Wissenswertes

Beim nächsten Mal wird alles anders?

Vom Mythos der Beziehungsunfähigkeit

Von: Michaela Tadjesch, Foto: photocase.com

vom 02.05.07

Wir alle kennen das: Da ist die Freundin wieder an einen "Mister Aussichtslos" geraten. Oder die Kollegin ist zum x-ten Male aus einer Beziehung geflüchtet. Rasch sind wir mit dem Urteil zur Hand, die hätten Bindungsängste, weil ein schwieriges Elternhaus gehabt. Aber ist das denn so einfach erklärt? Nehmen wir doch mal solche "Küchenpsychologie" ein wenig genauer unter die Lupe.

 

Die Entwicklungspsychologie unterscheidet verschiedene Typen von Bindung an wichtige Bezugspersonen. Im Kindesalter sind das normalerweise die Eltern, im Erwachsenenalter der Partner oder die Partnerin. Doch wie unveränderlich ist die Art der Beziehungsführung eines Menschen? Gilt wirklich: Einmal verkorkste Beziehung, immer verkorkste Beziehungen oder gibt es doch noch Hoffnung?

Mütter und Freundinnen warnen ja immer vor einem Mann, der eine komplizierte Beziehung zu seiner Mutter hatte. Der kann eigentlich gar nicht normal sein und schleppt seine Mutterkonflikte in jede neue Beziehung mit hinein. Ach ja, und seine Beziehungen sind bisher immer daran gescheitert, dass er keine Nähe ertragen konnte. So richtig frustriert ist Frau aber letztendlich dann, wenn der für seine Bindungsunfähigkeit bedauerte und vielfach geschmähte Mann plötzlich eine andere heiratet, Kinder will und der liebste und treueste Gatte und Familienvater wird.

Was sagt denn die Wissenschaft zum Thema Bindungsverhalten? Nach John Bowlby ist der Mensch gleich anderen höheren Säugetieren dazu veranlagt, Bindungen zu Bezugspersonen aufzubauen. Diese sollen das Menschenkind in gefährlichen Situationen die Nähe der Bezugspersonen suchen lassen und letztere dazu veranlassen, den Nachwuchs zu schützen. Erfahre das Kind von seinen Eltern Schutz und Sicherheit, entwickele sich eine ‚sichere’ Bindung. Bei schlechten Erfahrungen des Verlassenseins und der Unsicherheit, baue sich eine ‚unsichere’ Bindung auf.

Aufschluss über die Qualität der Eltern-Kind-Bindung kann der sogenannte ‚Fremde-Situation-Test’ (von Mary Ainsworth) geben, bei dem ein Elternteil (klassischerweise die Mutter) mit seinem Kleinkind im Labor in eine Reihe von Situationen gebracht wird, in denen das Verhalten des Kindes beobachtet wird. Die Bindung eines Kleinkindes an die Mutter kann auf Grundlage dieses Tests als sicher oder unsicher charakterisiert werden. Sicher gebundene Kinder freuen sich zum Beispiel, wenn die Mutter wiederkommt nachdem sie ihr Kind kurz in der unvertrauten Umgebung alleine gelassen hat. Unsicher gebundene Kinder ignorieren die Mutter oder klammern sich ängstlich an sie.


Aber auch für erwachsene Menschen gibt es Bindungstypologien. Zum Beispiel differenzierten die Forscher Kim Bartholomew und Leonard Horowitz vier mögliche Bindungsstile an Liebespartner oder Freunde, die über einen Fragebogen erfasst werden können.

Denken Sie doch mal an ihren Partner oder an eine gute Freundin und überlegen, welche der folgenden vier Aussagen am ehesten ihr Gefühl in dieser Beziehung beschreibt:

1) Sicher - Ich finde, dass es ziemlich leicht für mich ist, anderen gefühlsmäßig nahe zu sein. Es geht mir gut, wenn ich mich auf andere verlassen kann und wenn andere sich auf mich verlassen. Ich mache mir keine Gedanken darüber, dass ich allein sein könnte oder dass andere mich nicht akzeptieren könnten.

