Anderswo

Bloß keine Tomboy-Tochter?

Früher galten sie als verkappte Jungs – heute als ein Fall für die Therapie. Haben es Mädchen, die sich nicht mädchenhaft verhalten, schwerer denn je? Nun, zumindest ist unsere Medienkultur nicht gerade reich an Angeboten, sich als Tomboy in ihr zu spiegeln. Da gibt es Feengefühle, Wespentaillen und Träume in Rosa – aber kaum Prinzessinnen, die auch mal ungehobelt und wild auf die Pauke hauen.

Über die Mädchenbilder, die einem heute in Kinderbüchern, auf dem Markt oder auch im Fernsehen begegnen, kann man sich teilweise nur wundern. Eigentlich müssten diese komplexer und vielfältiger sein denn je. Stattdessen aber hinken sie unserer Zeit um Lichtjahre nach: Zu diesem Ergebnis kam jüngst etwa auch eine umfassende Medienanalyse von Kinderprogrammen weltweit, in der 26.500 Hauptfiguren in Sendungen aus 24 Ländern unter die Lupe genommen wurden – um am Ende festzustellen, dass sprechende weibliche Charaktere noch immer viel zu selten vorkommen (in Kinofilmen machen sie gerade mal 28 Prozent aus).  

Aber damit noch nicht genug: Denn auch die Weiblichkeit, die von diesen Heldinnen verkörpert wird, stimmte die Wissenschaftler schwer nachdenklich: Offensichtlich ist die Prinzessin, die gerettet werden möchte, neben dem konsumverhafteten Luxusgeschöpf und dem Girlie, das einem „machohaften Siegertypen“ zuarbeitet, noch immer der Normalfall in Film und Fernsehen für Kinder. Und eine Pippi Langstrumpf oder Schar „Wilder Hühner“ eher die große und starke Ausnahme. Hinzu kommt noch ein Trend bei Zeichentrickfilmen, der nicht zuletzt als problematisch auffällt, weil diese immerhin mit 84 Prozent aller Sendungen das Programm stark prägen: „Zwei von drei Zeichentrickmädchen haben derart lange Beine und eine Wespentaille, wie sie nicht einmal durch eine Schönheitsoperation zu erreichen wäre,“ so ein Resümee der Studie, die diese Sexualisierung von Mädchenfiguren als neuartig herausstellt. 

Schlechte Zeiten also für Tomboys? In einem Artikel im Wochenmagazin „Der Freitag“ beschäftigt sich Stephanie Thoebald mit diesem Phänomen, das man schon zu Shakespeares Zeiten kannte und unter diesem Begriff argwöhnisch beschrieb: Als „Tomboys“ werden Mädchen bezeichnet, die sich vollkommen geschlechtsunspezifisch verhalten – also nicht „feminin“ im klassischen Sinne auftreten. Nicht nur Frisur und Kleidung fallen hier als maskulin auf, sondern auch die „typisch jungshaften“ Interessen, die einen Tomboy auf den Bolzplatz treiben oder den nächstbesten Baum hinauf. Doch wie Stephanie Theobald meint, scheinen sie von der Bildfläche – im Kino wie im richtigen Leben – heute nahezu verschwunden. Eine Folge davon, dass Mädchen immer mehr viel zu einseitig und extrem früh schon auf das „gängig Weibliche“ geeicht und abgestellt werden? 

„Ich habe keine eigenen Kinder, aber in letzter Zeit fällt mir auf, dass alle kleinen Mädchen, die ich kenne, irgendwie, nun ja, sehr mädchenhaft sind. Wo, frage ich mich, sind all die kleinen Tomboys geblieben?“, schreibt Stephanie Theobald, die in ihrem Artikel einen Blick auf eigene Kindheitsmuster, auf Mütter, die ihre Tomboy-Tochter am liebsten zur Therapie schicken würden und Fingernägel wirft, die heute anscheinend seltener abgekaut sind – als Pink lackiert. Sollte uns das suspekt sein?

Den Artikel „Durch die rosa Brille“, den Stephanie Theobald ursprünglich für den „Guardian“ schrieb, können Sie auch im Wochenmagazin „Der Freitag“ lesen, und zwar mit einem Klick an dieser Stelle.