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"Breitbeiner" - ein Buch über den Macho 2.0

Es gibt ihn immer noch, den Macho. Doch die moderne Variante versteckt sich gekonnt im Schafspelz - hinter langen Haaren, in Nadelstreifen, in Szenecafés und auf Parteitagen. Judith Luig erklärt auf lustige Weise in "Breitbeiner", warum die Frauen da mitmachen.

Reporterin Judith Luig weiß, wovon sie spricht. Sie arbeitet für Welt, Welt am Sonntag und Berliner Morgenpost und lernt schon rein dienstlich reichlich Machos kennen.  Dass sie außerdem Literaturwissenschaft an der Freien Universität wie an der Humboldt-Universität Berlin lehrt, spricht für ihre Intelligenz. Die setzt sie hier auf der Suche nach dem Macho 2.0 ein. Das Ergebnis ist ein leicht und mit Amüsement zu lesendes Buch (hier mit Leseprobe) über "Männer in Badehosen" und "Migrationsmachos", "Antifeministen" und "Mariechenstemmer". Zum Beispiel. Und über Frauen, die Machos mal verzweifelt lieben und dann wieder hassen, weil ihr Leben, zumindest auf den ersten Blick, so viel leichter ist als das der Frauen.

 

Luig sagt, die Frauen wollen es nicht anders


Die Autorin sucht die "Breitbeiner" an allen denkbaren Plätzen. Im Springer-Verlag, beim Kölner Karneval und auf dem Münchner Oktoberfest, auf Schwulentreffen und in Discos, unter neuen Vätern und und in Macho-Selbsthilfegruppen. Über 200 Seiten lang zu lesen ist das eigentlich nur, weil Judith Luig nicht nur die Männer, sondern auch sich selbst unter die Lupe nimmt und feststellt:

Frauen sind wirklich nicht unschuldig daran, wenn Männer sich wie Machos benehmen - weil sie sich oft genug selbst anlügen. Zum Beispiel weil sie fürs Heiraten und Kinderkriegen immer noch ganz selbstverständlich fordern, dass ihr Partner sie (und die Kinder) versorgt. Möglichst gut natürlich. Und sie wie Prinzessinnen behandelt.

 

Nichts für Feministinnen

Das tut auch Judith Luig. Und macht sich keine weiteren Gedanken darüber, ob Frauen diese nach wie vor offene Wahl zwischen Ehe und Karriere gut tut. Richtig oder falsch? Die Frage wird hier nicht beantwortet. Antworten gibt es überhaupt nur wenige in diesem Buch, stattdessen begnügt sich die Autorin mit Schilderungen der derzeitigen Männerszenen. Sehr witzigen Schilderungen, zugegeben. Luigs "Breitbeiner" bringen Leserinnen oft zum Schmunzeln, liefern jede Menge von "Ach ja! Kenn ich"-Effekten, wecken Mitleid mit den Frauen, die sich mit solchen Typen anfreunden - und Sehnsucht nach "echten Kerlen". Wie sie Judith Luig verspürt, die den eigenen (und ausführlich geschilderten) Liebeskummer zum Aufhänger ihrer Macho-Recherche gemacht hat.

Ein Muss-Buch für junge Feministinnen (falls es die noch gibt)? Bestimmt nicht. Frauen, die allerdings wissen will, wo sie - trotz der Luigschen Warnung vor ihnen - reichlich Machos treffen können, finden hier die richtigen Locations. Und eine empfehlenswerte Bestandsaufnahme des gesellschaftlichen Ist-Zustandes. Alice Schwarzer dürfte darüber verzweifeln. Tolerante Prinzessinnen auf der Suche nach einem Mittelweg zwischen Auflehnung und Anpassung können "Breitbeiner" wenigstens einen Trost entnehmen: Sie sind mit ihren Schwierigkeiten nicht allein.