Fürs Auge

Balthus? Wer ist eigentlich Balthus?

Unschuld und Skandal liegen in seinen Bildern dicht beieinander. Balthus war ein Provokateur der Kunstwelt. Nun sind die Werke des französischen Malers zum ersten Mal in Deutschland in einer Einzelausstellung zu erleben. Das Museum Ludwig in Köln zeigt Gemälde und Zeichnungen aus den Jahren 1932 bis 1960.

Von: Anke von Heyl

vom 24.10.07

 

Warum lieben wir die Künstler besonders, deren Biographie uns seltsam verschleiert und geheimnisvoll scheint? Wohl weil die Kunst in den Bereich der Phantasie gehört und je mehr Geschichten sich im Kopfkino abspielen können, umso mehr lassen wir uns auf sie ein. Es gibt zahlreiche Künstler, die nicht unbedingt bekannt sind, aber durch das Mysteriöse, das sie umgibt, ganz spontan gefangen nehmen. Zu ihnen gehören die Brüder Balthazar und Pierre Klossowski, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine spannende Intellektuellen-Familie hineingeboren wurden.

Beide starben im Jahre 2001 innerhalb weniger Wochen.

 

Während Pierre (geb.1905) stärker in die literarische Richtung einschlug - er war lange Zeit der Privatsekretär von André Gide -zog es den jüngeren Bruder (geb.1908) zur bildenden Kunst. Wir kennen ihn heute unter dem Namen Balthus.

 

Der Vater war der Kunsthistoriker Erich Klossowski. Es gibt Quellen, die behaupten, dass dieser aus einer alten polnischen Adelsfamilie stammt. Sein Sohn Balthazar sollte sich deshalb später Graf Balthazar Klossowski de Rola nennen.  Die Beziehung zum Vater scheint übrigens nicht die beste gewesen zu sein.

Nach der Trennung der Eltern im Jahre 1917 gab es kaum noch Kontakt zwischen Vater und Söhnen. Erich Klossowski zog nach Sanary sur Mer und gehörte zu dem Künstlerkreis, der sich in den Nachkriegsjahren dort zusammengefunden hatte. Er pflegte eine enge Freundschaft zu Aldous Huxley. Nachdem der Vater gestorben war, stahl sich Balthazar mit einer Mönchskutte verkleidet zum Grab.

 

Überhaupt scheint die Geschichte der Familie viel dazu beigetragen haben, dass beide Sprösslinge zu herausragenden Künstlern wurden, aber auch seltsame Zeitgenossen, die mit ihren Bildern immer wieder Aufsehen erregten. Sicher spielte eine große Rolle, dass die frühen Jahre in der Pariser Avantgarde sie stark prägten, die Freiheit des Geistes dort, der Umgang mit Persönlichkeiten , wie Pierre Bonnard, André Derain oder auch Maurice Denis. Doch die jähe Zäsur durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die Trennung der Eltern dürfte bei den Jungen eine nachhaltige Erschütterung bewirkt haben.

 

Die Mutter, eine begabte Malerin, machte sich mit den Söhnen alleine auf in die Schweiz. Eine tiefe Freundschaft zu Rainer Maria Rilke, die schon in Paris begonnen hatte, wurde intensiver, und schließlich wurde sie, die Mutter Balthazars, die letzte große Liebe des Frauenhelden und  schwer an Leukämie erkrankten Dichters. Rilkes Einfluss auf die kleine Familie war enorm. Besonders Balthazar hatte es ihm angetan. Er erkannte und förderte sein Talent. 1922 zog Baladine, wie sich die Mutter als Malerin nannte, mit ihren Söhnen nach Berlin, wo die Avantgarde am stärksten in Bewegung war, dann 1924 aber wieder nach Paris zurück. Unruhige Zeiten, die bald noch schwieriger werden sollten, prägten die Heranwachsenden.
 

 

So weit die wenigen biographischen Angaben, die Balthus von sich preisgab bzw. die sich heute mühsam recherchieren lassen. Denn die Sperrigkeit, mit der sich Balthus in Schweigen hüllte, wenn es um seine Wurzeln, die Einflüsse auf seine Kunst und die Inhalte seiner Bilder ging, war eine bewusste Verweigerung – vermutlich gegen eine Vereinnahmung durch den Kunstbetrieb gerichtet. Balthus muss ein zuweilen recht unfreundlicher Zeitgenosse gewesen sein, der im gleichen Moment allerdings auch wieder entzückend und liebreizend auftreten konnte. Eine recht gespaltene Persönlichkeit eben, deren Hauptthema – die Darstellung heranwachsender junger Mädchen – immer wieder auch für Irritationen gesorgt hat. Er selber hat natürlich vehement verneint, dass seine Bilder in irgendeiner Weise einen erotischen Hintergrund hätten. Vielmehr gehe es ihm lediglich um formale Gestaltungen.  

 

Solche Behauptungen bei den wirklich offen zutage tretenden erotischen Bezügen in den Bildern haben immer schon fadenscheinig gewirkt. Selbstverständlich gab es einen beträchtlichen Skandal, als Balthus 1934 in der Galerie Pierre in Paris erstmals Werke öffentlich ausstellte. Und selbstverständlich war dieser Skandal berechnet und bewusst in Kauf genommen worden. Und heute? Da pilgern die Besucher voller Begeisterung zu der ersten Einzelausstellung der Balthusschen Bilder ins Kölner Museum Ludwig, loben die wunderbar komponierten Perspektiven und die interessant leuchtenden Farben. Kaum einer aber regt sich noch über den problematischen Blickwinkel auf die sich räkelnden Kindfrauen auf. 

