Fürs Auge

Bratwurst and more…Drei Frauen auf der documenta

Julia hat mich spontan eingeladen: Die Bundesbahn hatte ihr, um einen wirklich fetten Klopper wiedergutzumachen, drei Tickets Berlin-Kassel und retour geschenkt, Erster Klasse. Danke, Herr Mehdorn! (Er kann auch nett sein.)

 

Wir sind da: Eine Romanautorin cum Hobbymalerin (ich), eine Verlagslektorin (Grit) und eine Kunsthistorikerin und Malerin (Julia), je einen Schlüpfer in der Handtasche, ein seidenes Nachthemd, wenig Geld, wenig Zeit.

 

Vom Bahnhof geht es direkt in die documenta-Halle, einen Betonklotz, der für eine frühere documenta gebaut wurde. Hier hängt ein wunderschöner Gartenteppich aus dem Iran des 18. Jahrhunderts neben zeitgenössischem Patchwork, das in einer Volkshochschule entstanden sein könnte. Auf einem Podest zwei zusammen gekrumpelte Jeans: Die sehen aus, als hätte Obelix die Inhaber herausgeprügelt wie die Römer aus ihren Sandalen. Im gleichenen Raum, wenn ich mich recht erinnere, hocken  auch noch diese überdimensionalen Stofftiere, die hoffentlich zum documenta-Ende an Kinderheime verschenkt werden. Und dann ist da noch die lebensgroße Stoffgiraffe, um die, dem Vernehmen nach, bereits ein Rechtsstreit tobt, weil irgendeine Künstlerin in der Türkei die Idee eher gehabt haben will. Vielleicht mischt sich die Firma Steiff noch ein, die haben garantiert auf d i e Idee  ein viel älteres Patent. (Im Osten hat man so was nicht gekauft, sondern selber gemacht!).

 

 

Was immer wir an diesem ersten Tag gesehen haben – ich kriege es nicht mehr zusammen – der gemeinsame Eindruck ist ein verwirrter: „Es ist so beliebig!“ zürnt Julia, die Kunsthistorikerin. Grit und ich halten uns zurück, wir wollen uns nicht als Banausen zu erkennen geben, sind aber nicht weniger konsterniert.

 

Die Kuratoren Roger M. Buergel und Ruth Noack, die man übrigens täglich vorüber -schweben sah, hätte unsere Konsterniertheit gefreut. Gerade das wollten sie ja: „Migration der Form“ ist das Schlagwort, das Nebeneinander von Kunstformen, ästhetischen Ansprüchen (teils auch: Nicht-Ansprüchen), Ideen wollten sie zeigen und das auch noch global: Wie begegnen verschiedene Kulturen den Folgen der Globalisierung? Welche Mittel benutzen sie? Welche Kunst-Sprache verwenden sie?

 

Daneben soll auch noch die Vorgeschichte von künstlerischen Entwicklungen gezeigt werden. Und zwar bunt durcheinander. Es ist ein wilder Ritt durch die Zeit, durch Stile und Formen. Es gibt ein Konzept, aber wir sollen es nicht merken, hat Julia gehört. Das ist gelungen.

 

Am zweiten Tag haben wir aufgegeben, Ordnung in das Ganze bringen zu wollen. Wir lassen uns treiben, schließen uns mal der einen, mal der anderen geführten  Gruppe an. That’s the way! Allmählich werden wir mitgerissen und euphorisiert, bereit, das Ganze wunderbar zu finden, selbst wenn einzelne Exponate verstören und uns sogar ärgern: War es wirklich nötig, ausgerechnet diesem widerlichen, grellen, pornografischen Juan Davila soviel Raum zu geben? Manche Namen tauchen deutlich häufiger auf als andere, von denen man gern mehr gesehen hätte. Egal: Wäre die Auswahl einem Gremium überlassen gewesen, dann würden wir nur den kleinsten gemeinsamen Nenner zu sehen bekommen, also nichts.

 

 

 

So treiben wir vorbei an dem elektrischen Kleid von Atsuko Tanaka und den bunten Plastikkuben von James McCracken, Objekten aus Teig, Asche und Bronze, setzen uns auf antike chinesische Stühle , um einer Gruppe Balletttänzer dabei zuzusehen, wie sie auf einer überdimensionalen Wäscheleine vertikal in Wäschestücke schlüpfen und sich selbst zum Trocken aufhängen.  

 

Wir sehen Videos: Einen Film über japanische Pornofilmer, die nackte junge Frauen verschnüren , um ein Feuer tanzende brasilianische Jugendliche/überblendet mit Bildern eines mittelalterlichen Textes über Feuerriten; eine spartanische Shakespeare-Lesung; Kinder, die mit weißer Farbe bespritzt werden und verschämt kichern - charmant.

 

 

 Wir stehen hingerissen vor einer Reihe riesiger Blätter des indischen Künstlers Atul Dodiya, bestehend aus Gedichten, Aquarellen und Marmorsand. Wir sind ratlos vor einem Kästchen mit 100 Blutproben von Dichterinnen. Die einzige wirkliche Malerei, die ich gesehen habe, sind die verblüffenden Nachtszenen in Kreide von Jürgen Stollhaus –phantastisch. Julia und Grit gefallen auch die Albtraumbilder von Monika Baer. Die beiden haben offenbar eine robustere Psyche als ich. Malerei führt auf der documenta 12 ein Nischenleben. Auch das soll so sein: Ars fugit. So ist das jetzt.

