Wissenswertes

Bisexuelle - Können sie sich denn nicht entscheiden?

„The good thing about being bisexual is that it doubles your chance of a date on a Saturday night.“

Von: Michaela Tadjesch, Fotos: photocase.com

vom 28.07.06

Ist dieser von Woody Allen stammende Spruch Ausdruck der unverklemmten Haltung Bisexuellen gegenüber, die in den meisten modernen Industrieländern vorherrscht? Die Frage kann wohl eindeutig bejaht werden, solange es entweder um schillernde Prominente, oder aber um entfernte Bekannte geht. Schwieriger wird es, wenn sich jemand im unmittelbaren Familienkreis als bisexuell outet und vielleicht eine Partnerin/ ein Partner involviert ist, die/ den man kennt und mag. Dann vertreten die meisten Menschen die Haltung „Schwul sein ist ja völlig in Ordnung, aber man möge sich doch bitte für eine Seite entscheiden.“ Der homosexuellen Szene wiederum sind bekennend Bisexuelle suspekt, da Ihnen der Ruf der flatterhaften Herzensbrecher anhaftet, die im entscheidenden Moment auf den Gefühlen ihres Freundes herumtrampelt und in den Schoß ihrer Familie mit Frau und Kindern zurückkehren. Häufig wird ihnen von Homosexuellen unterstellt, verkappte Schwule zu sein, die (a) feige sind oder (b) nicht auf „Heteroprevilegien“ verzichten möchten und sowieso (c) auch noch irgendwann auf den rechten (also schwulen) Pfad finden werden.

 

Bei so viel äußerem und innerem Entscheidungsdruck ist es nicht verwunderlich, dass Bisexuelle häufiger psychische Probleme haben als heterosexuelle Menschen. Eine aktuelle Studie von Kimberly Balsam zeigt, dass Bisexuelle einen ähnlich hohen Leidensdruck haben wie klar homosexuell orientierte Menschen. In der Vorgeschichte bisexueller Studienteilnehmer war es sogar häufiger als in der Homosexueller zu gewollter Selbstverletzung gekommen. An dieser Stelle sei gesagt, dass es sich dabei um Ergebnisse statistischer Gruppenvergleiche handelt. Wird beispielsweise vom „stärkeren Leidendruck Homosexueller“ gesprochen, soll das nicht den einzelnen Homosexuellen zum Opfer seiner Orientierung erklären.

 

Bisexualität wird sehr unterschiedlich definiert, häufig als ein auf beide Geschlechter gerichtetes sexuelles Verlangen, in den letzten Jahren aber eher als „BiEmotionalität“, also der Fähigkeit, Menschen beiderlei Geschlechts lieben zu können. Wie hoch der Anteil Bisexueller an der Gesamtbevölkerung geschätzt wird, ist sicherlich von den Befragungskriterien und der Befragungsmethode abhängig. Schätzungen von 25% oder mehr, die schon in vielen deutschen Schlafzimmern zu halbernstgemeintem Hinterfragen der sexuellen Gesinnung des Partners geführt haben, entstehen, wenn „weiche“ Fragen formuliert werden, z.B. „Haben Sie irgendwann in Ihrem Leben sexuelle Handlungen mit einem Menschen Ihres Geschlechts praktiziert oder daran gedacht?“. Ist dann zusätzlich die Befragungssituation unpeinlich anonym, werden viele ehrlich mit „ja“ antworten, wenn sie in der Jugend mit dem Kumpel um die Wette onaniert haben oder als Mädchen mit der besten Freundin das Küssen geübt haben. Befragungen mit „härteren“ Fragen, z.B. „Haben Sie sich schon in Menschen beiderlei Geschlechts verliebt?“, führen zu Schätzungen zwischen 2-6%.

 

Dabei sind Bisexuelle keine homogene Gruppe. Kinsey fand in seiner großangelegten Befragung der US-amerikanischen Bevölkerung mit einer 7-stufigen Urteilsskala, dass nur die wenigsten der als bisexuell eingestuften Menschen beide Geschlechter gleich stark begehrten. In den meisten Fällen gibt es also eine Polarität, die sich im Laufe des Lebens mehrfach verschieben kann. In einer Studie von Gerulf Rieger zeigten die Forscher heterosexuellen, bisexuellen und homosexuellen Männern Videos, in denen entweder zwei Frauen oder zwei Männer beim Sex zu sehen waren. Obwohl alle bisexuellen Probanden angaben, sich durch beide Darstellungen erregt zu fühlen, reagierten die meisten körperlich nur auf die männliche Darstellung, einige nur auf die weibliche. Die Ergebnisse sprechen also für eine Polarität des Begehrens verbunden mit einer BiEmotionalität bei Bisexuellen. Diese gehen mit Ihrem zum Teil erst im fortgeschritteneren Erwachsenenalter entdeckten Wollen sehr unterschiedlich um: Manche entscheiden sich aus unterschiedlichen Gründen für eine Seite und geben den anderen Gefühlen, meistens denen für das eigene Geschlecht, nicht nach. Man kann wagen zu behaupten, dass jeder Bisexuelle mindestens eine Phase durchläuft, in der er sich klar polarisiert verhalten möchte. Das führt unweigerlich früher oder später zu einem beträchtlichen seelischen Leidensdruck, man denke z.B. an die Schwulen ... oder doch eher Bisexuellen? ... aus dem Erfolgsfilm „Brokeback Mountain“. Der Kuss der beiden Cowboys ist übrigens der Gewinner in der Kategorie bester Filmkuss bei MTV Movie Awards 2006.

