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„Brief an mein Leben“

Da schreibt jemand, der „Lebensabschnitte als Attachments in die Welt geschickt, Tagesabläufe und Lebensjahre im Outlook geplant und organisiert hat“, einen Brief an sein Leben.

Die Autorin des Buches, beruflich tätig als Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen, hat in ihrem Vorgänger-Buch „ Das Glück der Unerreichbarkeit“ die Gefahren und Auswirkungen hemmungsloser Nutzung von Kommunikationstechnologien und -geräten analysiert und Hilfen formuliert, wie man sich durch Konsequenz und Selbstbeherrschung der Versklavung durch ständige Vernetzung entziehen kann und nicht zum „ Kommunikationspsychopathen“ werden muss. Wer hiernach eine positive Erwartungshaltung in Bezug auf ihr neues Buch hatte, wird nach der Lektüre vermutlich mit einer ambivalenten Einstellung zurückbleiben.


Es geht um Miriam Meckel und ihren Erfahrungsbericht über ihren Burnout, in dem sie bekennt: „Zwischen Wissen und Anwenden klafft im Leben häufig eine tiefe Kluft. Und aus Wissen entsteht nicht zwangsläufig Veränderung...“, eine profane Erkenntnis - wird diese sie zu einer neuen Sicht, zu neuem Bewusstsein in des Wortes ureigenster Bedeutung führen?


In einer psychosomatischen Klinik versucht die Autorin nach einem physischen und psychischen Zusammenbruch zu sich selbst zu finden und unterzieht sich einer zweifachen Therapie: den Maßnahmen der behandelnden Ärzte und der Selbstheilung durch Schreiben, wie sie es selbst sieht. Dabei fließt in zwei Inaktivitätstage, die als kommunikativer Stubenarrest definiert werden, alles ein: die Ausgangssituation, in der es weder E-Mails, Internet, ein Posting für das Weblog noch die Aktualisierung des Status bei Facebook gibt und sie bestürzt ist, dass sie unter Informationsinput leidet und allenfalls zu Smalltalk fähig ist. Befremden entsteht, wenn wie anfangs ausschließlich englischsprachige Begriffe die Eigenkommunikation bestimmen, wenn die „ Gedanken durch den Raum floaten“, To-do-Listen erstellt werden“ und sie hilflos Bilder „ein-und auszoomt“, um festzustellen, dass es den Verlust von Kraft und Konzentration gibt.


Aber die Betroffene versucht auch, auf eine glaubhaft ehrliche und offene Art den Ursachen ihres Zustandes auf den Grund zu gehen, was sie so beschreibt: „Ich war fünfzehn Jahre um die Welt gereist, hatte gearbeitet, geredet, akquiriert, repräsentiert, bis der Arzt kam...Ich habe keine Grenzen gesetzt, mir selbst nicht und auch nicht meiner Umwelt...Und ich habe einfach nicht glauben können, dass ich nicht immer so weitermachen kann.“ Sie verknüpft das mit einem Problem das jedem zu denken geben sollte :„Wer krank ist, muss ganz schnell gesund werden, damit er wieder funktionieren kann“, und wir können nicht mit Kranken und Krankheiten umgehen.


Aber kann man Zustände des Krankseins und des Nichtfunktionierens miteinander vergleichen? Lösungen kann und will Miriam Meckel nicht anbieten, denn sie hat mit sich selbst zu tun und erfasst einen ihrer Konflikte ziemlich präzise, dass sie nämlich als bekennende „ globale Neonomadin“ nach Verwurzelung sucht. In ihren Reflexionen wird deutlich, dass sie sich als Wissenschaftlerin, Journalistin und Moderatorin überfordert hat, weil sie in den vergangenen Jahren rund um die Welt Vorträge, Seminare, Beratungen gehalten , zehn wissenschaftliche Aufsätze und fünf Bücher geschrieben hat, dazu 43200 Flugkilometer zwischen Zürich und Berlin für eine Fernbeziehung absolviert hat, was wie ein Rausch anmutet, aber auch ihre elitäre Stellung verdeutlicht. Sie stellte sich immer einem hohen Leistungsanspruch und offerierte eine ebensolche Leistungsbereitschaft und eine nahezu überbordende Intellektualität, womit sie auch in diesem Buch kokettiert, und was sie durch die Einbeziehung einer Fülle von theoretischen Autoritätsbeweisen unterstreicht. Letzteres aber provoziert die Frage: Sind die akademischen Einlassungen dem Hang zum Perfektionismus oder zur Schau gestellter Gelehrsamkeit geschuldet?


Doch Meckel formuliert auch Einsichten, wie: Ich „... muss einen Schritt zurück machen, Tempo rausnehmen aus meinem Leben und mir gestatten, mich Menschen und Orten zuzuwenden, die mir mehr bedeuten, als ich bislang gewusst habe...“. Und sie tut das in einer Betrachtungsweise, die den Leser berührt. In dem Kapitel 'Inseln in mir' beeindruckt ihre sehr persönlich gehaltene, ehrliche, ja, gefühlsmäßige Reflexion, wenn sie begreifbar macht, welche emotionalen Defizite verdrängte Trauer hervorbringt. Meckel setzt sich darin mit dem qualvollen Sterben ihrer Mutter, dem Verlust von Freunden, die durch Selbstmord aus dem Leben geschieden sind und dem sie sehr bewegenden Problem des Trauern-Könnens auseinander, ausgelöst durch ihre Frage an ihre Ärztin: „Woher kommt das Weinen?“ und deren Gegenfrage „Haben Sie jemals richtig getrauert über die Verluste, die Menschen, die Sie verloren haben?“


Auffällig ist, wie die Patientin Miriam Meckel Schwierigkeiten hat - obwohl sie Kommunikationsexpertin ist - Kontakte zu den Mitpatienten zu knüpfen und letztlich die Frage nicht beantworten kann: 'Wer ist mein Freund ?' Im letzten Kapitel, dem Brief 'Liebes Leben' , der auch eine Liebeserklärung ist, entwirft die Autorin ein Gegenstück zu ihren sich so fatal entwickelten Denk- und Verhaltensmustern.


Gegenwärtig hält sie sich zu einem Studien-und Arbeitsaufenthalt in Harvard auf. Es ist ihr zu wünschen, dass sie nicht rückfällig wird, die Kluft zwischen Wissen und Anwenden endgültig überwunden hat und das Leben nicht wieder „als logistische Herausforderung“ begreift.