 

Die japanischen Exponate sind verspielt, die afrikanischen meist sehr politisch. Im Gedächtnis bleiben die Tanzmasken von Romuald Hazoumé aus Benin, Masken aus Zivilisationsmüll – das ist ja alles, was von uns dort ankommt: Giftmüll, abgelegte Kleidung, überalterte Medikamente. Da ist sein Boot aus alten Ölkanistern. Es würde sinken, ließe man es ins Wasser.

 

 

Mittagessen im Laufen: Es geht durch ein Mohnblumenfeld aus rotem Klatschmohn und lila Schlafmohn, das extra für die documenta in der Mitte der Stadt angelegt wurde. Wir klauen Samenkapseln – documenta-Blumen im eigenen Garten, das wäre doch was! An den Catering-Zelten ein Schild: Bratwurst and more…(inklusive der drei Punkte). Dabei besichtigen wir die Skulptur aus Türen, die während des Sturm beschädigt worden ist – der Künstler hatte Recht: Sie ist jetzt interessanter als vorher.

 

Den anderen Besuchern scheint es zu gehen wie uns: Die meisten lassen sich nach kurzer Gegenwehr („Das könnte mein dreijähriger Enkel auch!“) drauf ein. Zwei Rentnerinnen betrachten, ohne mit der Wimper zu zucken, Fotos von einem Penis. Wenn sich „Fachleute“ mit klugen Bemerkungen hervortun, sind es meist Männer im Klimakterium: „Ein Spiel mit dem unerbittlichen Gleichmaß des Zollstocks!“ Yeah, man!

 

Zum Abschluss fahren wir zur Gemäldegalerie des Schlosses Wilhelmshöhe, wo Zeitgenössisches zwischen die Fress- und Popo-Gemälde von Niederländern aus dem 17. und 18 Jahrhundert geklemmt wurde: Handwerk contra Idee. Dort trifft dann der afroamerikanische Maler Kerry James Marshall mit seinen Ghettoboys auf die „Aithiopika“, Bilder nach einem Liebesroman aus dem 3.Jahrhundert nach Christus, in dem eine schwarze, äthiopische Prinzessin ein weißes Kind gebiert, das folgerichtig unter Schwarzen zum underdog wird.

Gegenüber Rembrandts Ehefrau prangt Zofia Kuliks Fotomontage: Die Künstlerin als Elisabeth I. im fotomontierten Gewand aus Männerakten. Beautiful, girls!

 

 

Grit ist relativ still, aber sie ist auch erkältet. Julia, die Kunsthistorikerin, fängt wieder an, aufzumucken. Wir drei stellen fest: Das meiste sind Ideen, Skizzen von Ideen. Vieles sehr kopfig. Das Wort „witzig“ ist oft gefallen. Und das ist wohl typisch für unsere Zeit – insofern trifft die documenta 12 ins Schwarze. Aber außerdem sind wir beschwingt, voller Ideen und Tatendurst und Schaffensdrang nach Hause gefahren, haben von Kassel bis Berlin ununterbrochen diskutiert und hätten fast das Aussteigen vergessen.

 

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Bildnachweise:

 

01. Plakat_03
© documenta GmbH / D+

 

02. Ausstellungsansicht │Exposition view
© Peter Friedl; photo Egbert Trogemann / documenta GmbH © VG Bild-Kunst, Bonn 2007

 

03. Floor of the Forest, 1970
Installation und Performance im Ausstellungsraum | installation and performance in the exhibition space

© Trisha Brown; photo Katrin Schilling / documenta GmbH

 

04. Antler Anthology I, 2003
Aquarell, Kohle und Marmorstaub auf Papier | watercolour, charcoal and marble dust on paper; 198 × 114 cm
© Atul Dodiya
Courtesy Gallery Chemould, Mumbai

 

05. Antler Anthology III, 2003
Aquarell, Kohle und Marmorstaub auf Papier | watercolour, charcoal and marble dust on paper; 198 × 114 cm
© Atul Dodiya
Courtesy Gallery Chemould, Mumbai

 

06. Antler Anthology VIII, 2003
Aquarell, Kohle und Marmorstaub auf Papier | watercolour, charcoal and marble dust on paper; 198 × 114 cm
© Atul Dodiya
Courtesy Gallery Chemould, Mumbai

 

07. Antler Anthology IX, 2003
Aquarell, Kohle und Marmorstaub auf Papier | watercolour, charcoal and marble dust on paper; 198 × 114 cm
© Atul Dodiya
Courtesy Gallery Chemould, Mumbai

 

08. Citoyenne, 1997
Verschiedene Materialien |mixed media; 40 × 40 × 30 cm
© Romuald Hazoumé / VG-Bild-Kunst
Courtesy the artist

 

09. Ausstellungsansicht │ Exposition view
© Romuald Hazoumé / VG-Bild-Kunst; photo Frank Schinski / documenta GmbH
Courtesy the artist

 

10. Zofia Kulik