 

Zu Recht oder nicht? Tatsächlich ist beides in Balthus’ Werken zu finden: die Faszination einer stillen Realität und die Aufregung eines problematischen Blicks, bei dem man sich ruhig trauen sollte, ihn voyeuristisch zu nennen!!
 

 

 

Fangen wir etwa mit dem berühmten Bild „La Rue“ an, das sogar korrigiert worden war: Balthus hatte darin ein Motiv nachträglich noch geändert, das nur allzu deutlich als Provokation verstanden werden musste. Der Mann, der das Mädchen mit den weißen Söckchen umfängt, langte diesem in einer früheren Fassung noch ungeniert unter den Rock! Aber nicht nur das Motiv verstört hier, sondern auch Form und Ästhetik haben etwas Irritierendes.

 

Balthus hat hier seinen Stil eines entfremdeten Realismus mit puppenhaft-flächigen Figuren manifestiert. Die Straßenszene wirkt beunruhigend eingefroren und stilisiert. Kein Leben pulsiert hier, und die Protagonisten scheinen in ihren Gedanken, Träumen und Phantasien gefangen zu sein. Balthus war eigentlich Autodidakt, allerdings hatte er geradezu pedantisch die alten Meister studiert und von ihnen gelernt – durch Kopieren. Besonders begeistert war er von den Nicolas Poussin, der in seinen Bildern auch eine sphärische Atmosphäre schaffen konnte. Daneben interessierte ihn die spezielle Technik italienischer Freskomalerei der Renaissance, hier besonders Piero della Francesca.

 

 

 

Die junge Nachbarstochter Thérèse hat Balthus mehrfach Modell gestanden und gibt vielen seiner Kritiker Nahrung, indem sie offensichtlich nicht kindlich-fröhlich auf den Bildern aussieht. Die immer wiederangeführten Interpretationen von einer gewissen Selbstvergessenheit der von Balthus gemalten Mädchen – als  Selbstbestimmtheit gedeutet – mögen hier nicht so greifen, wie sie vielleicht bei anderen Bildern denkbar wären. Die Unbehaglichkeit des Betrachters ist hier besonders groß, weil er in den voyeuristischen Blick hineingezwungen wird. Er schaut dem Mädchen direkt zwischen die gespreizten Beine, und darunter leckt eine Katze – wie wir wissen, das Alter-Ego des Künstlers – ein Schälchen Milch aus.

 

Auch wenn Balthus das erotische Interesse an den Modellen verneinte, so bringt doch auch die eigene Biographie den Maler in den Verdacht der Lüge. Denn die erste Frau ,Antoinette de Watteville, war gerade 16 Jahre alt, als Balthus sie kennen- lernte. Sie widerstand ganze neun Jahre seinem drängenden Werben, ehe sie ihn 1937 erhörte. Später gibt es einige Beziehungen zu ebenfalls 16-Jährigen, die in der Biographie des Künstlers gerne mit der großen Liebe zu seiner ersten Frau erklärt werden.

 

 

 

 

Das im Hochzeitsjahr entstandene Bild setzte Antoinette ein Denkmal und drückt eine durchaus surrealistisch-psychologisch gefärbte Traumsequenz aus. Fast scheint es so, als ob der Künstler Erlebnisse aus einer Zwischenwelt auf die Leinwand bringt.  Auch wenn er es nicht gerne sah, mit den Surrealisten in eine Schublade gesteckt zu werden, so ist doch die Darstellung des Unbewussten, die Hinwendung zur Psychologie in den Bildern offensichtlich vorhanden.

 

Die Provokation der „schuldigen Blicke“, die Geheimnisse um seine Person und die Faszination einer außergewöhnlichen Malerei machen Balthus zu einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, der weit in die Moderne hinein gewirkt hat. Künstler ,wie der Berufsprovokateur Jonathan Meese oder der Neo(!)-Realist Rauch ,reflektieren ihn heute, und mit der Kölner Ausstellung scheint auch ein Anfang für die breite Rezeption von Balthus gemacht.

Ein Weg, der sich zwischen kritischer Bewertung der Hintergründe des Malers und neutraler Auseinandersetzung mit seiner Ästhetik bewegen sollte.

 

Ausstellung im Museum Ludwig in Köln:
"Bathus - Aufgehobene Zeit. Gemälde und Zeichnungen 1932 bis 1960"
Laufzeit: noch bis zum 4. November 2007

 

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Anke von Heyl lebt als Kunsthistorikerin in Köln und schreibt regelmäßig über kulturelle Ereignisse, die aufhorchen lassen - sowohl in ihrem Weblog "kulturtussi.de" als auch für MissTilly.

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Bildnachweise:

 

1. Balthus: "La Patience", 1943.
Öl auf Leinwand, 161.3 x 163.5 cm.
Joseph Winterbotham Collection, 1964.
© The Art Institute of Chicago/VG Bild-Kunst Bonn 2007

 
2. Buchcover: "Bathus: A biography" von Nicholas Fox Weber.
Verlag: Weidenfeld & Nicolson (1999).

 
3. Balthus: "La Rue" (Die Straße), 1933.
Öl auf Leinwand, 195 x 240 cm.
The Museum of Modern Art, New York.
© 2006. Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence / VG Bild-Kunst Bonn 2007.

 

4. Balthus: "Thérèse rêvant" (Träumende Thérèse).
Öl auf Leinwand, 150 x 130 cm.
© The Metropolitan Museum of Art/VG Bild-Kunst Bonn 2007, Photograph by Malcolm Varon, 1988

 

5. Balthus: "La Montagne" (Das Gebirge), 1937.
Öl auf Leinwand, 248,9 x 365,8 cm.
©The Metropolitan Museum of Art/ VG Bild-Kunst Bonn 2007