Starke Frauen

Bilder aus der Imageschmiede

Sie setzte Whoopi Goldberg in eine Badewanne voller Milch und spielte mit dem Glamour vieler Stars auf die eigene Art: Das machte Annie Leibovitz weltbekannt – aber nicht unumstritten. Nun ist ein neuer Fotoband erschienen, für den die Amerikanerin sogar selbst zur Feder griff. „At Work“ heißt das Buch, das an legendäre Fotos und ihre Backstage-Geschichten erinnert.

Viele der Aufnahmen, mit denen Annie Leibovitz zu einer Fotografin von Weltrang wurde, haben heute ihren festen Platz in der Pop- und Filmkultur. In unseren Köpfen sowieso: John Lennon etwa, wie er sich nackt an Yoko Ono schmiegt, nur wenige Stunden vor seinem Tod – ein unvergessliches Porträt. Oder das der hochschwangeren Demi Moore, die ebenfalls hüllenlos für das Cover des „Vanity-Fair“-Magazins posierte und so die Klatschpresse in Atem hielt. 

Annie Leibovitz sagte einmal, sie versuche die Leute genau da zu erwischen, wo sie verwundbar seien. Nicht alle mögen ihr das glauben. Längst schon hat die Amerikanerin heute den Ruf einer Leibfotografin der Reichen, Mächtigen und Schönen unserer Zeit und entsprechend wird ihr Werk zwar hoch gehandelt – aber auch kritisch beäugt. Da sei vieles perfekt, so heißt es. Aber leider auch glatt, finden manche. Denn im Grunde gehe es auch hier nur um den guten „Look“, um ein durchgestyltes Image. Kurz und gut: Um Öl im Getriebe vom Glamour. Nicht aber um ein ästhetisches Wagnis auch. 

Aber sind Leibovitz’ Arbeiten wirklich so, wie manche glauben? Sind ihre Shootings stets „kühl und clever“ kalkuliert und frei von Zufall? Und wie blickt die Künstlerin selbst auf ihre Erfolge? Ein Bildband, der gerade neu erschienen ist, erlaubt hier Einblicke: Denn in „At Work“ kommt Annie Leibovitz selbst zu Wort und plaudert ausgiebiger als in vielen Interviews bisher aus dem Nähkästchen ihrer Kunst. Erzählt werden knapp 100 Geschichten rund um Bilder, mit denen die Fotografin berühmt wurde. Dabei geraten Begegnungen wie die mit Mick Jagger, Nicole Kidman, Patti Smith oder auch der Queen in den Blick, daneben aber auch vereinzelt Familienfotos und Reportagebilder. Leibovitz bettet sie ein in eigene Sichtweisen, mal sind es kleinere Anekdoten, die sie preisgibt, ein anderes Mal aber auch scharfsinnige Analysen, die sie wagt – etwa wenn es um die Möglichkeiten und Grenzen der modernen Porträtfotografie geht. 

Ganze 25 Minuten nur bekam die Amerikanerin zum Beispiel, um auf die britische Krone ein würdiges Blitzlicht zu werfen. Wie geht man mit so exklusiven Situationen wie diesen um, was ist da Kunst, was Handwerk nur – und wie um alles in der Welt findet man zur überzeugenden Starpose? „Ich war nie eine gute Regisseurin“, verriet Annie Leibovitz erst vor kurzem auch in einem Interview mit der „FAZ“. „Wenn ich zu einer Fotosession gehe, weiß ich weder genau, was ich will, noch was ich bekommen werde.“ Dennoch stand das offensichtlich der heute 59-Jährigen nicht im Weg, sich über die Jahre zu einer First Lady im Fotogeschäft zu entwickeln. 

Dabei begann Annie Leibovitz ihre Karriere ab 1970 zunächst als junge Reportage- und Musikfotografin, die Coverbilder für den „Rolling Stone“ schuf, darunter auch jenes letzte Foto von John Lennon, kurz vor seiner Ermordung. Das Magazin habe ihr große Freiheiten zugestanden, so heißt es rückblickend in „At Work“, und die damals 21-Jährige wusste diese anscheinend gut zu nutzen: 1973 bereits wird sie zur Cheffotografin des Blattes ernannt, ab 1983 beginnt sie, für das Magazin des „Vanity Fair“ auch zu arbeiten, zunehmend auf Hochtouren (und Hochglanz). Dennoch sind es nicht nur diese vielen professionellen Auftragsarbeiten, mit denen Leibovitz in der Vergangenheit für Furore sorgte. Auch zahlreiche Fotos aus ihrem Privatleben wurden in den letzten Jahren öffentlich. Und erregten die Gemüter.  

Insbesondere die Bilder der an Krebs erkrankten Susan Sontag empfanden manche als regelrecht schockierend. Leibovitz zeigte das Leiden ihrer langjährigen Lebensgefährtin völlig ungeschönt, die Spuren der Chemotherapie, das Sterben an Schläuchen, sogar den Moment des Todes. David Rieff, der Sohn der bekannten Essayistin Sontag, warf Leibovitz später vor, seine Mutter „posthum erniedrigt“ zu haben, indem sie diese Aufnahmen in die Öffentlichkeit gab. Nicht alle denken so wie er. Schließlich spricht zumindest ein Moment auch für diese Bilder: Sie rühren – einmal mehr – an einem sehr wunden Punkt unserer Medienkultur, nämlich an der Frage, was man eigentlich zeigen darf, was man zeigen muss und was nicht. Wobei natürlich auch Annie Leibovitz sich selbst hier in einem ausgesprochen verwundbaren Moment erwischt hat:

„Würde ich das heute noch einmal machen?“ dachte sie zurückblickend in einem Interview nach. „Würde ich Susan noch einmal so dem Blick der Öffentlichkeit aussetzen? Ich glaube nicht. Es war eine Entscheidung des Moments“.  

 

Bilder von Annie Leibovitz präsentiert gerade auch die Galerie C/O Berlin mit der Ausstellung „A Photographer's Life . 1990 - 2005“, die noch bis zum 24. Mai 2009 im Berliner Postfuhramt zu sehen ist. Nähere Informationen finden Sie hier

 

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Bildnachweise:

1. Whoopi Goldberg. © 2008 Annie Leibovitz/courtesy Schirmer/Mosel Verlag

2. Nicole Kidman. © 2008 Annie Leibovitz/courtesy Schirmer/Mosel Verlag

3. Annie Leibovitz: „At Work“, Buchcover. Schirmer/Mosel Verlag.