Weibchenschema

Bittere Zonen

Der Titel sei eine Art Selbstverteidigung: „Bitterfotze“ – so hat die Autorin Maria Sveland einen Roman genannt, der in Schweden bereits für Diskussionen sorgte. Nun ist das Buch, in dem laut und zornig das Glück des Mutterseins in Frage gestellt wird, auch hierzulande erschienen. Aber: Eine Einladung, erneut durch „Feuchtgebiete“ zu paddeln, ist es nicht – auch wenn der Titel so klingt.

Sie habe ihr Buch so genannt, „damit es niemand anderes tut“, sagt Maria Sveland. Und sie habe sehr kämpfen müssen, um ihren schwedischen Verlag zu überzeugen, dass man das überhaupt bringen kann: einen Roman veröffentlichen, der „Bitterfotze“ heißen soll. 

Was nach vulgärem Schimpfwort klingt, versucht die Schwedin aber neu zu besetzen: Es seien vor allem Männer, die Wörter wie „verbittert“ oder „Fotze“ benutzen würden, um Frauen damit zu diffamieren. Und insbesondere solche Frauen, die fordernd aufträten. Maria Sveland versteht ihr Buch hier als „Weckruf“, der Mut stiften soll: In einer Gesellschaft, in der noch immer die männlichen Bedürfnisse so viel mehr Beachtung fänden als weibliche, sollten Frauen selbstbewusster dazu stehen, nicht zufrieden gestellt zu sein – sondern eben auch mal wütend, „angekotzt“ oder sogar verbittert darüber, dass es mit der Gleichberechtigung nach wie vor hapert. Eine „Bitterfotze“, so meint die Autorin, sei im Grunde also etwas Positives: das Gegenteil von einer weiblichen Märtyrerin, eine Frau, die es satt hätte, zum ungleichen Spiel auch noch freundliche Miene zu machen. 

Entsprechend mutiert denn auch Sara, die Hauptfigur in dem Buch „Bitterfotze“, zu einer Gestalt mit unschön verkniffenen Zügen. Die junge Frau, erfolgreiche Journalistin und Mutter eines zweijährigen Sohnes, ist schwer frustriert: vom Kinderkriegen, von der Ehe und von einem Unmut, den sie verspürt, weil nichts so ist, wie es ihrer Meinung nach sein sollte. Gerecht verteilt nämlich. Zwar lebt Sara in einer Partnerschaft, in der auch der Mann für ein modernes Rollenmodell aufgeschlossen wäre. Doch wo dieser ständig für den Job auf Reisen muss, bleibt Sara eben kleben – an Kind und Haus und in dem Kraftakt einer Beziehung, in der trotz guten Willens doch alles nach altem Muster nur läuft. 

Maria Sveland ist TV- und Hörfunkjournalistin und selbst Mutter von zwei Kindern. Ihr Buch, das 2007 in Schweden erschien, sorgte für großes Aufsehen. „Dieses Buch kann mehr für die Gleichberechtigung tun als alle Reden dieser Welt,“ schrieb die Tageszeitung „Expressen“ euphorisch über den Roman, der natürlich empfindlich auch am Image des „emanzipierten“ Vorzeigelandes kratzte. Sind selbst hier manche Dinge ins Stocken geraten? 

Um zumindest das eigene Leben wieder Bewegung zu bringen, entschließt sich Sarah zu einer Auszeit und einem Kurzurlaub auf Teneriffa. Dorthin fliegt sie ohne Mann, ohne Kind, dafür aber mit reichlich Schuldgefühlen im Gepäck. Und nicht zufällig auch Erica Jongs Buch „Angst vorm Fliegen“ unterm Arm – denn der feministische 1970er Jahre-Bestseller soll moralisch und ideologisch der jungen Frau ein wenig unter die Arme greifen. „Alter Feminismus revisited“ durch die Brille einer jungen Schwedin – wie nun eine erste Reaktion auf das Buch gleich meint?

Nun, zumindest ist dies nicht einfach nur ein weiteres Buch im „Erotik-Trend“, mit dem jüngere Autorinnen gerade unmissverständlich einen neuen freizügigen Ton auf dem Buchmarkt anschlagen: „Fräuleinwunder war gestern“, beobachten da manche schon. Weil über Sex zu schreiben so viel lukrativer ist als Literatur pur? 

In „Bitterfotze“ geht es nicht vorwiegend um Sex, es geht noch nicht einmal um Tabus unserer Körperkultur, wie in den „Feuchtgebieten“ von Charlotte Roche. Denn während dieser Mega-Seller im vergangenen Jahr um erogene Zonen, Achselbehaarung und Analverkehr kreiste, versucht Maria Sveland den Blick direkter ins Gesellschaftliche zu lenken: auf Emanzipationswünsche, die leider auf dem Trockenen schwimmen. Und auf „Bittergebiete“ von Frauen, die entstehen, wenn der Heiligenschein einer Mutterrolle oder einer „liebenden Frau“ einfach viel zu viel Selbstaufgabe abverlangt. 

„Ich habe wie alle anderen von der Liebe geträumt,“ reflektiert Sara zu Beginn des Romans. „Aber ein Verdacht, der vielleicht eine Einsicht ist, hat sich allmählich in mir ausgebreitet, und er macht tiefe, eitrige Wunden: Wie sollen wir jemals zu einer gleichberechtigten Gesellschaft kommen, wenn es uns nicht einmal gelingt, mit demjenigen gleichberechtigt zu leben, den wir lieben?“ Das ist eine Frage, die neben den mitunter auch mal etwas grobschlächtigen Überlegungen, die das Buch anstellt, doch ausgesprochen filigran daherkommt. 

Ob es sich lohnt, das Buch zu lesen? Hier finden Sie eine Leseprobe des Romans „Bitterfotze“ im „Brigitte“-Magazin, die Ihnen in dieser Frage weiterhelfen könnte.