: Bis zu ihrem Tod blieb sie der DDR ein Stachel im Fleisch – sie beschwerte sich unermüdlich über ungeheizte Räume, Geldmangel und klagte sogar ein Auto mit Chauffeur und ein Grundstück auf Hiddensee ein.

 

Da es sich die DDR angesichts verheerender Fluchtbewegungen in Richtung Westen nicht leisten konnte, angesehene KünstlerInnen gehen zu lassen, bekam die beharrlich mit ihrer Ausreise nach Westdeutschland drohende Palucca jeden Wunsch erfüllt.

 

Susanne Beyers Gret Palucca ist beileibe keine Sympathieträgerin – ihre Bedeutung für Tanz und Kunst im 20. Jahrhundert allerdings ist unbestritten.

 

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Christina Mohr arbeitet beim Campus Verlag in Frankfurt. Nach Feierabend ist sie Musikredakteurin des Online-Kulturmagazins satt.org, rezensiert Platten und Bücher, gelegentlich auch für andere Websites wie melodiva.de, titel-magazin.de und Zeitschriften wie Missy Magazine. Der hier veröffentlichte Text erschien zuerst auf der Seite von satt.org, wir danken ganz herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung!

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