Cool Tour

Bittersüße Hommage an das weibliche Leben im Orient

Die libanesische Jungregisseurin Nadine Labaki skizziert in ihrem charmanten Spielfilmdebüt „Caramel“ anhand kleiner Psychogramme von sechs unterschiedlichen Frauen ein Beirut jenseits politischer Auseinandersetzungen und religiöser Konflikte. Mit komödiantischen Elementen wird gezeigt, wie die Frauen versuchen, ein eigenständiges Leben zu führen – hin- und hergerissen zwischen orientalischer Tradition und westlicher Moderne.

Wussten Sie, dass man sich mit Karamell die Beine enthaaren kann? In der gleichnamigen, libanesischen Filmkomödie wird die Zuckerpaste als ultimatives Mittelchen für die Haarentfernung jedenfalls rege gebraucht. Schauplatz solcher und anderer harmloser kosmetischer Eingriffe ist der Schönheitssalon „Si Belle“ irgendwo in Beirut. Hier kreuzen sich die Wege von sechs Frauen unterschiedlichen Alters, deren Leben im Orient nicht nur ein Zuckerschlecken ist. Im farbenfrohen Salon zwischen Spiegeln, Schminkutensilien und Lockenwicklern tauschen sie Klatschgeschichten aus und teilen ihre Sorgen und Nöte. Von dieser „Bühne“ führen verschiedene Handlungsstränge der Erzählung in entlegene Ecken der Stadt, etwa unter eine Autobahnbrücke, in die Wohnung des Geliebten oder in ein schmuddeliges Hotelzimmer.

Liebeswirren und Kurzhaarschnitt

An den genannten Stationen finden Episoden aus dem Leben von Layale, einer Christin, statt. Sie ist die Geliebte eines verheirateten Mannes, der seine Gattin nicht verlassen kann. Layale will wissen, wer diese Frau ist. Als sie eines Tages zur Haarentfernung im Schönheitssalon vorbeikommt, entwickelt Layale Empathie für die Situation der betrogenen Ehefrau und realisiert, in welche widersprüchliche Dreiecksgeschichte sie sich verstrickt hat. Dank eines charmanten Polizisten, der es versteht, sie um den Finger zu wickeln, vermag sie sich schließlich aus den Beziehungswirren zu lösen.

Da ist aber auch die Frisöse Nisrin, eine Muslimin, die bald einen gläubigen Moslem heiratet. Ihre Jungfräulichkeit hat sie bereits verloren – soll sie sich einer Operation unterziehen, um ihre Unschuld wieder herzustellen? Nisrin frisiert regelmäßig die Stammkundin Jamale, die sich vehement gegen das Älterwerden wehrt, von einer Filmrolle träumt und für eine solche von Casting zu Casting hetzt. Der 65-jährigen Rose hingegen, einer Näherin, sind Äußerlichkeiten nicht mehr so wichtig. Sie kümmert sich um ihre ein bisschen verrückte Schwester. Erst, als ein galanter älterer Herr in ihrem Leben auftaucht, vereinbart sie einen Termin bei „Si Belle“. Doch ihre Schwester nimmt so viel Betreuung in Anspruch, dass Rose – trotz neuer Frisur – das Date sausen lässt.

Als Haarwäscherin arbeitet schließlich noch die androgyne Rima bei «Si belle». Sie verliebt sich in eine schwarzhaarige Schönheit, die das orientalische Frauenideal verkörpert. Kinobesucherinnen werden staunen, dass Haare abschneiden im Libanon von heute immer noch einer Befreiung gleichkommt – jedenfalls wirkt es so im Film: Die mysteriöse Frau lacht zum ersten Mal herzhaft, als sie sich mit einem Kurzhaarschnitt in einem Schaufenster gespiegelt sieht.

Labaki, ein weiblicher Almodovar?

Viele Facetten der Weiblichkeit zwischen orientalischem Patriarchat und freiheitlich-westlichen Wertvorstellungen werden gestreift, ein Tabu bleibt in diesem in sanften Farben skizzierten Film allerdings bestehen: Die noch schüchterne, erst halbbewusste Homosexualität von Rima. Sie wird nie ausgesprochen. Nur mit Blicken zwischen den Figuren zeigt die Regisseurin, wie es um die Zuneigung zwischen Rima und der fremden Frau steht, von der man den Namen nicht erfährt. Ob die Verliebtheit Rimas erwidert wird, bleibt in der Schwebe. – Ein weiblicher Almodovar habe diesen Film gedreht, heißt es. Ganz abwegig ist die Aussage nicht, erinnern einen doch die Farben des Szenenbildes und der Kostüme sowie die Wahl der Frauenfiguren an jene in den Meisterwerken des spanischen Regisseurs.

Die 34-jährige Nadine Labaki verkörpert eine solche Protagonistin in ihrem Debüt gleich selber; sie überzeugt in der tragenden Rolle der Layale. Ansonsten hat sie Laien als Schauspieler engagiert – sehr zur Freude des Zuschauers, denn gerade die Natürlichkeit und Unverstelltheit der Figuren macht den Charme dieses noch etwas unfertig anmutenden und bisweilen zu langsam geschnittenen Films aus. Joanna Moukarzel etwa, die Rima spielt, ist Geschäftsführerin einer Elektrogeräte-Firma. Yasmine al Masri, die Nisrin verkörpert, studierte Kunst und orientalischen Tanz in Paris und ist mit Labaki befreundet.

Der Film erscheint überhaupt fast als gemeinsames Projekt von Freunden und Familie: Für die Kostüme zeichnete Labakis Schwester verantwortlich und die zwischen orientalischen und westlichen Einflüssen oszillierende Musik hat Khaled Mouzanar komponiert, der zukünftige Ehemann der Regisseurin. Die in der libanesischen Stadt Baabdat Geborene sagt, sie habe keinen politischen Film machen wollen. Aufgrund der Spannungen, die im Libanon herrschen, enthält „Caramel“ dennoch eine Botschaft: „Auch wenn der Krieg die Unterschiede zwischen den Religionen wieder geschürt hat – tatsächlich ist doch ein friedliches Zusammenleben der natürliche Umgang miteinander“, sagt Labaki in einem Interview und fügt an: „Und so sollten wir auch leben“.

Biografie von Nadine Labaki:

Geboren 1974 im Libanon. Studium der Medienwissenschaften an der St. Joseph-Universität in Beirut. Ihr Abschlussfilm „11 Rue Pasteur“ gewann 1998 den ersten Preis als bester Kurzfilm bei der Biennale du Cinéma arabe in Paris. Sie drehte Werbefilme und viele Musikvideos – in denen Frauen sehr selbstbewusst auftreten – für einige im Nahen Osten sehr bekannte Unterhaltungskünstler und erhielt dafür 2002 und 2003 mehrere Auszeichnungen. „Caramel“ ist ihr erster Spielfilm.


„Caramel“: Regie: Nadine Labaki. Drehuch: Nadine Labaki, Jihad Hojeily, Rodney El Haddad. Darsteller: Nadine Labaki, Yasmine Elmasri, Joanna Mkarzel, Gisele Aouad, Adel Karam, Sihame Haddad. Produktion: Les Films des Tournelles. Verleih: Alamode. Laufzeit: 95 Minuten. Kinostart: 3. April 2008

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::


Katja Baigger
, 28, schreibt für diverse Zeitungen, sie lebt in Zürich und reist immer wieder gerne nach Berlin.

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::