2) Ängstlich - Ich empfinde es manchmal als ziemlich unangenehm, anderen nahe zu sein. Ich möchte Beziehungen, in denen ich anderen nahe bin, aber ich finde es schwierig, ihnen vollständig zu vertrauen oder von ihnen abhängig zu sein. Ich fürchte manchmal, dass ich verletzt werde, wenn ich mir erlaube, anderen zu nahe zu kommen.

3) Besitzergreifend - Ich möchte anderen gefühlsmäßig sehr nahe sein, aber ich merke oft, dass andere Widerstände dagegen errichten, mir so nahe zu sein, wie ich ihnen nahe sein möchte. Es geht mir nicht gut, wenn ich ohne enge Beziehung bin, aber ich denke manchmal, dass andere mich nicht so sehr schätzen wie ich sie.

4) Abweisend - Es geht mir auch ohne enge gefühlsmäßige Bindung gut. Es ist sehr wichtig für mich, mich unabhängig und selbständig zu fühlen, und ich ziehe es vor, wenn ich nicht von anderen und andere nicht von mir abhängig sind.

Doch wie stabil ist der Bindungsstil über unterschiedliche Beziehungen hinweg? Psychologe Wyndol Furman und seine Mitarbeiter untersuchten bei Jugendlichen den Zusammenhang zwischen der Bindung an die Eltern, die besten Freunde und an Liebespartner. Und dabei kam heraus, dass die Art der Elternbindung nicht für die an den Liebespartner bestimmend ist. Jugendliche mit einer sogenannten sicheren Bindung an ihre Eltern hatten also zum Beispiel keine erhöhte Wahrscheinlichkeit, auch eine sichere Bindung an ihren Liebespartner zu haben. Allerdings hing die Elternbindung mit der an enge Freunde zusammen und diese wiederum mit der an den Liebespartner. Mit dem Bindungsverhalten ist es also nicht so einfach, wie man denken könnte. Die Ergebnisse der Studie sprechen dafür, dass die Bindungserfahrungen mit Freunden die mit den Eltern im Laufe der Zeit überdecken. Ähnliches ist daher auch für Bindungen an verschiedene Partner anzunehmen.

Das heisst, wahrscheinlich werden wir also immer stärker durch die zeitlich näher zurück liegenden Erfahrungen aus jüngeren Bindungen beeinflusst und diese können uns daher durchaus in unserem Beziehungs- und Bindungsverhalten ändern. Dabei denke ich an einen Dialog aus der wunderschönen Romantikschnulze „Es geschah im September“. Ein ehemaliger Lebemann Ende 40 (alias Richard Gere) hat in einem jungen und tragischerweise herzkranken Mädchen (alias Winona Ryder) seine große Liebe gefunden. ER spricht am Krankenbett seiner todkranken Liebsten: „Du hast mich für immer für andere Frauen verdorben.“ SIE: „Nein, ich habe Dich für sie gerettet.“




Quellen:

Ainsworth, M.D.S.; Blehar, M.C.; Waters, E.; Wall, S. (1978): Patterns of attachment. Hillsdale: Lawrence Erlbaum.

Asendorpf, J. (2006). Bindungsstil und Sexualität. Sexuologie. 13 (2-4). pp. 130-138.

Bartholomew, K.; Horowitz, L.M. (1991): Attachment styles among young adults: A test of a four-category model. J Pers Soc Psychol61: 226-244.

Bowlby, J. (1973): Attachment and loss. Vol 2: Separation: Anxiety and anger. New York: Basic Books.

Furman, W.; Simon, V.A.; Shaffer, L.; Bouchey, H.A. (2002): Adolescents' working models and styles for relationships with parents, friends, and romantic Partners. Child Dev 73: 241-255.