Wissenswertes

"Bei mir war das ganz anders"

Sie leben zwischen zwei Kulturen – und versuchen, das Beste aus beiden mitzunehmen. Junge muslimische Frauen und ihr Blick auf Elternhaus, das Kopftuch und so manchen Rollenzwang.

Sie sind die Töchter der ersten oder zweiten Generation muslimischer Einwanderer. Die Töchter von Vätern, die sich als Oberhaupt der Familie betrachten. Manche von ihnen tragen Kopftuch, andere blond gefärbte Haare. Was sie alle verbindet: Sie sind in Deutschland geboren. Sie wollen wie ihre deutschen Freundinnen leben, aber dabei Muslima bleiben können.

Das ist auch der Wunsch von Ebru Celik (alle Namen geändert, Anm. d. Red.). Im Leben der 15-Jährigen soll die Religion eine untergeordnete Rolle spielen. Das lernt sie von ihren Eltern. Ebru kennt von ihnen auch eine Ehe, in der die Rollen traditionell verteilt sind. Dass Hausarbeit Frauensache ist, glauben auch Ebrus zwei ältere Brüder: Während die zu Hause nur selten einen Finger krümmen, unterstützt die Realschülerin ihre Mutter täglich bei der Hausarbeit. „Das mache ich aber gerne“, erklärt sie. Immerhin will sie eines Tages einen eigenen Haushalt führen können, meint das Mädchen und schiebt sich die pfiffige Brille hoch.

Eigentlich wird Ebru von ihren Eltern sehr liberal erzogen. Zum Beispiel darf die Neuntklässlerin in der Woche bis 21 Uhr weg, bei Absprache auch länger. Ein Freund wäre kein Problem. Und: „Meine Eltern drängen mich, Abi zu machen. Sie sagen, ich solle die Möglichkeiten nutzen, die sie nicht hatten.“ Das hört auch Melike Savas oft von ihren Eltern. Melike sieht auf den ersten Blick streng muslimisch aus: Die 14-jährige Bremerin trägt seit zwei Jahren ein Kopftuch – freiwillig. Das habe sie zusammen mit Freundinnen entschieden, erklärt sie und zieht unter dem weißen Kopftuch einen MP3-Player hervor.

Sie sagt: „Die Kopftuch-Diskussion finde ich übrigens albern. Die Hauptsache ist doch, dass ein Mensch unter dem Tuch ist.“ Zwar trägt auch ihre Mutter ein Kopftuch, aber das hatte keinen Einfluss auf ihre Entscheidung. Vielmehr sei es ihr Glaube. Ebenso sei ihr freigestellt, was sie im Haushalt mache. Melike hilft mit. Was einen Freund betrifft, ist sich die 14-Jährige unschlüssig. „Ich glaube, ich könnte es meinen Eltern sagen, aber ich würde es nicht.“

Ayse Akdogan dagegen hat Probleme mit ihrer Familie. Auf der Stirn der 19-Jährigen haben sich zwei tiefe Falten eingegraben. Nervös zieht sie an ihrer Zigarette. „Mit fünf Jahren passte ich auf meine Geschwister auf. Mit sieben konnte ich das Mittagessen für die ganze Familie kochen.“ Seit ihrer frühen Kindheit musste Ayse die Aufgaben ihrer Mutter übernehmen, denn die ging arbeiten. Da blieb nur wenig Zeit für Freundinnen und Kindsein. Als Ayse in die Pubertät kam, wurden die Regeln strenger. Sie durfte nur selten das Haus verlassen.

„Einmal kam ich zehn Minutenspäter von der Schule. Mein Vater verprügelte mich dafür.“ Mit 15 verliebte sich Ayse in einen deutschen Jungen. Als der Vater von der Romanze erfuhr, brachte er sie in die Türkei zur Großmutter. Hier bestand ihr Tag aus Hausarbeit und dem Studium des Koran. Doch den Eltern fehlte die älteste Tochter, und sie holten Ayse zurück. Wieder in Bremen, begann das Mädchen erneut, nach Freiheiten zu streben und ihr Vater, ihr zu drohen: Wenn sie die Familienehre beschmutze, sagte er, würde er ihr etwas antun. Asye floh in die Kriseneinrichtung des Bremer Mädchenhauses.

Mittlerweile hat sie eine eigene Wohnung und hält sporadischen Kontakt zu ihrer Familie. Immerhin: Sie weiß, dass sich ihr Vater verändert hat. Ihre jüngeren Geschwister genießen mehr Freiheiten. Die Geschichte von Ayse Akdogan lässt die 24-jährige Leyla Yilmaz erschaudern. Entsetzt sagt sie: „Bei mir war das ganz anders!“ Auch Leyla ist als Tochter eines muslimischen Ehepaars in Bremen aufgewachsen. Aber einen tyrannischen Vater, Ausgeh-Verbote oder Prügel kennt Leyla allenfalls aus Fernseh-Dramen. „Natürlich durfte ich einen Freund haben“, erklärt das Mädchen.

Jedoch, gibt Leyla zu bedenken, hatte sie immer nur einen türkischen Freund. Sie weiß nicht, wie ihre Eltern bei einem deutschen Jungen reagiert hätten. Die Religion und die Ehre spielen eine große Rolle im Leben eines muslimischen Mädchens, so Ruken Aytas. Sie arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Sozialarbeiterin im Mädchentreff Gewitterziegen in der Bremer Neustadt. Hier treffen sich viele muslimische Mädchen. Ruken Aytas: „Die Ehre wird bei den Moslems sehr hochgehalten. Ein Mädchen darf vor der Ehe keinen Geschlechtsverkehr haben. Nach wie vor ist der Mann der Patriarch in der muslimischen Familie.“ Darum werde im Mädchentreff viel über die Religion diskutiert, aber auch die Interkulturalität spiele eine große Rolle. Ruken Aytas meint, dass sich bei den jungen muslimischen Frauen eine neue Kultur etabliere. Sie würden aus beiden Kulturen das Beste mitnehmen.