Women only

Auto Fahr Erlaubnis

Nu hab ich's: den Fläppen, den Lappen, die Pappe, die Fahrerlaubnis, den Führerschein. Den Führerinnenschein?

Von: La Lotte

vom 21.01.08

Es war ein langer Weg. Ich bin nicht mehr die Allerjüngste. Ich bin eine Frau. Ich wollte auch Auto fahren können. Frei sein, ungebunden, den Mantel im Auto lassen können und dann in den Supermarkt gehen. Ich hatte eine Summe Geld. Soviel, wie gesagt wurde, dass eine braucht, um einen Führerschein zu machen. Ich wohne im Land Brandenburg, vor den Toren Berlins, und das freute mich mächtig. Dachte ich doch, auf die lockere Art und Weise Auto fahren lernen zu können. Ein bisschen in der kleinen Kreisstadt, ansonsten schön immer die Landstraßen hoch und runter. Kein Vergleich zum Moloch Berlin. Ich suchte mir eine der vielen Fahrschulen aus, absolvierte die Theorie und begann die praktischen Fahrstunden. Der Fahrlehrer war ein kleiner Mann (ich bin eher eine große Frau). Er ließ mich losfahren und brüllte mich an.

Ich versuchte es auf die Kumpelhafte. Ich versuchte es auf die Mädchenhafte. Die Verständnisvolle, die Nüchterne, die Wissbegierige. Ich versuchte es auf allerlei Art und Weise, ihn mir gewogen zu machen. Er brüllte weiter. Oder ließ mich am Straßenrand anhalten und begann mich zu rügen. Er verstünde nicht, wie ich nur dies und das und dies und jenes falsch machen könne. Die Stunden im jeweiligen Doppelpack, teuer bezahlt, rannen dahin. Mein Geld rannte hinterher. Als fast nix mehr da war davon, machte ich erstmal eine Pause. Begann mich umzuhören nach einem „lieben“ Fahrlehrer und verdrängte das Thema für eine Weile. Man hat ja immer irgendwas Wichtigeres zu tun, wenn man nur will.

Dann schien ich ihn gefunden zu haben. Einen lieben Opa, der mich nicht mehr anbrüllte und voller Verständnis war. Die Stunden und das Geld gingen ins Land. Eigentlich war alles gut, aber... dieses unausgegorene kleine, innere „aber“, veranlasste mich, eine Freundin zu fragen, ob ich mal mit ihr privat üben dürfte. Ich hab ihr Auto nicht einmal starten können. Es ging mir dauernd aus. Ich konnte nicht lenken, nicht wenden, nicht schalten, nicht rückwärts fahren. Ich konnte nix. Wie konnte das sein? War ich nicht die Landstraßen hoch und runter gebraust? Hatte mich schon als fast perfekte Fahrerin gefühlt?

Des Rätsels Lösung war, dass der liebe Opa mitgefahren war. FahrlererInnen haben auf ihrer, d.h. der Beifahrerseite, die gleichen Pedale wie die FahrerIn – für den Notfall und auch für ein Lernen nach und nach. Nach wie langer Zeit hätte er mich wohl allein fahren lassen? In all den Monaten hatte er jedenfalls stets mit gestartet, gekuppelt, Gas gegeben, ins Lenkrad gefasst.

Jetzt kam die Zeit der Qual. Das heißt, ich quälte alle meine FreundInnen, die Auto fahren konnten. Ich schleppte sie und ihre Autos zu einem Fahrübungsplatz und erlernte den grundlegenden Umgang mit einer Auto-Maschine. Ich verschliss vier Freundinnen und einen Freund, setzte einige Autos außer Kraft, bekam aber langsam wieder Mut. Meine Panik vor dem Schalten vom 1. in den 2. Gang schwand und heißa, ich schaffte es mitunter sogar in den 4.! Leider kam da dann immer der Zaun des Fahrübungsplatzes ... Aber immer ging ich mit dem Gefühl: Heute haste das, heute dies gelernt.

Nun war ich bereit. Ich buchte eine neue Stunde beim Opa, und erntete von ihm nur ein müdes Lächeln über meine neu erworbenen Fahrkünste. Die Stunde war vorbei und da war es wieder, das altbekannte Gefühl: Heute hab ich nix gelernt. Ich war verzweifelt. Mutlos. Mir war klar: Ich bin zur Autofahrerin nicht geboren.

Da riet mir eine meiner tapferen Freundinnen zur Frau. Zur wissenden Frau, zur erprobten Frau. Mit echten Berliner Wassern gewaschenen Frau. Ja, war ich denn blöd? Hatte ich dafür den ganzen Krampf über mich ergehen lassen, um nun doch im Moloch zu landen? In Berlin die Prüfung machen zu müssen statt im netten Kreisstädtchen. Die eine größere Kreuzung dort versetzte mich schon in Angst und Schrecken. In Berlin gab es davon Tausende, eine anders als die andere, verrückte, hupende Autofahrer, Verkehrschaos, diverse verschiedene Ampeln, Straßenbahnen, Busspuren, riesige Kreisverkehre mit unzähligen, unverständlichen Linien und Pfeilen. Und es gab vor allem eins: Stapelweise andere Autos.  Nee. So blöd... Aber wollte ich denn immer nur Landstraße fahren? Würde ich mich jemals nach Berlin oder in eine andere Großstadt trauen? War es nicht besser, dort Auto fahren zu lernen, wo sich alles anbot, was später Realität sein würde?