 

Bisexuelle haben es schwerer als Homosexuelle, auf echtes Verständnis oder auch nur Toleranz zu treffen. Zu schwer wiegt der gesellschaftliche Normbruch und nicht selten auch das Leiden der Partner. Diejenigen, die weiterhin zu ihrem bisexuellen Partner halten und nicht dem allseits schnell erteilten Rat folgen sich zu trennen, suchen wie dieser Verständnis und Anschluss. Bisexuelle und ihre Partner finden sich daher häufig an Stammtischen oder in Vereinen zusammen. Der bekannteste ist BiNe-Bisexuelles Netzwerk e.V., ein seit 1992 bestehender gemeinnütziger Verein, der Treffen und Seminare organisiert. Außerdem gibt es eine Homepage, in deren Foren und Kontaktbereichen sich Mitglieder austauschen, beraten und finden ... der Zusammenhalt tut gut, auch wenn es nicht zu einem märchenhaften Ende kommt.

 

Die folgenden Zitate sind dem Bine Forum entnommen:

 

 „Wer kennt sie nicht, die Zerrissenheit. Eigentlich hätte ich glücklich sein können. Einen Ehemann der mich liebt, anbetet. Dessen Gefühle ich erwidere. Tolle Kinder, mit denen ich ein 1a Verhältnis habe.“ ... „Und doch diese Lücke. Als fehlte ein Stück aus meiner Brust. Glück, war die Abwesenheit von Schmerz! Ich bin erst knapp über eine Woche mit meiner Freundin zusammen. Es ist keine reine sexuelle Beziehung. Endlich!!!!“

 

„Wir haben kapituliert ... Nach 2 Jahren Kampf um unsere Ehe haben wir nun festgestellt, dass es nicht mehr geht. Wir können nicht mehr, haben uns aufgerieben. Trotz aller Versuche und ständiger Gespräche hat es nicht geklappt. Auch so kann es gehen. In einer Bi-/Heteroehe, genauso wie in einer reinen Heteroehe. Ich wünsche trotzdem allen anderen "Misch-", Ehepaaren/Paaren besseren Erfolg. Wir haben uns zu weit auseinander entwickelt seit dem Coming Out meines Mannes. Haben letztlich doch unterschiedliche Wege eingeschlagen und keinen gemeinsamen Nenner mehr gefunden. Die anfänglich wiedergefundene Nähe als Ehepaar ist aufgerieben. Das Verständnis für den Bipartner ist in emotionale Gleichgültigkeit umgeschlagen." ... „Sag hier mal allen Danke!!! für die Unterstützung und Hilfe. Es haben sich schöne, tiefe Freundschaften entwickelt, die ich nicht missen möchte.“

 

„... ich bin jetzt 35 Jahre alt und habe es nach 17 Jahren Abstinenz nicht mehr ausgehalten. Und dann ist das passiert, was schon viele in meinem Umfeld als den berühmten 6er im Lotto bezeichnet haben. Hab mich durchs Internet gegoogelt hab BiNe entdeckt, hab auf eine Kontaktanzeige geantwortet. Nach drei Monaten das erste Date, tja und jetzt sind wir seit gestern neun Monate zusammen und schweeeeeeeeeeer verliebt. Wir sind beide verheiratet (leider nicht miteinander  ) und haben auch Kinder. Trotzdem klappt alles wunderbar. Die Männer spielen mit und die Kinder (insges. 3 Mädels) verstehen sich prima. Im August waren wir sogar zusammen in Urlaub. Ihr Mann ist für mich sowas wie ein Freund geworden, mit dem ich auch gut reden kann, wenn mal was ist. Klingt wie an den Haaren herbei gezogen, ist aber so.“

 

 

Literatur:

 

Garber, Marjorie (2000). Die Vielfalt des Begehrens. Fischer Verlag: Frankfurt.

 

Balsam, Kimberly et al. (2005). Mental Health of Lesbian, Gay, Bisexual, and Heterosexual Siblings: Effects of Gender, Sexual Orientation, and Family. Journal of Abnormal Psychology, 114(3): 471-476.

 

Honnens, Brigitte (1996). Wenn die Andere ein Mann ist. Frauen als Partnerinnen bisexueller Männer. Campus Verlag.

 

Kinsey, Alfred C. et al. (1948/1998). Sexual Behavior in the Human Male. Philadelphia: W.B. Saunders; Bloomington, IN: Indiana U. Press.

 

Kinsey, Alfred C. et al. (1953/1998). Sexual Behavior in the Human Female. Philadelphia: W.B. Saunders; Bloomington, IN: Indiana U. Press.

 

Schlender, Bärbel & Söhner, Erhard (2006). Ein Frühstück zu Dritt. Novum Verlag.

 

Rieger, Gerulf et al. (2005). Sexual arousal patterns of bisexual men. Psychological Science, 16(8).