Lesen

Beijing trifft East-London

Xiaolu Guos „Kleines Wörterbuch für Liebende“ ist ein ungewöhnliches Buch. Die charmant radebrechenden Aufzeichnungen einer jungen Chinesin während eines Sprachaufenthalts in England sind eine Mischung aus Tagebuch und Hunger nach Wissen und Erkenntnis.

Xiaolu Guo – diesen Namen sollte man sich einprägen. Und nicht nur, weil es die Autorin Xiaolu Guo am meisten nervt, wenn sich die Leute ihren Namen nicht merken können. Ihre Bücher hinterlassen Eindruck – so wie ihr „Kleines Wörterbuch für Liebende“, das alles nur nicht kitschig ist, auch wenn der Titel dies vielleicht manchen befürchten lässt. Mit präzisem Blick und akribischer Bestandsaufnahme beschreibt sie, wie die Chinesin Zhuang ein Jahr in London erlebt.

 

Zwischen Einsamkeit und (nur scheinbarer) Naivität offenbart sich die enorme Scharfsicht der Protagonistin Zhuang, die mit einem 20 Jahre älteren Engländer zusammenzieht und sich fragt: Wieviel Wahrheit liegt im Wortsinn selbst? Was sagt es über uns aus, welche Wörter wir in welcher Bedeutung benützen? Wer sich wie Zhuang mit einer fremden Sprache intensiv beschäftigt, geht damit unweigerlich der unterschiedlichen Natur von uns Menschen auf den Grund. Wenn zum Beispiel das Wort „Familie“ im Englischen laut Duden verwandt ist mit: „Angehöriger, Bande, Bund, Eltern, Kommune“, während im Chinesischen „Familie“ und „Heim“ dieselben Zeichen hat und zusätzlich auch „Haus“ bedeuten können.

 

Für uns Familie ist dasselbe wie Haus. .. Wenn man Zeichen schreibt, kann man spüren, wie sich Arme und Beine unter Dach bewegen. ..“.

 

Das macht das Buch so reizvoll. Indem es die sprachlichen Fortschritte sowie Schwierigkeiten einer Chinesin beim Erlernen der englischen Sprache begleitet, schenkt es dem Leser unerwartete und wunderschöne Einsichten darin, wie wir selbst in unserer modernen westlichen Welt heutzutage ticken.

 

In meine kleine Wörterbuch nicht stehen, was heißen „richtig“. In China wir nie denken an „korrektes Verhalten“, weil jede Verhalten korrekt.“

 

Es ist faszinierend, wie hier eine junge Frau aus China den Finger auf manche Verschrobenheiten und Eigenheiten unserer europäischen Kultur legt. Und eben weil Zhuang aus einem völlig fremden Kulturkreis stammt, erlaubt ihr das nicht nur eine schonungslose Analyse – die mitunter grundkomische Züge hat – dessen, was wir unter Dingen wie Partnerschaft, Freiheit, Nähe und Himmel verstehen, sondern auch, dass sich der Leser darauf einlässt, ihre so komplett andere Sichtweise als eine mögliche anzunehmen. Um was genau geht es eigentlich, wenn man liebt? Unsere Alltagsnormalitäten sind für sie häufig skurril, unmöglich oder abstoßend. Und wenn man diese mit ihrem Abstand, durch ihre Augen betrachtet, sieht man plötzlich warum.

 

Selbst wenn Sie keinen Geschlechtsverkehr planen, empfiehlt es sich, immer ein Kondom dabeizuhaben.

Immer ein Kondom dabeihaben? Heißt das, Leute in Westen können immer Sex haben? Wenn sie einkaufen oder auf Bus oder auf Zug warten? In diese Land Sex ist wie Haare bürsten oder Zähne putzen.“

(Als sie die Gebrauchsanweisung eines Kondoms liest.)

 

Es ist bewegend, wenn sie abwägt. „Liebe bedeutet eine Heim und Zuhause. Oder bedeutet eine Zuhause Liebe?“. Es macht einen nachdenklich, wenn sie treffsicher analysiert „Wie kann 'vertraut' und 'eng' sich vertragen mit 'Privatsphäre'?“ Oberflächlich betrachtet geht es um Kulturunterschiede zwischen China und Großbritannien, was die Vorstellungen über Familie, Liebe und Treue angeht. Dahinter geht es aber auch darum, das Wesen einer jeden Beziehung zu verstehen. Zhuang lässt sich ohne Vorbehalte auf eine Liebesbeziehung ein und strauchelt doch regelmäßig an den so anderen Vorstellungen ihres Lovers von einem Zusammenleben. Am meisten scheitert sie an seinem Konzept und seiner Idee von Individualismus und Freiheit. Sie will Nähe, zeigt sich bedürftig und abhängig. Er geht auf Distanz, fordert seine Privatsphäre ein. Am Ende – als es vermeintlich gar nicht mehr darauf ankommt – hat sie verstanden. Und auch der Leser versteht, schließlich am Ende der letzten Buchseite angekommen, was der das Buch beginnende Satz „Nichts in diesem Buch ist wahr, außer der Liebe zwischen ihr und ihm“ mitunter bedeuten kann.

 

Hier gibt es auch eine längere Leseprobe.