Ich rief die empfohlene Frauenfahrschule in Berlin an. Eine nette Stimme. Hörte sich mein Gejammer an und versprach mit der Chefin und Fahrlehrerin zu sprechen. Schon nach diesem Gespräch fühlte ich mich wie ein neuer Mensch. Am nächsten Tag rief mich dann die Chefin an, und eine neue Ära des Autofahren-Lernens begann.

Alles war anders. Nun hatte es was mit wirklichem Lernen zu tun, mit Partnerschaftlichkeit, Verständnis, koordinierten Lernschritten, fundierten Erklärungen. Ich wusste nach jeder Lehrstunde, was ich gelernt hatte. Ich lernte intuitiv und bewusst. Die Fehler, die ich machte, wurden nicht vertuscht oder als Versagen bewertet. Sie waren das, was sie sein sollten: Schritte, mir bewusst zu machen, was ich besser machen kann.

Autofahren ist in der Tat keine leichte Sache. Der Umstand, dass so viele es (oftmals so schlecht) können, täuscht über diese Tatsache hinweg. Auto fahren in einer Großstadt ist ein unglaublich komplexes Gebilde aus Kenntnis, Erfahrung, Intuition, ins unbewusste verlagertes Wissen und bewusste und unbewusste Körperkoordination. Es hat viel mit Raum und Zeit zu tun und damit, immer im Hier und Jetzt sein zu können. Es hat was mit Rücksichtnahme, Selbstwertgefühl und Toleranz zu tun. Es ist ein gefährliches Spiel, und wir sollten es gut lernen. Es ist ein schönes Spiel, und wir sind schön dumm, uns in der Ausbildung Ängste und Minderwertigkeiten einpflanzen zu lassen. Diese im Alleingang dann wieder loszuwerden, ist sehr schwer, wie wir ja aus anderen Lebensbereichen wissen.

Auto fahren lernen ist teuer. Überall. Die Preisunterschiede sind regional begründet, mehr aber noch mit dem Versuch, ein Schnäppchen vorzugaukeln. Vielleicht gelingt es einem 18-jährigen, der, seit er 11 ist, mit seinen Kumpels übern Acker fährt, die Fahrstunden und damit das Geld auf einen Bruchteil von dem zu reduzieren, was es eigentlich kostet. Wenn eine dies als Maßstab nimmt, setzt sie sich nur unter Druck.

Und so blöd, wie es is: Es stimmt, wenn wir älter werden, wird Autofahren-Lernen nicht leichter. Wir sind es nicht mehr gewohnt, uns was vorschreiben zu lassen. Unsere Ängste sind größer, weil wir die Gefahren besser erkennen können. Das heißt aber auch, dass, wenn wir es dann erlernen, möglicherweise die besseren Autofahrerinnen werden. Fazit: plant eher mehr als weniger Geld und Zeit ein, dass erleichtert die Ausbildung.

Ach, übrigens: Ich wills ja noch nicht ganz glauben, aber meine Fahrlehrerin meint, ich wäre kein schwieriger Fall gewesen. Sie hätte mir nur erstmal die ganzen Ängste und Unsinnigkeiten wieder abgewöhnen müssen...

Ich denke: ein Naturtalent bin ich nicht gewesen. Und jetzt muss ich ganz allein der rauen Wirklichkeit die Stirn bieten. Aber ich habe gute Grundlagen. Lasse mich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Nochnichmal in der Badstraße in Berlin. Und das will was heißen. Ich habe viel gelernt. Nicht nur das Autofahren.

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Der Text stammt von der Berliner „Seelenkomödiantin“ „La Lotte“. Lotte, die mit bürgerlichem Namen Anke Loettel heißt, ist über Umwege zur One-Woman-Show gekommen.
Nachdem sie die Pantomime bei Ladislav Fialka in Prag gelernt hatte, machte sie schon zu DDR-Zeiten „Freies Theater“, das man natürlich damals nicht so nennen durfte. Nach der Wende studierte sie Schauspiel, arbeitete erst als freie Regisseurin und Schauspielerin und später als Coach in einer von Frauen geführten Unternehmensberatung. Seit ein paar Jahren lebt sie vor den Toren Berlins und findet so inmitten der Natur Zeit und Muße, ihre eigenen Stücke zu schreiben.
Als eine Mischung aus Marcel Marceau und Marlene Jaschke tritt sie auf privaten Feiern und auf Berliner Kleinkunstbühnen auf. Dabei wechselt sie unter dem effektvollen Einsatz von “Musik und vielerlei Geräusch“ mühelos zwischen Komödiantischem und ruhigen, tiefergründigen Szenen.

Zum Führerschein fand La Lotte unter anderem durch eine Frauenfahrschule in der Berliner "WeiberWirtschaft", einem Gründerinnen- und Unternehmerinnenzentrum in Berlin-Mitte, das seit 1989 Frauen auf ihrem Weg in die wirtschaftliche Selbständigkeit fördert.

Im Frühjahr 2008 wird es wieder öffentliche Auftritte La Lottes geben, die rechtzeitig auf der Website www.la-lotte.de angekündigt werden.

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Fotonachweise:

1. Zeichnung, Copyright: La Lotte
2. Sander ter Braak (via stock.xchng)
3. Benjamin Earwicker (via stock.xchng)
4. klammerfranz (via photocase.com)